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Eurovision Songcontest

Jamie-Lee Kriewitz: „Es ist die beste Zeit meines Lebens“

Die deutsche ESC-Hoffnung Jamie-Lee Kriewitz (18) über Ehrgeiz, Geistermädchen und den Wunsch nach Unsterblichkeit.

Stockholm. Jamie-Lee, du bist pausenlos unterwegs hier in Stockholm. Interviews, Termine, Proben. Wie hast Du Dir den Eurovisionszirkus vorgestellt?
Genau so! Mir geht’s super. Ich habe viel zu tun, aber ich habe coole Leute um mich herum, die aufpassen, dass es nicht zu viel wird. Wie Smudo zum Beispiel und Michi Beck, meine Mentoren von „The Voice Of Germany“. Und am Wochenende kommen meine Eltern und mein Bruder. Ich verstehe mich auch komischerweise mit allen hier gut. Das ist bei mir nicht immer so.

Wie ist das denn, wenn jetzt plötzlich alle ein Stück von Dir abhaben wollen? Medien, Fans, längst vergessene Bekannte...
Man muss schon ein bisschen aufpassen, wem man vertraut und worauf man sich einlässt. Tatsächlich haben sich ein paar ehemalige Freunde gemeldet, die eigentlich nichts mehr mit mir zu tun haben wollten... Aber das ist für mich kein Problem, weil ich genau weiß, was ich will und wer meine Freunde sind. Und auf die Medien bereitet mich das Team ja bestens vor.

Am Sonnabend trittst du als Mangaprinzessin vor 120 Millionen TV-Zuschauern auf. Was erhoffst Du Dir, was die über Dich denken?
Ich hoffe erst mal, dass mich viele Anime- und Manga-Fans unterstützen und sagen: Die da kommt aus meiner Szene! Dieser ganze Hype ist ja weltweit verbreitet. Und ich hoffe, dass die Leute mich nicht als irgendeine Freakshow abtun, sondern merken, dass ich tatsächlich so bin wie ich bin. Und dass ihnen der Song gefällt und sie spüren, dass ich mir Mühe gebe und hart arbeite und mich nicht verbiegen lasse, sondern mein Ding durchziehe. Das wäre mein Ziel.

Deine Manga-Lieblingsfigur und Seelenverwandte ist das fröhliche Geistermädchen Menma aus dem Anime „AnoHana“. Was glaubst du: Wie käme Menma hier beim ESC zurecht?
Die passt hier nicht rein! Die ist ein Geist!

Vielleicht gibt’s hier ja auch Geister? Dein Song heißt „Ghost“.
Ja, vielleicht! Aber Menma hat schon sehr viel mit mir zu tun. Als ich damals die erste Folge der Serie mit einem Kumpel sah, habe ich sofort gedacht: Oh mein Gott, die ist genau wie ich. Ganz genau so!

Wie denn?
Unter Freunden sehr aufgedreht und laut, und sie hat dieses Niedliche. Aber in einer fremden Umgebung ist sie immer erst mal zurückhaltend, bevor sie etwas sagt. Genau wie ich. Ich verschaffe mir immer erst einen Eindruck – aber wenn alles cool ist, bin ich gerne ein bisschen präsent. Und wir sind beide manchmal verunsichert, aber sehr ehrgeizig.

Verunsichert und ehrgeizig – wie gehst Du denn mit dem Erwartungsdruck um?
Hoffnung und Druck hängen ja zusammen. Wenn ich die ganze Zeit darüber nachdenken würde, wie es wäre, in die Top Fünf zu kommen oder den ESC zu gewinnen, wenn ich mir also die coolsten Bilder im Kopf ausmalen würde, dass ich weltbekannt und steinreich würde und mich alle feiern – dann wäre ich ja enttäuscht, wenn das nicht passiert. Das brauche ich nicht. Ich bin ja hier, um die Zeit zu genießen und Spaß zu haben. Das hat etwas Olympisches: Ich möchte einfach mit den anderen zusammen Musik machen.

Wann wärst Du denn zufrieden mit Dir am Finalabend?
Wenn ich gut singe, einen guten Auftritt hinlege und das Gefühl habe: Was wir uns vorgenommen haben, hat funktioniert. Dann kann ich mir selbst nichts vorwerfen, falls ich doch weiter hinten landen sollte.

Lena hat nach dem ESC eine tragfähige Musikerkarriere gestartet. Was ist denn Dein Ziel?
Ich will schon Musikerin werden. Das war und ist mein Traum. Ich erlebe gerade die beste Zeit meines Lebens. Was jetzt passiert, ist das Tollste, was ich mir jemals hätte erträumen können. Und alles, was beruflich außerhalb dieser Welt stattfände, wäre für mich vergleichsweise doof. Ich will eine Single herausbringen, für den Herbst ist eine Tour geplant. Ich hoffe, dass mir ein paar Leute zuhören wollen. Ich will Geld verdienen mit meiner Musik.

Du hast Lena bisher nur kurz getroffen. Worüber habt ihr gesprochen?
Wir haben uns nur ganz kurz begrüßt und noch gar nicht richtig geredet. Das war zeitlich bisher nicht möglich. Ich weiß gar nicht, ob sie das überhaupt will.

Ihr seid Schicksalsgenossen, was den ESC angeht: beide 18 Jahre alt, Schülerinnen, brünett, Castingstars mit eigenwilligem Stil, aus der Region Hannover...
Das sind schon lustige Parallelen, aber ich halte das für reinen Zufall. Ich wollte ja nicht zum ESC, sondern erst mal nur zu „The Voice Of Germany“. Ihr Sieg 2010 in Oslo war der erste ESC, den ich im Fernsehen gesehen habe. Da war ich zwölf.

Stell Dir vor, morgen käme ein Comiczeichner und würde sagen: Jamie-Lee, wir machen einen Manga, und Du bist die Hauptfigur...
Das wäre krass! Das fände ich voll witzig! Ich glaube, das wäre ein echt lustiger, unterhaltsamer Manga! Wenn die Geschichte einfach alles erzählt, was in meinem Leben passiert ist – das wäre der coolste Manga aller Zeiten!

Du hast erzählt, dass das mit den Mangas nur so eine Phase sein könnte. Was meinst Du damit?
Vielleicht lässt meine Begeisterung ja irgendwann nach. Es kann aber auch sein, dass die für immer bleibt. Ich glaube aber, dass ich nicht ewig auf der Bühne diese Kleidung tragen werde. Ich werde wohl immer ein bisschen verrückter und anders aussehen als Andere, aber vielleicht nicht im japanisch-koreanischen Decora-Kei-Stil. Ich entscheide oft aus dem Bauch heraus, ich war ja auch schon komplett Schwarz gekleidet mit Piercings oder hatte pinkfarbene Haare. Aber ich bleibe immer ich.

Woran liegt das, dass Du gerne auffällst?
Ich war immer schon gern auf der Bühne. Ich mag es, wenn Leute mich angucken. Es ist das Gefühl, dass man nicht untergeht in der Menge. Ich finde das eine schöne Vorstellung, wenn ein Klassenkamerad in 30 Jahren seiner Frau oder seinen Kindern erzählt: Ich kann mich noch gut an Jamie erinnern. Ich mag das so gerne, wenn man in Erinnerung bleibt. Selbst wenn man stirbt, ist man dann nicht richtig tot, sondern hat etwas da gelassen. Ich glaube, man kann nicht sterben, wenn man mal in den Köpfen der Leute war. Ich fände es einfach schön, wenn man mich nicht so schnell vergisst.

Interview: Imre Grimm


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