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© Sebastian Wilking

Menschen

In L.A. Sehnsucht nach Hannover: Marjam Oskoui

Sie lebt auf der Sonnenseite – geografisch gesehen jedenfalls: Seit 1989 wohnt Marjam Oskoui (51) in Los Angeles, sie arbeitet dort als Künstlerin und Produktionsdesignerin. Hannover vermisst sie trotzdem – nicht nur wegen des Brotes.

Hannover. Rausfinden, wie man die Barbie am schicksten anziehen kann? Im Sand mit einem Bagger spielen? Marjam Oskoui (51) hatte als Kind ganz andere Interessen – sie wollte als Siebenjährige eher wissen, was Dadaismus ist. „Ich habe mich sehr früh zur Kunst hingezogen gefühlt“, erzählt die Frau mit dem wilden Wuschelkopf der NP und lacht, „außerdem hatte ich viel Kontakt zu älteren Menschen, so bin ich früh mit dem Thema in Berührung gekommen.“

Das sollte sich nie wieder ändern, die 51-Jährige ist Künstlerin geworden. Seit 1989 lebt die Hannoveranerin in Los Angeles, hat den Draht zu ihrer Heimatstadt aber nie verloren. „Die Stadt hat meinen Charakter ge­formt, dort habe ich meine Liebe zur Natur entwickelt. Wenn es mir nicht gut geht, will ich immer zuerst nach Hannover“, offenbart sie im Videotelefonat, neun Stunden Zeitverschiebung und gute 9000 Kilometer trennen Kalifornien von der Landeshauptstadt. („Die Stadt ist toll, überall sind Gärten, Bäume, Parks – das habe ich so noch nirgends gesehen.“ Sie muss es wissen: Oskoui lebte bereits in London, München, Bremen. Nun ist sie von Palmen und Stränden umgeben, tagtäglich von der Sonne geküsst.)

Der Tochter eines iranischen Agraringenieurs und einer Deutschen lebte die ersten sechs Jahre ihres Lebens in Teheran und wuchs dann Anfang der 70er in der Calenberger Neustadt auf. Die Eltern hatten den Mittleren Osten wegen der politischen Situation verlassen. In Europa merkte Klein-Marjam, dass sie nicht so war wie die anderen Kinder – die Haare waren rabenschwarz und wild ge­lockt: „Damals war noch nicht viel mit Multikulti“, erinnert sie sich an die Anfangszeiten der Gastarbeiterzeit und lacht: „Es gab einen Italiener, einen Griechen, einen Jugo – und mich.“

Ihre Neugier auf die Welt stillte sie, indem sie ältere Menschen Löcher in den Bauch fragte. Etwa, warum ein Mann so eine Nummer auf seinem Unterarm tätowiert hatte. „Es war eine KZ-Nummer, er war Jude, hatte ein Konzentrationslager überlebt“, erzählt Oskoui von dem Tag, „als ich dahintergekommen bin, was da­mals Schreckliches geschehen war.“ Menschen wie dieser Mann hatten sie an den Veranstaltungsort „Silke Arp bricht“ mitgenommen, ihr von Kurt Schwitters erzählt. Später an der IGS Linden fühlte sie sich ihrer Kunstlehrerin Octavia Dehne total verbunden, „sie war die einflussreichste Person für mich“. Die Pädagogin be­stärkte ihre Schülerin (wie übrigens viele aus ihrem Jahrgang), an der Kunst dranzubleiben, nach dem Abi folgte ein Kulturpädagogikstudium an der Uni in Hildesheim. „Mit Schwerpunkt Malerei“, sagt die Halbiranerin und lächelt. Sie wollte Künstlerin werden und ist es geworden, „da ist es doch ganz egal, wo ich wohne“.

Diesen Satz sagte sie sich und ihrem späteren Mann Jo (49) ebenfalls. Er, ein amerikanisch-deutsch-peruanischer Mix, war in Hannover zu Besuch, als sie sich kennenlernten. „Da er in L. A. studierte, war es schwer zu wechseln“, erinnert sich Os­koui an den Umzug 1989 an die Westküste der USA. Dort studierte sie am California Institute of the Arts, einer der bedeutendsten Kunstschulen weltweit.

Das Paar eröffnete eine digitale Werbeagentur, es machte unter anderem Marketing für Filme. Zu seinen Projekten gehörte auch der Science-Fiction-Film „Avatar“ von Regisseur James Cameron (63). „Nebenbei habe ich aber immer gemalt und die Bilder in Ausstellungen präsentiert“, so Oskoui, „ich wollte frei sein und nicht nur das tun, was einem diktiert wird.“ 2002 bekam sie das Angebot, an der Akademie der Bildenden Künste München zu unterrichten, tat dies auch bis 2006 und pendelte zwischen Los Angeles und der bayerischen Landeshauptstadt.

Irgendwann wurde es alles zu viel, der Spagat zwischen dem Geschäft, das rasant gewachsen war, und der Lehrfunktion wurde immer schwieriger. „Außerdem hatten mein Mann und ich unterschiedliche Auffassungen und Lebenswünsche“ – das Paar trennte sich. Oskoui überlegte, was sie nun eigentlich machen wollte: „Reiten und malen“, war sie sich sicher, „also mache ich das jetzt.“ Seitdem malt sie das, was ihr gefällt (Weiß auf Weiß), und widmet sich spannenden, neuen Projekten wie der „Virtual Reality“ und „Tilt Brush“: „Das ist der Hammer“, so die innovationshungrige Künstlerin, „es ermöglicht, im virtuellen Raum um sich herum zu malen.“ Und die Mutter einer Tochter macht das nicht nur aus Jux, „ich bin auf der Suche nach einer Lö­sung, wie man ,Virtual Reality’ im Alltag sinnvoll nutzen kann“. Filmgiganten wie die Universal Studios sind schon ganz heiß auf Lösungen. Jetzt geht es aber erst zum Kunst-Event Contemporary Istanbul. Im November will Marjam Oskou Hannover besuchen. Denn hier be­kommt sie das, was sie in den Staaten vermisst: „Brot! Und die geistige Nähe, die man in Deutschland so zueinander herstellt. Man hat in Amerika zwar viele Beziehungen zu vielen tollen Menschen, aber der Tiefgang fehlt.“ Wie den mit ihrer besten Freundin Karin, die sie als Schwester sieht.

Mirjana Cvjetkovic