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GUTE NEWS, SCHLECHTE NEWS: In der ARD spricht Linda Zervakis die „Tagesschau“-Nachrichten.

GUTE NEWS, SCHLECHTE NEWS: In der ARD spricht Linda Zervakis die „Tagesschau“-Nachrichten.© Christian Charisius

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Interview

Linda Zervakis über Kioske als Schule des Lebens

In der „Tagesschau“ verkündet sie um 20 Uhr Nachrichten, als Kind war sie die „Königin der bunten Tüte“: Linda Zervakis (39) hat ein amüsantes Buch über ihre Kiosk-Vergangenheit geschrieben, am 20. Oktober liest sie daraus bei Leuenhagen & Paris.

Freuen Sie sich schon auf die Lesung nächste Woche in Hannover? Wir sind eine Stadt mit unglaublicher Kioskdichte.
Ja, das habe ich schon gehört! Wir waren auch kurz davor, den Film-Trailer für das Buch in Hannover zu drehen, weil ein Kollege da gute Kontakte zu einem klassischen Kiosk hat, der gut gepasst hätte. Wir haben uns dann aber doch für Hamburg entschieden, weil das für mich einfacher war mit der Betreuung der Kinder.

Wann haben Sie Ihre letzte bunte Tüte gekauft?
Das passiert immer wieder zwischendurch beim Spazierengehen. So eine bunte Tüte ist ja auch ein prima Bestechungsmittel für Kinder (lacht).

Und was kommt rein in Ihre Tüte?
Ich liebe weiche Pfirsiche und Schaumstofferdbeeren, große Schnuller und diese blauen Schlümpfe, die am Gaumen festkleben. Ich suche immer noch nach den Sachen, die ich als Kind selber im Kiosk verkauft habe. Die besten Süßigkeiten kommen - ich will hier ja keine Namen nennen - eindeutig aus Bonn.

Konnten Sie als „Königin der bunten Tüte“ denn bei Ihren Mitschülern punkten?
Das war mein einziges Statussymbol - und auch ein bisschen mein Schutzmantel. Ich hatte nämlich damals das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Statt Krokodil auf der Brust hatten meine T-Shirts eben das Palomino-Pferdchen von C & A im Etikett. Aber ich durfte mit meinen Eltern zum Einkauf in die Metro, hatte Eintritt zu einer Welt, die meinen Mitschülern verwehrt wurde. Ich war immer auf dem Laufenden über Neuigkeiten im Süßwaren-Regal.

Warum übernahmen Ihre Eltern nach einigen Jahren mit Fabrikjobs den Kiosk?
Irgendwann arbeiteten die Roboter schneller als die Gastarbeiter, die Jobs fielen weg. Eine Taverne kam nicht in Frage, weil sie wegen uns drei Kindern nicht bis spätabends arbeiten wollten. Gegen einen Imbiss haben wir gestimmt, weil wir nicht nach Pommes stinken wollten.

Welche Rolle spielen Kioske im Leben der Menschen?
Ich finde, sie sind wichtig für eine Stadt, weil sie eine andere Art Treffpunkt sind, die Seelsorge der Siedlung. Man tauscht sich aus, teilt seine Sorgen mit - und geht vielleicht mit einem Lächeln im Gesicht wieder raus.

Sie standen bis zu Ihrem 28. Lebensjahr selber regelmäßig sonntags hinter dem Tresen des Kiosks ihrer Mutter. Gab es Stammkunden, die sich Ihnen besonders eingeprägt haben?
Meine Eltern haben uns Kindern ja eingebleut: „Der Kunde ist König!“ Natürlich gab es einige, denen man gemeine Namen gegeben hat. „Der Stinker“ roch streng - aber wenn man ihn näher kennengelernt hat, hat man gemerkt, dass er nicht verkehrt ist. Oder Johnny, der ein Spinnennetz ins Gesicht tätowiert hatte, eine liebe Seele!

Hat Ihnen die Arbeit im Kiosk auch etwas gegeben?
In einem Kiosk ist man gezwungen, sich mit solchen Charakteren auseinanderzusetzen, ihnen eine Chance zu geben. Der Kiosk ist eine gute Schule fürs Leben. Man lernt, Vorurteile abzulegen. Für meinen Job war das wertvoll. Dass ich so viele Facetten des Lebens kenne, hat mir später bei Interviews geholfen.

Wie geht es Ihnen als „Tagesschau“-Sprecherin, wenn Sie Nachrichten über die Griechenland-Krise verkünden?
Ich liebe das Land und bin traurig über die Zustände in Griechenland - 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit sind ein Drama. Aber im Fernsehen bin ich „die professionelle Linda“. Ich konzentriere mich auf die Nachrichten und bin 15 Minuten neutral.

Wie viel Griechenland steckt in Ihnen?
Eine gewisse Art von Temperament. Wenn ich lache, dann lache ich laut. Mein Sinn für Familie ist groß - dass man zusammenhalten muss, habe ich im Familienbetrieb Kiosk gelernt. Wir fahren alle zwei Jahre nach Griechenland, damit ich meinen „griechischen Akku“ auftanken kann. Die Sprache fehlt mir dann, der Duft und der Klang des Landes.

Sie wurden bei der Premiere 2013 als „erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund“ gefeiert ...
Ich mag dieses Wort nicht. Es ist wie ein Schatten, der hinter mir herläuft (lacht). In der Schule war das aber nie ein Thema, da ging es um den Menschen.

Was ist aus Ihrer persönlichen Erfahrung ein Tipp für die Integration von Flüchtlingen?
Sprache ist der Schlüssel. Wir Kinder haben da viel durch die Frau gelernt, die unsere „Tante Toni“ wurde und über die ich im Buch auch schreibe. In eine deutsche Familie eintauchen zu dürfen, ist eine große Chance. Man lernt die Regeln kennen, Respekt vor anderen Kulturen, man bekommt ein anderes Bewusstsein für das Land. Eltern brauchen aber auch Vertrauen, ihr Kind in solche Hände zu geben. Meine Mutter und Tante Toni sind bis heute befreundet.

Hätten Sie Kind gedacht, dass Sie mal „Tagesschau“-Sprecherin werden?
Niemals! Das war utopisch, denn die „Tagesschau“ war heilig - damals gab es ja nur drei Programme.

Linda Zervakis liest am 20. Oktober ab 19.30 Uhr bei Leuenhagen & Paris (Lister Meile 39) aus „Königin der bunten Tüte“. Karten: zehn Euro.


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