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Mischt sich noch immer gern unters Volk: Ulrich Krempel sagt über sich, dass er gern lacht und mit Menschen spricht. Das war auch im Gespräch mit der NP nicht anders. Foto: Behrens

Porträt

Krempels Leben im Ruhestand

Seit 2014 ist Ulrich Krempel (68) im Ruhestand. Doch wirklich ruhiger lebt der ehemalige Direktor des Sprengel Museum bislang nicht. Mit der NP sprach er über Paris, seine Pläne und sein politisches Engagement.

Hannover. Als sich die NP vor einiger Zeit mit Ulrich Krempel (68) trifft, ist der noch ganz im Frankreichfieber: „Ich komme gerade aus Paris zurück – eine wahnsinnig schöne Stadt.“ Ein paar Tage hat er in einer Unterkunft im 5. Arrondissement der Stadt verbracht, „ganz studentisch und nicht so teuer“. Der Mann mit dem krausen Haar muss lachen, die Augen blitzen ganz keck hinter den runden Brillengläsern mit blauem Rahmen hervor: „Ich bin gerne im Winter dort, dann sind da nämlich viele normale Menschen – und keine Touristen.“

Wenn der 68-Jährige an der Seine unterwegs ist, fühlt er sich nämlich keineswegs als fremder Urlauber, „die Stadt ist mir sehr nahe“. Nicht weiter verwunderlich, schließlich hat Krempel mal vier Jahre lang an der Pariser Universität Sorbonne, genauer gesagt an der Paris IV, als Gast-Professor ge­lehrt. Einen besonderen An­lass für eine Reise dorthin braucht der ehemalige Direktor des Sprengel Museum nicht, „das Leben selbst ist doch einer“. Außerdem er­gattert er manches Mal auf den Flohmärkten die eine oder andere Antiquität. Dennoch: Nicht ganz zufällig war zum selben Zeitpunkt „eine ganz wunderbare Ausstellung“ in Paris – die Sammlung Schtschukin mit Hauptwerken von Cézanne, Monet und Gauguin. Er kann einfach nicht von der Kunst lassen – warum sollte er auch?

Den Kunsthistoriker, der  in der List lebt, zieht es auch immer wieder gen Osten, ge­nauer gesagt nach Russland. Im November wird er in Moskau in zwei Museen (der Tretjakow-Galerie und dem Jüdischen Museum) eine Lissitzky-Ausstellung eröffnen. „Das Leben der Intellektuellen dort ist nicht einfacher ge­worden“, weiß Krempel von der schwierigen Lage vor Ort zu berichten. Für den gefragten Kurator ein Thema von Relevanz, „denn mich interessiert sehr wohl, wie verlässlich die Kollegen arbeiten können“. Auch im Osten findet sich der Mann, der seit seiner Pensionierung alles an­dere als im Ruhestand ist, also zurecht. Und dass liegt nicht nur an dem Crashkurs in kyrillischer Schrift, den er mal als Student absolviert hat: „Das Reisen und die Möglichkeit, mich mit Künstlern auszutauschen, erfüllt mich.“ Er lacht: „Ich sitze wirklich nicht frus­triert im Keller und baue an einer Eisenbahn.“

Der 68-Jährige wirkt beim Frühstück im inklusiven Café „Anna Blume“ auf dem Stöckener Friedhof  gelöst und heiter, er ist nicht mehr davon getrieben, Gelder fürs Muse­um ranzuschaffen, anstrengende Überzeugungsarbeit bei diversen Institutionen muss er nicht mehr leisten: „Den Job vermisse ich nicht“, sagt er ganz trocken, „den macht man zeitweise. Er isst einen auf, man muss immer frisch sein und auf lange Sicht hin wirken.“ Was ihm fehlt, das sind die 120 Menschen, mit denen er dort tagtäglich gearbeitet hat.

Im „Anna Blume“ liest er übrigens immer wieder mal Texte von Kurt Schwitters († 60) vor, „meine neue Karriere, ich bin jetzt Rezitator“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Je nach Stimmung trägt er heitere oder traurige Gedichte vor. „Viele Themen bewegen uns ja heute noch – oder wieder, wie die Texte über das Flüchtlingsdasein“, so Krempel. Ihm ist es wichtig, sich politisch und gesellschaftlich weiter einzubringen und einzumi­schen, auch ohne Funktion: „Für Demos bin ich zu alt. Dann muss ich mich halt anders engagieren.“
Und das scheint ihm gut zu gelingen – nicht nur in dieser Stadt.

Mirjana Cvjetkovic