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NPInterview

„Kann ich das nicht alles sein?“

Der Hamburger Michel van Dyke (53) ist Musiker, Produzent, Songwriter, Sänger und Dozent an der Musikhochschule. Nächste Woche erscheint sein neues Solo-Album „Doppelleben“. Ein Interview über das Leben zwischen den Stühlen.

Hannover. Taugt Ihr neues Album als Anschauungsobjekt für Ihre Studenten?

Ich hänge das ja nicht an die große Glocke. Ich finde es auch peinlich, mich selbst in den Vordergrund zu setzen, wenn ich über Vorbilder spreche. Einige Studenten haben mich drauf angesprochen, und dann haben wir gemeinsam das erste Video gesehen, aber mir ist so etwas eher unangenehm.

Was bringen Sie Ihren Studenten bei?

Am Anfang des Semesters zeige ich den Studenten erst einmal auf, wie variabel dieser Beruf ist. Dass man als Musiker eben nicht nur in einer Band wie den Ärzten Erfolg haben kann. Sondern dass man unterrichten kann, dass man Produzent werden kann oder Begleitmusiker und dass man eben auch glücklich sein kann, wenn man nicht reich und berühmt geworden ist, sondern einfach nur seine musikalische Identität gefunden hat.

In welcher Rolle sehen Sie sich am liebsten?

Ach, alles was gerade Spaß macht. Zum Beispiel schreibe ich gerade die Filmmusik für „Taxi“ nach dem Roman von Karen Duve. Für mich ist das Allerwichtigste, dass ich kreativ sein und dabei Spaß haben kann. Ich habe nichts dagegen, im Vordergrund zu stehen, und die Kameras sind auf mich gerichtet, aber es muss nicht sein.

Ist es ruhiger geworden in den zehn Jahren seit dem letzten Solo-Album?

So lange ist es nun auch nicht her. Und meine Band Ruben Cossani war auch relativ viel in den Medien. Aber irgendwann war ich auch musikalisch nicht mehr sicher, wie es weitergehen soll. Und habe mir gedacht, eigentlich müsste ich mich neu erfinden. Letztlich bin ich über die Filmmusik daran gekommen - das erste Lied des Albums, „Ging in die Welt hinaus“, entstand als fiktive Filmmusik für „Blue Valentine“. Ich mache das manchmal, dass ich mir vorstelle, die Musik zu einem Film zu schreiben, den ich gerade gucke.

Es ist ein Lied, das wie klassisches Songwritertum beginnt und dann plötzlich zu einem Popsong mit Elektrodrums wird ...

Ja, und da muss man sich fragen, ob das überhaupt zusammen passt. Und es passt natürlich nicht. Aber genau das ist das Spannende an der Musik: dass man Dinge zusammenfügt, die an sich nicht zusammenpassen, und dann entsteht etwas Neues.

Wie kam es zu dem Sprechgesang, der auf „Doppelleben“ vorherrscht?

Ich finde Sprechgesang immer spannend, von Gil Scott-Heron bis James Brown. Auch ein Bob Dylan hat lange mehr gesprochen als gesungen. Das hat sich bei mir eingebrannt.

Worauf bezieht sich der Titel „Doppelleben“?

Jeder Mensch hat viele Facetten. Ich habe das natürlich auch auf mich bezogen, weil viele Leute sich fragen: Ist er jetzt Sänger? Ist er Produzent? Songwriter? Künstler? Und ich mir die Frage stelle: Kann ich das nicht alles sein? Und der Titel ist auch deswegen gewählt, weil die CD eben sehr variabel ist. Früher hätte ich mir darüber Sorgen gemacht. Heute weiß ich: Egal, was ich mache, es klingt immer nach mir.

Sie haben einen Ko-Produzenten dazugenommen. Warum? Und warum Swen Meyer?

Swen Meyer kommt eigentlich aus der Indie-Ecke, aber er hat eben auch Mainstream gemacht, Tim Bendzko zum Beispiel oder Lena. Ich finde ihn interessant, weil er auch ein Pop-Ohr hat. Und bei aller Vorliebe für Abseitiges habe ich immer noch ein Herz für Pop, denn man will natürlich auch Leute erreichen. Und es war nach 15 Jahren, in denen ich alleine produziert habe, an der Zeit, mich wieder zu öffnen.

Was hat er reingebracht?

Ein bisschen mehr Rock ‘n‘ Roll. Aber letztlich ist er genauso ein Pedant wie ich. Und wenn zwei Leute viel Respekt voreinander haben, ist es manchmal auch ein langer Weg. Doch wir haben unsere Eigenartigkeiten akzeptiert, und dabei ist diese Platte herausgekommen.

Wie würden Sie die Grundstimmung beschreiben?

Es ist bei mir ja immer heiter-melancholisch. Für manche Leute klingt das widersprüchlich, aber das Leben ist nun mal kompliziert, leider.

Worüber lohnt es sich zu singen?

Alles was mich bewegt, ist schon lohnend. Und Liebeskummer brennt sich nun mal mehr ein als die schönen Tage. Ich glaube aber, dass ich inzwischen mehr zum Geschichtenerzähler geworden bin. Zum Beispiel dieses „Dieser Kater hat sich nicht gelohnt“ in „Ging in die Welt hinaus“: Das ist ein Potpourri aus Dingen, die ich zwar so nicht erlebt habe, aber fast.

Es geht da unter anderem um einen Mann, der in der Wohnung einer Frau mit einem Dieter-Bohlen-Plakat an der Wand aufwacht ...

Dieses Plakat gab es Gottseidank nicht. Aber es gab mal eine Dame, die Techno-Musik aufgelegt hat, was ganz komisch war. Da bin ich auch nicht geblieben, sondern geflüchtet.