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UMTRIEBIGES KERLCHEN: Attila Hildmann kann nicht nur kochen, zuletzt war er bei „Let’s Dance“ dabei – flog aber früh raus.© Justyna Krzyzanowska

Interview

Hildmann auf Eroberungskurs

Online kann man seine veganen Produkte schon länger bestellen, Sonnabend eröffnet Szene-Koch Attila Hildmann (35) seinen ersten Laden - in Hannover! Mit der NP sprach er über ein Leben ohne Fleisch, seine Hater und Hollywood-Hirngespinste.

Herr Hildmann, warum hat das denn so lange gedauert mit einem echten Laden?

Gute Frage. Ich war so viel mit Bücherschreiben und Fernsehauftritten be-schäftigt (lacht). Es ist toll, dass die Leute da draußen jetzt eine richtige Anlaufstelle bekommen. Es ist doch ein Unterschied, ein Rezept aus dem Kochbuch zu kochen oder in ein Geschäft zu gehen und die Sachen richtig zu probieren. Ich sträube mich aber weiterhin, meine Produkte für den normalen Handel freizugeben, weil ich möchte, dass es exklusiv bleibt. So wie bei Apple. Außerdem will ich, wie bisher auch, einen Teil der Einnahmen für den Tigerschutz und Regenwald investieren und nicht mit Supermärkten teilen.

Wie sind Sie auf die Idee mit dem Shop gekommen?

Miran (Miran Melansek, Chef-Programmierer bei der hannoverschen Agentur Steindesign in Vahrenwald, die Red.), mein heutiger Programmierer, ist durch meine Bücher überzeugter Veganer geworden. Irgendwann hat er mir eine Mail geschrieben, dass meine Internetseite einfach nur grottig ist. Die hat er neu gemacht, und es entwickelte sich die Idee, gemeinsam einen Shop zu machen. Erst online, ab Samstag auch als richtigen Shop. Aber eigentlich hatte ich die Idee schon immer.

Gefällt Ihnen Hannover denn sonst auch?

Ich mag Hannover voll gerne. Weil die da so eine tolle Zeitung haben (lacht). Ich kenne den Physio von Hannover 96, Ralf Blume, ganz gut. Er hat mir neulich auch die Mannschaft vorgestellt und das Stadion gezeigt. Wenn ich in Hannover bin, penne ich immer im Aspria am Maschsee, das ist total entspannt da. Ich nehme auch immer mein Fahrrad mit und drehe eine Runde um den See. Eine tolle Kombination aus einer kleinen Stadt und viel Natur, euer Hannover. Und ein tolles veganes Restaurant, das Hiller, habt ihr auch.

Bei Ihnen ist es ja so wie mit Leber, der Lindenstraße und Liebesromanen. Man liebt sie - oder eben nicht.

Tja, zum Glück mag ich die Leute auch nicht, die mich nicht mögen. Diejenigen, die einen Film auf mich schieben, zeigen mir doch nur, dass ich mich nicht verbogen habe. Ich hatte eine harte Jugend in Berlin und habe damals schon nicht den ganzen Scheiß gemacht, den andere machen. Später hab ich die Kurve gekriegt und war gut in der Schule. Ich war Schulsprecher, habe Schülerzeitung gemacht. Ich habe gelernt, mit Anfeindungen umzugehen. Außerdem ist es doch geil, Dinge zu machen, die sonst kaum einer macht.

Nämlich?

Den Lebensmittelmarkt zu erobern und einen Teil des Gewinns Projekten zukommen zu lassen, für die sich kein Schwein interessiert. Die Branche hat nämlich mehr Macht als die Waffenindustrie. In Indien gab es mal 100 000 Tiger! Heute sind es 1000. Ich will solche Dinge unterstützen, die die Politik doch nie und nimmer angeht. Und wer dann sagt, ich sei ein Proll und Poser, bitte sehr. Ist mir nur recht. Ich werde mit einem Teil des Gewinns große Flächen im Regenwald kaufen und sichern und Reservate für bedrohte Tierarten aufbauen. Der Raubbau an der Natur durch kommerzielle Interessen muss aufhören.

Können Sie sich eigentlich an Ihre letzte nicht-vegane Speise erinnern?

Oh mein Gott! Das war so vor zehn Jahren. Ich hatte irgendwie einen Mangel, hatte bis dahin ja schon sechs Jahre vegan gelebt. Jedenfalls bin ich panisch in den Biomarkt, habe mir ein Steak gekauft und zu Hause gebraten. Nachts hatte ich die schlimmsten Bauchkrämpfe meines Lebens. Danach wusste ich, mir fehlt vielleicht was, aber bestimmt kein Fleisch. Ich verstehe die Leute aber, die sagen, es schmeckt. Hat es mir ja auch mal.

Sie haben vor fast zwei Jahren in einem Interview von Ihrem Wunsch erzählt, nach Hollywood zu wollen. Was ist daraus geworden?

Man muss seine Wünsche neu definieren. Ich könnte mir vorstellen, dass Hollywood mein Leben verfilmt, aber Schauspieler werde ich ganz sicher nicht - außer bei „Rambo“ oder „Terminator“. Dokumentationen zu Tierhaltung und Veganismus finde ich spannender. Was ich mir wünsche, ist Popularität, damit ich mit meinem Namen vegane Ernährung pushen kann. 750 Millionen Tiere werden jedes Jahr allein in Deutschland geschlachtet, während eine halbe Million Deutsche jährlich an ernährungsbedingten Krankheiten sterben. Das muss aufhören.

NPVISITENKARTE

Geboren am 22. April 1981 in Berlin. Er hat türkische Wurzeln, wächst aber bei deutschen Adoptiveltern auf. Mit 14 Jahren der Schock: Sein Vater stirbt nach einem Herzinfarkt, ein viel zu hoher Cholesterinspiegel ist die Ursache. Hildmanns Konsequenz: Er stellt seine Ernährung rigoros um und verzichtet auf Fleisch. Zunächst lebt er vegetarisch, seit 16 Jahren ernährt er sich rein pflanzlich. Er wird zum Vegan-Guru der Republik und veröffentlicht mehrere Bücher zum Thema. Er lebt in Berlin, treibt viel Sport (Ironman!) und liebt seinen Porsche. www.attilahildmann.com

Bei Steindesign gibts Hildmanns Produkte

Körperliche Arbeit ist Andreas Stein (59) vielleicht nicht fremd, aber tagtäglich hat er damit auch nicht zu tun gehabt. Bislang. Sieben Tonnen veganer Ware (Food und Bücher) hat der Kreativkopf in seiner Agentur Steindesign (Dragonerstraße 34) stehen, die eine oder andere Palette hat er selbst verladen, ausgepackt und eingeräumt. „Gut vier Tonnen davon sind Schokolade“, erzählt der 59-Jährige, als er der NP die Kellerräume in Vahrenwald zeigt. Bei der Shop-Eröffnung von Attila Hildmanns (35) erstem Laden in Steins Räumlichkeiten am Sonnabend wird die vegane Nascherei vorgestellt – vier Sorten gibts: Klassik, Mandel, Vanille und Matcha (80 Gramm, 2,99 Euro). Der Koch wird auch anwesend sein, um 16 Uhr gehts los, Gäste sind willkommen, Kunden sowieso. Und, ist Stein nun auch auf die vegane Seite gewechselt? „Nö. Ist nicht so mein Ding“, gibt er sich gewohnt direkt, „aber das Zeug schmeckt lecker.“ Und von diesem Zeug wird bei ihm bald ordentlich verkauft: zum Beispiel vegane Leberwurst (125 Gramm, 3,29 Euro), Chili sin Carne (4,95 Euro), Schokokekse und Matcha-Tee, aber auch Bücher und Küchenutensilien. „Bis Ende des Jahres werden es sicher 20 Glasprodukte werden“, weiß Stein, der den Verkauf von Hildmanns Ware quasi nebenher bewerkstelligt. „Es ist ja eine artfremde Umgebung“, so der Unternehmer. „Das mit dem veganen Lebensstil ist wie Whiskey trinken. Es ist doch okay, wenn einer keinen trinkt“, sinniert er. Wobei er ja so viel Fleisch gar nicht isst, „jährlich vielleicht ein Viertel Schwein. Kühe müssen sich viel eher anstrengen bei der Masse an Milch, die ich mir so in den Kaffee haue.“ mc


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