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ÜBUNGSSTUDIO WOHNZIMMER:Jean van den Berg setzt sich täglich an die Gitarre. Meist spielter mit Kopfhörer, der Nachbarnwegen.

ÜBUNGSSTUDIO WOHNZIMMER: Jean van den Berg setzt sich täglich an die Gitarre. Meist spielt er mit Kopfhörer, der Nachbarn wegen.© Felix Peschke

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Jean van den Berg - 100 Jahre und kein bisschen leise

Er ist Hannovers ältester aktiver Musiker: Jean van den Berg wird am Sonnabend 100 Jahre alt. Seinen Geburtstag feiert er mit vielen jungen Musikerkollegen wie Ex-Fury Christof Stein-Schneider erst Sonntag in der Szenekneipe „Böser Wolf“ - natürlich auf der Bühne.

Hannover. Als ich Jean van den Berg vor zehn Jahren wegen eines Artikels das erste Mal begegnete, war es ihm wichtig, noch alleine von der Bühne zu kommen. Der Mädels wegen, wie er scherzte. Mittlerweile wird er dafür etwas Hilfe benötigen, doch auf die Bühne zieht es ihn noch immer. Am Sonnabend wird er 100 Jahr alt.

Damit ist der agile Holländer der älteste aktive Musiker der Stadt. Klar, die Jahre sind auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen, die einst feine Stimme ist brüchiger geworden, auf der Gitarre muss er sich erst ein wenig warm spielen, bis die Finger wieder fester greifen. Aber die Melodien hat er noch immer alle im Kopf, von den Songs, die er so liebt: „Everybody Loves Somebody“, „My Way“ oder „All Of Me“.

Seine Wohnung in der Drostestraße hat er vor einigen Jahren aufgegeben und ist in eine Wohnanlage gezogen. In der List hatte er während eines Gastspiels mit seiner Band 1963 seine spätere Frau Hildegard kennengelernt. Sie heiraten, van den Berg zieht zu ihr. Und hängt ihr zuliebe die Musik an den Nagel.

(Video: Andreas Krasselt)

Der Profimusiker, der seit 1938 von seiner Musik lebte, wird Lagerarbeiter in einer Textilfirma. Bald aber landet er im Büro und wird schließlich Kundenfahrer beim Herrenausstatter Erdmann, wo er seinen Charme spielen lassen kann. Die Gitarre nimmt er nur noch zu Betriebsfeiern in die Hand.

Als Hildegard stirbt, sucht er Trost bei seiner ersten Geliebten: der Gibson-Gitarre, die er 1938 gekauft hat. Er will sie etwas aufmöbeln lassen, bei dem Gitarrenbauer Thomas Stratmann. Der hört ihn spielen, und plötzlich ist van den Berg der Liebling der hannoverschen Musikerszene, eine Art Ein-Mann-Maschseequellen-Social-Club.

„Die jungen Gitarristen finden meinen altmodischen Stil so gut“, sagt er und demonstriert seine Anschlagstechnik von oben über alle Saiten, die etwas an Django Reinhardt (†43) erinnert. „Die sagen immer, da hört man jeden Akkord.“

Etliche der „jungen Musiker“ spielten mit ihm zusammen in Clubs wie „Offenbachs Keller“, dem „Bistro Monopol“, der „Marlene“. „Den ersten Auftritt hatte ich damals mit Ecki Hüdepohl von It’s Me in der ,Irish Harp’“, erzählt er. „Da war ich schon ganz schön nervös. Doch die Leute kamen dann langsam von der Theke nach vorne, immer näher.“

Heute tritt van den Berg nur noch gelegentlich auf. Aber dann mit echten Hochkarätern der Szene, wie Rainer Schumann (50, Ex-Fury) und Oliver Perau (44, Terry Hoax), mit denen er für das Projekt Klang & Leben vor Demenzkranken in einem Wohnstift spielte. Auch mit Christof Stein-Schneider (52), einem anderen Ex-Fury, wechselt er die Saiten.

Wie es sich für einen Vollblutmusiker gehört, feiert Jean van den Berg seinen 100. auf der Bühne, morgen im „Bösen Wolf“ in geschlossener Gesellschaft. „Ich spiele drei Sets mit immer anderen Jungs, der Christof wird auch da sein“, freut er sich. Sicher spielt er auch den Song, der besonders gut zu ihm passt: Sinatras „It Was a Very Good Year“ - zu jeder Jahreszeit.


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