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WIEDER DA: Andreas Kümmert hatte sich für einigeZeit rargemacht, heute Abend tritt er in der Faust auf.

WIEDER DA: Andreas Kümmert hatte sich für einige Zeit rargemacht, heute Abend tritt er in der Faust auf.© Peter Steffen

Porträt

Kümmert: „Ich habe viel über mich gelernt“

Ganz plötzlich verzichtete er vor laufender Kamera, beim ESC in Wien anzutreten. Das war vor anderthalb Jahren. Nun kommt Andreas Kümmert (30) zurück auf die Bühne und erzählte NP-Autorin Heike Schmidt, wie ihm das gelungen ist.

Herr Kümmert, wie geht es Ihnen?

So weit ganz gut.

Die Zeit war sicherlich nicht ganz einfach für Sie, nachdem Sie den Eurovision Song Contest wegen einer Angststörung abgelehnt hatten.

Ich bin auf dem Weg der Besserung und habe mein Leben so weit geordnet, dass ich mich so weit bereit fühle.

Wann und warum haben Sie sich damals entschieden, sich von der Bühne zurückzuziehen?

Na ja, ich habe nicht wirklich eine Pause eingelegt. Ich war auf Tournee. Ich war nur in den Medien nicht präsent. Das heißt nicht, dass ich nicht da war.

Sie haben gesagt, dass der Hass, der Ihnen damals manchmal entgegenschlug - gerade auch über die sogenannten sozialen Medien - Sie sehr belastet und runtergezogen hat. Wie gehen Sie heute damit um?

Es gibt verschiedene Instrumente, die ich verwende. Zudem bekomme ich vieles nur sehr gefiltert mit.

Wer filtert?

Mein Management. Ich mache auch meine Facebook-Seite nicht mehr selbst, werde aber ständig auf dem Laufenden gehalten über alles, was dort passiert. Zudem habe ich gelernt, dass die Menschen, die mir ihren Hass entgegengebracht haben, nicht mich meinen, da sie mich ja gar nicht persönlich kennen.

Haben Sie eigentlich jemals darüber nachgedacht, mit der Musik aufzuhören?

Das war tatsächlich nie eine Option. Die Musik gehört zu mir. Ich möchte gar keinen anderen Weg gehen.

Dazu gehört aber auch eine gewisse Stärke, oder?

Natürlich gehört Stärke dazu. Aber wenn man Musik so selbstverständlich macht wie morgens aufzustehen, dann kostet das zwar Kraft, diesen Weg zu gehen, aber diese Anstrengung ist es wert - zumal es ja keine Alternative gibt.

„Recovery Case“ heißt nicht nur Ihre neue CD, sondern auch ,Genesungsfall‘. Also Musik als Therapie?

Ja, auf jeden Fall. Das Album enthält autobiografisch die vergangenen anderthalb Jahre meines Lebens, in denen ich viele Sachen verarbeitet habe. Es ist sehr ehrlich.

Ist Ehrlichkeit nicht gefährlich? Wer ehrlich ist, ist auch immer sehr verletzlich ...

Ja, ich denke schon, dass das gefährlich ist. Aber es ist auch nötig, damit man sich diesen Menschen entgegenstellt, die so viel Hass in sich tragen. Man muss zeigen, dass sie keine Wirkung auf das eigene Leben haben.

Sie haben einmal gesagt: „Es ist ein Paradoxon für mich: Ich brauche Öffentlichkeit und habe Angst vor ihr.“ Wie dämmen Sie jetzt die Angst ein? Ist sie überhaupt beherrschbar?

Ja, sie ist beherrschbar. Angst vor der Bühne hatte ich ja nie. Wenn Menschen einen auf der Bühne sehen wollen und eine Karte für ein Konzert gekauft haben, dann stehen sie einem ja grundsätzlich eher positiv gegenüber. Beim kostenlosen TV ist das ganz anders. Ich habe gelernt, die Angst zu beherrschen. Ich mache eine Therapie und habe sehr viel über mich selbst gelernt. Zudem bekomme ich Medikamente.

Es geht ja auch immer darum, sich selbst zu lieben, zu akzeptieren und zu definieren. Samy Deluxe beispielsweise hatte als farbiger Deutscher in seiner Jugend große Probleme, seine Identität zu finden, hat er einmal gesagt. Wie wichtig ist es eigentlich, in unserer Gesellschaft dazuzugehören? Möchten Sie dazugehören?

Ich glaube nicht, dass es wichtig ist dazuzugehören, weil viele Ideale der Gesellschaft menschenfeindlich sind. Bei Samy Deluxe hat die Hautfarbe sicherlich eine große Rolle gespielt, weil grundsätzlich immer etwas gesucht wird, um andere ausgrenzen zu können. Ich finde es manchmal beschämend, dieser Gesellschaft anzugehören. Aus Angst, alleine zu sein, will jeder dazugehören. Aber das nimmt Menschen die Möglichkeit, individuelle Gedanken zu entwickeln.

Ihre CD ist sehr persönlich geprägt. Gibt es eigentlich ein Lieblingslied auf Ihrer CD?

Ich tue mich etwas schwer, mein eigenes Zeug zu bewerten. Es gibt ein paar Titel, die ich ziemlich gut finde. „I Love you“ ist ein Lieblingstitel, geht es in dem Song doch darum, sich selbst zu lieben.

War es eigentlich eine bewuss-te Entscheidung, in kleineren Clubs aufzutreten?

Ja, ich glaube, die haben genau die richtige Größe.

Kennen Sie Hannover?

Ich war mal mit der Schulklasse zu Expo-Zeiten da. Das war klasse. Aber mehr kenne ich von Hannover nicht.

Heute 20 Uhr, Faust, 60er-Jahre-Halle, Karten: 30 Euro.

NP VISITENKARTE

Geboren am 20. Juli 1986 in Gemünden am Main. Die Plattensammlung seines Vaters, eines Trompeters, prägt Kümmerts Vorliebe für den Blues und Rock der1960er und 70er Jahre. Mit neun Jahren lernt er Schlagzeug, mit 13 Gitarre, spielt in vielen Schülerbands und in der Gruppe Silent Cry, tourt auch solo. 2013 nimmt er an der dritten Staffel von „The Voice of Germany“ teil und gewinnt die Casting-Show deutlich – genauso wie den Vorentscheid für den ESC 2015. Doch er überlässt den Sieg der Zweitplatzierten Ann Sophie, weil er sich dem Druck nicht gewachsen fühlt. Es folgen Kritik und Häme in den sozialen Netzwerken, Kümmert zieht sich vorerst zurück und begibt sich in Therapie.


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