Navigation:

GEBURTSTAGSSTRÄUSSCHEN: Jürgen Piquardt bindet Lorbeer, Thymian und Rosmarin, die er auf seinem Hof (links) gezüchtet hat.© Frank Wilde

|
Porträt

Jürgen Piquardt feiert seinen 75. Geburtstag

Heute, 22.6., wird er 75 Jahre alt, feiert mit alten Weggefährten - und steckt voller Pläne: Seit drei Jahren lebt Jürgen Piquardt in der Provence, der Ex-Wirt vom Ricklinger „La Provence - Paradies“ schreibt an einem Buch, pflanzt Safran an und macht Kunst mit Wurzeln.

Thymian, der nach der Sonne Südfrankreichs duftet, Lorbeerblätter, Rosmarin mit geschmeidigen Nadeln. Körbeweise hat Jürgen Piquardt (75) die Kräuter im Kofferraum mitgebracht, in seinem kleinen Büro-Holzhäuschen hinter dem „Paradies“ in Ricklingen bindet er sie zu Sträußchen zusammen. „Die bekommen meine Gäste geschenkt“, sagt er mit zufriedenem Lächeln.

Heute wird gefeiert. Mit Menschen, die den Weg des Bio-Aktivisten seit Jahrzehnten begleiten, wie Ex-OB Herbert Schmalstieg (73), Ex-Wirtschaftsdezernent Hans Mönninghoff (65), SPD-Größe Wolfgang Jüttner (68), „Teestübchen“-Wirt Günther Bohnecke (70) und Comedian Martin Jürgensmann (48). Und mit Menschen, deren Lebensweg sich nur wenige Minuten mit seinem überschnitten hat: „Ein Taxifahrer hat mich vor einigen Tagen in Hannover erkannt und mir von Problemen mit seinen zwei Olivenbäumen erzählt. Jetzt bringt er die Bäume zur Party und ich beschneide sie für ihn.“ Kurze Wege, direkte Hilfe, große Herzlichkeit - das war schon immer Piquardts Rezept. Außerdem ist er vom Fach: Aus etwa 500 Olivenbäumen gewinnt er in der Provence sein eigenes Öl, 400 Liter im Jahr. „Ich bin jetzt zertifizierter Kleinbiobauer“, berichtet er stolz - und will seine alte Heimat dreimal im Jahr mit den kostbaren Tropfen versorgen.

Seinen 75. Geburtstag hat Piquardt von langer Hand geplant. „Ich habe mir schon damals in den Verkaufsvertrag reinschreiben lassen, dass ich hier feiern darf“, erzählt er mit einem verschmitzten Grinsen über den Abschied aus dem „Paradies“ im Jahr 2012. Bei der Party heute helfen ehemalige Mitarbeiter, den Rosé-Wein hat ein Freund gestiftet, dem Piquardt die Bäume beschnitten hat, das Quellwasser hat er selber auf seinem kleinen Hof „La Minguinelle“ nahe Aix-en-Provence abgefüllt, vier Säcke Kartoffeln und 30 Eier hat ein Bauer gestiftet, das Bier die Herrenhäuser Brauerei. „Das ist viel Glück und Reichtum“, sagt der 75-Jährige, der stets für nachhaltigen Konsum und ganzheitlichen Lebensstil geworben hat.

Im Oktober soll seine Philosophie zwischen zwei Buchdeckeln stehen: „Lust auf Pflanzenkost“ wird sein Werk heißen. „Es wendet sich an Allesesser“, betont Piquardt, der niemanden verurteilt, weil er mit Fleisch oder Eiern kocht: „Aber man sollte weniger verwenden, bewusst damit umgehen.“ 90 Seiten hat er schon geschafft, der Rest soll mit strikter Routine entstehen. „Ich schreibe von 8.30 bis 11.30 Uhr“, erzählt der Mann, der ein festes Ziel vor Augen hat - Ende Oktober will er das Buch nämlich beim Ricklinger Volkslauf vorstellen. Dafür steigt der 75-Jährige im August auch wieder ins Training für die Zehn-Kilometer-Strecke ein. Regelmäßig macht er keinen Sport mehr: „Nach acht Stunden Holzhacken kann man das vergessen.“

Es ist ein einfaches, aber erfülltes Leben, das Heike (67) und Jürgen Piquardt in der Provence führen. Anderthalb Kilometer von „La Minguinelle“ zum nächsten Nachbarn, sieben Kilometer ins Dorf. „Ein entschleunigtes Leben. Aber der erste Winter war hart“, erinnert er sich. Inzwischen haben sie die Solaranlage auf dem Dach aufgerüstet, einen Saunaofen angeschafft, das Bad ausgebaut. „Ich bin in diesen drei Jahren handwerklich sehr geschickt geworden“, bilanziert er amüsiert.

Wie fühlt sich die Zahl 75 an? „Großartig!“ Piquardt strahlt und erzählt davon, dass er mit sich im Reinen sei - „je suis d’accord avec moi“ - und sich darauf vorbereitet, „wieder Natur zu werden“. Oha? Piquardt winkt ab. „Das Beschneiden der Olivenbäume macht den Kopf frei“, sagt der Ex-Wirt, der mit seinen Bäumen Dialoge führt: „Ich beschäftige mich intensiv mit dem Thema Tod. Aber schon seit meiner Kindheit.“

Vorher hat er aber noch einiges vor. Aus alten Baumwurzeln gestaltet er kunstvolle Objekte - und wagt ein Pflanzprojekt: 100 Safranknollen wachsen in einer Versuchsanlage, wenn es klappt, will er die Pflanze auf 4000 Quadratmetern anpflanzen. Im Oktober sprießen die Blüten, dann ist Tempo angesagt. Denn die kostbaren Fäden muss man mit einer Pinzette aus dem Stempel ziehen: „Man hat nur einen halben Tag für die Ernte.“ Das klingt nun aber gar nicht entschleunigt ...

NPVisitenkarte

Geboren am 22. Juni 1941 in Weimar. Die DDR verlässt Jürgen Piquardt 1961, der Weg führt ihn nach Hannover. Er studiert Bauwesen, bricht aber kurz vor dem Diplom ab. Seine Frau Heike lernt er 1966 kennen. Das Paar eröffnet 1977 in Ricklingen das Lokal „La Provence“, 2000 kommt in der Nähe das „Paradies“ dazu. Ende 2012 ziehen sie sich auf ihren Hof in der französischen Provence zurück, den sie seit 40 Jahren besitzen. Auf dem Gastro-Ball 2013 wird Piquardt für sein Lebenswerk geehrt, er hat sich leidenschaftlich für nachhaltigen Konsum und Gemüseküche eingesetzt. Zum „Lebensfest“ heute gibt es – natürlich – Pflanzenkost.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Anzeige

Bild des Tages

Der Himmel brennt: NP-Leserin Sina Schröder fotografierte den atemberaubenden Sonnenuntergang in Döhren.

zur Galerie