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Joachim Flebbe

NP-Interview

Kino-König Flebbe über Popcorn und Luxus-Sessel

Er erfand einst das Multiplex-Kino, das zur Popcorn-Hölle wurde, nun arbeitet er mit Edel-Sälen wie dem Astor Grand Cinema in Hannover am Gegenmodell: Hans-Joachim Flebbe (66) sprach mit der NP über „Easy Rider“ auf der großen Leinwand, exotische Orte wie Bielefeld, Aufstieg, Fall und Rückkehr eines Kino-Königs.

Wann haben Sie das letzte Mal im Kino Popcorn genascht?
Popcorn gehört für mich persönlich im Kino dazu – obwohl es in vielen meiner Premium-Kinos gar kein Popcorn gibt. Da geht es eher exklusiv zu, mit nur ein bis drei Leinwänden, Begrüßungscocktail, kostenloser Garderobe, Getränkeservice am Platz. Die Eintrittskarte kostet dann aber auch um die 15 Euro. Popcorn gibt’s aber zum Beispiel im Berliner Zoo Palast, einem ehemaligen Multiplex-Kino, das wir umgebaut haben.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie in den 70ern in Hannover ins Kinogeschäft eingestiegen sind?
Klar, damals hatte ich lange Haare und Vollbart, studierte Germanistik und Psychologie, später bin ich auf BWL umgeschwenkt, aber irgendwie nie fertig geworden. Ich hatte viel Zeit und war täglich im Kino. Damals hatten Filme lange Laufzeiten, oft Monate. Waren sie aber erst mal verschwunden, dann auf Nimmerwiedersehen. Es gab ja kein Video und erst recht kein Internet. Jahre später tauchten die Filme wieder im Fernsehen auf. Vielleicht.

Heute kaum mehr vorstellbar.
Mich als Cineasten hat das mächtig geärgert. Ich wollte Peter Fonda in „Easy Rider“ über die große Leinwand knattern sehen. Also kreuzte ich im Apollo in Linden auf. Damals lief es dort nicht mehr so gut. Der Besitzer Henk ter Horst hörte sich meine Vorschläge an und hatte den Mut, mich mein Wunschprogramm zusammenstellen zu lassen. Vom ersten Tag an hat das funktioniert. Viele Zuschauer hatten wohl ähnliche Vorstellungen. Geld habe ich anfangs noch gar nicht damit verdient, ich wollte nur bestimmte Filme wiedersehen.

Wie ging es weiter?
Damals wurde kaum mehr ins Kino investiert, die Besucherzahlen gingen runter. Meine Idee war, alte Filmtheater zu renovieren und mit bequemen Stühlen und besseren Leinwänden auszustatten. Zeitweilig besaß ich alle Kinos am Berliner Kurfürstendamm, Säle in Hamburg, Bielefeld, Göttingen und anderswo. Man nannte mich auch den Kino-König von Ostfriesland. Damals zählte ich zu den Top-Ten-Kinobetreibern – war aber hoch verschuldet. Das Geld, das ich einnahm, habe ich gleich wieder investiert. Am schlimmsten war es in warmen Sommern: Wenn die Menschen lieber in die Biergärten gingen, wurden die Bankdirektoren nervös, ob sie ihre Kredite wiedersehen würden.

Warum erfanden Sie die Cinemaxx-Kinos?
Weil ich an Grenzen stieß, vor allem an bauliche. Die Säle wurden ja nicht größer. Dann kam die Konkurrenz durch die  privaten TV-Sender hinzu. Es ging ums blanke Überleben, das ist heute also gar nichts Neues. Wir brauchten große Leinwände als Alleinstellungsmerkmal und änderten komplett den Ansatz: Wir begannen, das Kino um die Leinwand herum zu planen – mit einem Zuschauerraum wie in einem Amphitheater, damit jeder über die Köpfe der vor ihm Sitzenden gucken kann.

Wusste das Publikum die Neuerungen zu schätzen, als Sie 1991 das erste Cinemaxx in Hannover eröffneten?
Mir war klar: Entweder wird das ein Riesenerfolg, oder ich bin bis ans Ende meiner Tage ruiniert. Dann applaudierten die Besucher schon, als sie die riesige Leinwand nur erblickten. Und als erst die Sitze beim Dolby-Surround-Ton erzitterten ...

Warum haben Sie so viele Cinemaxxe  hochgezogen, bis es dem Konzern das Genick brach?
Wir sind tatsächlich schnell gewachsen. 1998 gingen wir an die Börse, um die Expansion finanzieren zu können. Bald hatten wir 40 Kinos in Deutschland und 15 in halb Europa, in Polen, Dänemark, Ungarn, Österreich, in der Türkei. Das heute noch erfolgreichste Kino der Schweiz steht in Luzern und war mal ein Cinemaxx. Aber wir hatten keine Wahl: Wir mussten wachsen, wir waren Pioniere. Wer als Erster eröffnete, war der Platzhirsch. Das Problem war: Später genehmigten die Städte weitere Großkinos der Konkurrenz, sogar an so exotischen Orten wie Bielefeld. Dafür gab es einfach nicht genug Publikum.

Wie tief war der Absturz?
Ich war sicher zu risikofreudig, hatte es auch versäumt, einen vorsichtigeren Finanzvorstand an meine Seite zu holen. Aber die Cinemaxx-Gruppe war entgegen allen Gerüchten nie pleite. Nach meinem Ausstieg 2008 wurde sie für 150 Millionen Euro nach England verkauft. Netto.

Warum haben Sie danach nicht aufgegeben?
Ich erinnerte mich daran, dass Freunde sich bei mir immer wieder beschwert hatten über ihre Multiplex-Erlebnisse – die Schlangen, der Fußboden voller Popcorn, der Geruch nach Nachos. Das hatte etwas Ironisches: Sie kritisierten ja genau das, was ich mitgeschaffen hatte. Da habe ich mir überlegt, wie wohl mein Lieblingskino aussehen müsste. Das erste, das ich nach meinen Vorstellungen realisieren konnte, war die Astor Film Lounge am Kurfürstendamm in Berlin. Das Echo war enorm. 2018 eröffne ich ein neues Haus in der Hamburger Hafen-City, und wir erweitern das traditionsreiche Münchener Arri-Kino.

Und was ist mit der Kinokrise?
Die jungen Leute sind diejenigen, die zu Hause vor dem Computer sitzen. Wenn sie noch ins Kino gehen, dann müssen es Blockbuster wie „Star Wars“ sein. Die Älteren bleiben dem Kino treu. Denen kommt es auch nicht auf jeden Euro an. Die Logenplätze sind bei uns immer zuerst ausgebucht.

Sie sehen in Ihren Edelkinos nur ergraute Besucher?
Natürlich nicht nur, aber was ist daran schlimm? Diesen Leuten geht es ums besondere Erlebnis.

Wann stirbt das Kino denn nun?
Irgendwann werden hoffentlich auch Serienjunkies wieder Lust auf eine zehn Meter hohe und 23 Meter breite Leinwand haben. Wichtig ist, dass die Kinos standhaft bleiben und auf ihrem Recht beharren, neue Filme vor den Streamingdiensten und allen anderen zu zeigen.  Ich kenne keinen besseren Ort als den vor der Leinwand, um mit anderen zu lachen oder zu weinen.

Von Stefan Stosch


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