Navigation:
Interview

Johann von Bülow - „Loriot war ein Sprachkomponist“

Er trägt den berühmten Namen und ist über viele Ecken vermutlich verwandt mit dem berühmten Namensvetter: Johann von Bülow (43) liest Freitag im Theater am Aegi aus „Der ganz offene Brief“ von Vicco von Bülow († 87), besser bekannt als Loriot.

Wie viele von Bülows gibt es denn in Deutschland?

Da müssten Sie alle Telefonbücher durchsuchen. Ich weiß es auch nicht so genau, ich habe mal gehört, dass es weltweit 700 bis 800 sind. Wir gehen eben alle auf den gleichen Raubritter zurück. Ahnenforschung ist aber nicht so mein Ding. Die Verwandtschaft ist irre weit verzweigt, und auch meine Beziehung zum berühmten Vicco von Bülow kann man gar nicht mehr so genau herausfinden. Da haben sich vielleicht manche Familienzweige schon vor 200 Jahren getrennt.

Haben Sie Loriot persönlich getroffen?

Einmal als Kind bei einem Münchner „Familientag“. Da hat er mir ein Männchen mit Knollennase gezeichnet und ich hab mir gedacht: „Aha, das ist also der berühmte Mann, der so heißt, wie ich.“ Als Erwachsener hat er mich mal angerufen, nachdem er mich in einer Rolle gesehen und mitgekriegt hatte, was ich so mache. Als Schauspieler habe ich mich darüber natürlich gefreut. Mehr als drei oder vier Kontakte gab es nicht, das wars. In meinem wahren Leben war Loriot ein ebenso ferner berühmter Mensch wie in Ihrem Leben.

Stellen die Leute andere Erwartungen an einen von Bülow?

Welche Erwartungen stellen Sie sich denn da vor?

Dass man besonders humorvoll sein muss, wenn man Loriots Namen trägt?

Ach so! Ich dachte jetzt an preußische Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin (lacht). Natürlich kann es auch belastend sein, wenn die Leute erwarten, dass man lustig ist. Aber da ich häufig in sehr unterschiedlichen Rollen agiere, mache ich mir da keine Gedanken ...

Wie kam es zu dem Loriot-Projekt „Der ganz offene Brief“?

Das sind unbekannte Texte, die in den späten 50er und frühen 60er Jahren erschienen waren. Und zwar in der „Quick“, einer sehr populären Zeitschrift, die eher wild und revolverartig aufgemacht war. Loriot schrieb damals eine regelmäßige Glosse, garniert mit Zeichnungen. In diesen Texten kann man den jungen Loriot als Autor entdecken. Es sind nicht die großen bekannten Werke, aber an einigen Stellen kann man erkennen, dass er damals schon etwas ausprobiert hat. Der „Hosenkauf“ ist eindeutig eine Fingerübung für den Sketch, in dem später der Mann mit der Hose in den Kniekehlen das Bekleidungsgeschäft verlässt. Loriot-Kenner werden Parallelen und Hinweise zu späteren Werken finden.

Was gefällt Ihnen an den Texten?

Loriot war ein Sprachkomponist. Jedes Wort ist fein abgestimmt. Für Schauspieler ist es ein gefundenes Fressen, sich das zu eigen zu machen und den Geschichten seinen Stempel aufzudrücken. Loriots Tochter Susanne wollte die Texte als Buch herausbringen, ich sollte sie bei einer Release-Party vortragen. Daraus wurde dann eine ganze Veranstaltungswoche (lacht). Und dann haben wir beschlossen, dass ich mit diesem Programm auf Lesereise gehe, wenn es meine Arbeit als Schauspieler zulässt.

Welche Art von Publikum kommt an so einem Abend?

Vor allem Leute, die mit Loriot aufgewachsen sind. Natürlich haben die Texte Patina angesetzt, für das jüngere Publikum erkläre ich dann schon mal Namen. Wenn Maria Schell den Leuten nichts mehr sagt, dann erkläre ich das mit „die Veronica Ferres von heute“ (lacht). Es ist ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Aber man wundert sich, dass sich manche Dinge gar nicht geändert haben. Wenn Loriot schreibt, dass er seit dem Anschluss ans Telefonnetz mit Werbung bombardiert wird, dann erinnert mich das schon an die Spams im E-Mail-Fach heute.

Mainz, Bochum, Leipzig. Sie haben viel Theater gespielt, vor allem auf kleineren Bühnen. Was lernt man da?

Durchzuarbeiten, mit zehn verschiedenen Stücken 23 Vorstellungen im Monat zu haben. Das hält im Training. Man baut Ängste ab und Kraft auf, von der man später zehren kann. Man wird nicht festgelegt auf Rollen oder bestimmte Ecken.

Wie ist der Schritt ins Fernsehen gelungen?

Ich hatte natürlich anfangs die typische überhebliche Haltung, dass ich nur Theater spielen will (lacht). Aber dann habe ich schon neben der Schauspielschule viel gedreht. Mitte der 90er „Nach 5 im Urwald“, dann eine Hauptrolle in einem ZDF-Film. Ich hatte viele Möglichkeiten, habe mich dann aber trotzdem entschieden, erst mal ein guter Bühnenschauspieler zu werden, und das neun Jahre durchgezogen. Jetzt hat sich das gedreht. In Hannover stand ich übrigens auch schon mal auf der Bühne.

Wann war das?

Unter Intendant Wilfried Schulz gab es eine Koproduktion mit dem Theater Bochum. 2002 haben wir Arthur Schnitzlers „Komödie der Verführung“ gespielt. Aber von Hannover habe ich wenig gesehen außer Theater und Hotelzimmer ...

In „Mord mit Aussicht“ waren sie der Bürgermeister von Hengasch. Welche Rolle hat diese Rolle in Ihrer Karriere gespielt?

Diese Serie war natürlich unglaublich populär bei vielen Leuten, das merkt man natürlich. Es kommt schon vor, dass Leute „Hallo, Herr Bürgermeister“ zu mir sagen.

Können Sie als gebürtiger Münchner eigentlich Bayerisch?

Ja, wenn die Rolle es erfordert. Urbayern würden mich natürlich als „angelernten Bayern“ bezeichnen. Wenn ich mit meiner Mutter einkaufen ging, war mein Lieblingsspruch immer: „I bin a Bayer und mei Vatta is a Preiß.“ Dann hieß es „Mei, der arme Bua“ und ich bekam eine Wurst oder so geschenkt.

30. September, 20 Uhr, Theater am Aegi. Karten für 23,10 bis 38 Euro gibt es in NP-Ticket-Shops (zum Beispiel Lange Laube 10) oder im Internet unter

tickets.neuepresse.de

NPVISITENKARTE

Geboren am 26. September 1972 in München. Die Familie entstammt dem mecklenburgischen Uradelsgeschlecht von Bülow. Ab 1992 studierte er an der Otto-Falckenberg-Schule in München Schauspiel, er hatte Engagements an den Theatern in Mainz, Leipzig, Bochum. Im Kino war er 1995 neben Franka Potente (42) in „Nach fünf in Urwald“ zu sehen, im TV war er häufig in Nebenrollen besetzt. Seit 2014 nimmt seine Karriere Fahrt auf: Er war in den Kinofilmen „Das Labyrinth des Schweigens“ und „Elser“ dabei. Sein neuer Film „Frantz“ unter der Regie von François Ozon (48) wurde bei den Filmfestspielen in Venedig gefeiert.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Anzeige

Bild des Tages

Der Himmel brennt: NP-Leserin Sina Schröder fotografierte den atemberaubenden Sonnenuntergang in Döhren.

zur Galerie