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Mensch-Hannover Kerstin Werner - die freche Ossi-Maus des NDR
Menschen Mensch-Hannover Kerstin Werner - die freche Ossi-Maus des NDR
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15:53 11.11.2014
Immer einen Spruch auf den Lippen: Kerstin Werner. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Ehe sie die erste Flasche Rotkäppchen-Sekt köpfte, wartete Kerstin Werner (heute 46) am Abend des 9. November 1989 lieber noch die ein oder andere Meldung ab. Die Journalistik-Studentin saß an jenem Donnerstag mit Kommilitonen in ihrem Leipziger Stammlokal, dem „Bachstübl“. „Macht das Radio an, die Grenze ist offen!“, hieß es in dem Gasthaus gegenüber der Thomaskirche in der Altstadt.

Dass sich etwas im Land tat und im Umbruch befand, war den Studenten und Werner nicht entgangen: „Unsere Mensa befand sich genau gegenüber der Nikolaikirche, die Montagsdemonstrationen haben wir hautnah miterlebt“, erinnert sie sich, als die NP sie an ihrem Arbeitsplatz im NDR-Landesfunkhaus am Maschsee besucht. Mitgelaufen sind sie anfangs aber nicht: Die Sektion Journalistik an der Uni hieß das „rote Kloster“ und unterstand der Aufsicht der SED. „Deshalb trauten wir uns nicht, sondern standen nur am Rand.“

Ab dem 9. November war das anders: „Irgendwann konnte man gar nicht mehr so schnell gucken, wie die Stadt sich leerte.“ Gefühlt waren „alle weg“ - fast. „Ich war die Dumme. Ausgerechnet da war ich Studentin vom Dienst.“ Heißt: Im Wohnheim der damaligen Karl-Marx-Universität hockte Werner in einem kleinen Pförtnerhäuschen, bei ihr trugen sich Studenten ein und aus, wenn sie die Fakultät verließen. Das war ab Freitag, dem 10. November, mannigfach der Fall. Ziel: Berlin. „Wir kommen wieder“, trösteten sie die damals 21-Jährige. Die entgegnete nur: „Ihr seid echt putzig“ - und erlebte ihr wohl ruhigstes Wochenende aller Zeiten.

Es sollte zwei Wochen dauern, ehe sich die angehende Journalistin selbst auf den Weg nach Berlin machte. Sie besuchte die SFB-Talkshow „Freitagnacht“, die Lea Rosh (78) moderierte. „Es war die erste Show nach dem Mauerfall“, so Werner. „Faszinierend, wie wir willkommen geheißen wurden, es waren Stühle für Ossis freigehalten worden.“ Auf der Aftershow-Party lernte sie sogar den damals Regierenden Bürgermeister Berlins Walter Momper (69) kennen. Die Journalistin und Autorin Rosh lernte sie in den Folgesendungen auch näher kennen. „Sie ist doch der Grund, warum ich überhaupt in Hannover gelandet bin.“ Doch das sollte noch zwei Jahre dauern.

Nach der Wende wurde zunächst Werners Studiengang „abgewickelt. Die Uni war zu SED-lastig.“ Ihre Konsequenz: Sie ging in die Praxis, schrieb zunächst als freie Mitarbeiterin für die „Volksstimme“, zog dann nach Magdeburg, wo sie fürs Boulevardblatt „Express“ arbeitete. „Irgendwann bekam ich Lust, Radio zu machen“, erzählt die gebürtige Stendalerin. In der Zwischenzeit war Lea Rosh 1991 Leiterin des NDR-Landesfunkhauses geworden. Werner rief sie an, bat darum, sie zu besuchen und sich an ihrer Wirkungsstätte umzusehen. „Sie war witzig und spritzig und politisch sehr bewusst“, erinnert sich Rosh im NP-Gespräch an ihren Schützling. Offenbar war es Werner sofort gelungen, Eindruck zu hinterlassen. „Diese freche Ossi-Maus möchte ich haben“, urteilte die Funkhaus-Chefin damals. „Ich wollte ihr eine Chance geben und den beruflichen Einstieg ermöglichen, eben weil sie aus der DDR kam“, begründet die 78-Jährige heute. „Das habe ich gerne gemacht.“

Ähnlich gern zog Werner in den Westen, lernte beim NDR das Radiomachen von der Pike auf. „Als ich meinen ersten Beitrag gemacht hatte, war ich unglaublich glücklich.“ Das war vor 23 Jahren, sie und ihre Stimme gehören bei NDR 1 Niedersachsen seitdem zum Inventar.

Was ist sie denn heute mehr - Ossi oder Wessi? „Ich habe schon immer gesagt, was ich denke, habe mit meiner Meinung nie richtig hinterm Berg gehalten“, beschreibt sie ihre demokratischen Züge. Ihr Geschick, Freundschaften zu pflegen und diese Herzlichkeit, die sie stets an den Tag legt, hat sie sich wohl aus ihrer Heimat im Osten bewahrt. Also irgendwas an der Grenze. Apropos Grenze: Morgen moderiert sie in Helmstedt das Bürgerfest „25 Jahre Mauerfall“. Wenn da nicht mal ein paar Korken knallen zur Feier des Tages. Vielleicht bringt ja wer Rotkäppchen-Sekt mit ...

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