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MIT WEHENDEM ROCK: Der Weitwurf mit dem Kettenhammer ist Hülsemanns Paradedisziplin. Mit 19,51 Meter hält er in seiner Gewichtsklasse den Europarekord.© Florian Petrow

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Porträt

Highlander Torsten Hülsemann setzt voll auf Sieg

Er ist groß, stark und blond und trägt einen Rock – Torsten Hülsemann ist ein Highlander vom Deister. Sonntag ab elf Uhr tritt er bei der Europameisterschaft der Highland Games in Großgoltern (Barsinghausen) an. Der 39-Jährige zählt in Sachen Baumstammwerfen & Co. zu den Favoriten.

Einst trafen sich die stärksten Männer Schottlands, um ihre Kraft in verschiedenen Disziplinen zu messen. Die Sieger durften dann als Bodyguard in die Wache der keltischen Könige. „Aber auch bei Konflikten zwischen Clans hat man, bevor man zur Waffe griff, über Wettkämpfe Streitigkeiten ausgetragen“, sagt Torsten Hülsemann. Der 39-Jährige aus Weetzen ist Mitglied der Highlander vom Deister, die am Wochenende die Europameisterschaft der Highland Games ausrichten. „Darauf sind wir natürlich sehr stolz“, sagt Hülsemann, lacht, blinzelt in die Sonne und lässt seine Muskeln spielen.

Denn der Sportler gilt als einer der Favoriten, erst vor zwei Jahren konnte er in Ungarn den Titel gewinnen. 2015 wurde er Dritter, viermal belegte er bei Weltmeisterschaften den sechsten Platz.

„Bei dieser EM haben wir ein sehr starkes Feld“, sagt er - neben Teilnehmern aus Deutschland treten auch Highlander aus Schottland, der Schweiz, Österreich und Griechenland sowie der Titelverteidiger aus Rumänien an. Auch Hülsemann ist ein echtes Kraftpaket - einer, der seine vielen Muskeln nicht nur zur Schau trägt, sondern sie täglich unter Beweis stellt. Mehrere Stunden trainiert der Highlander vom Deister unter freiem Himmel, braungebrannt ist er natürlich, das Sportshirt spannt über den Oberarmen. Er ist fit, aber er weiß auch, dass das bei diesen Spielen allein nicht reicht.

Highland Games sind eine sehr urtümliche Sportart, mit feinsinniger Ästhetik haben diese Sportler nichts zu tun. Hier gibt es keine planierten Flächen, begradigte, im Boden verankerte Abwurfringe oder industriell produzierte Sportgeräte. Die Diszi-plin, die dem Kugelstoßen nahe kommt, wird unter den Highlandern mit ganz gewöhnlichen Steinen ausgetragen, die man wie ein Kugelstoßer über die Wiese schleudert. „Die Steine haben schon ein vorgeschriebenes Gewicht, die Form der Steine ist aber nicht festgelegt“, sagt Hülsemann. Weitere Schwierigkeit: Bei den Turnieren stellt der Veranstalter das Equipment, man kann also nicht mit seinem eigenen Lieblingsstein antreten - alle Teilnehmer werfen denselben Findling. Aus diesem Grund reisen die meisten Teilnehmer auch einen Tag vorher an, um sich mit den „Sportgeräten“ vertraut zu machen.

Der Hammer ist eine Eisenkugel mit einem stabilen Stab. Die Schuhe für den Hammerwurf sind derbe Bergsteigerstiefel, unter der Sohle haben die Sportler sich aber jeweils eine lange, spitze Schiene angeschraubt. Diese rammen sie zunächst in die Erde, bevor sie den Hammer schleudern. Das ist erlaubt und sorgt bei der Drehung für mehr Standfestigkeit. Denn anders als beim Hammerwurf in der Leichtathletik werfen die Highlander ihren Hammer aus dem Stand. Doch bevor es ans Werfen geht, werden die Hände mit Klebstoff eingesprüht: „Das brauchen wir für den perfekten Grip“, erklärt Hülsemann.

Die Paradedisziplin des Hünen ist übrigens der Weitwurf mit dem Kettenhammer - das ist eine 12,72 schwere Kugel mit einer kurzen Eisenkette. Hier hält er mit einer Weite von 19,51 Meter derzeit sogar den Europarekord! Übrigens: Wenn er den Hammer zunächst über dem Kopf um seinem Körper kreisen lässt, um ihn dann abzuwerfen, tanzt sein weiter Rock mit. Und spätestens dann weiß jeder, was die Kerle „unten drunter“ tragen (zumindest bei den Highland Games).

Eine Kunst für sich ist das Baumstammwerfen - korrekt nennt man es „Caber Toss“. Dabei geht es gar nicht darum, den Stamm möglichst weit zu bringen. Vielmehr zählt die Technik! Baumstammwerfen kann man nur mit Trainingspartner üben, denn zunächst muss ein Clanmitglied (so nennen sich die Sportler im Verein) den Stamm aufrichten, so dass er auf einer Spitze steht. Für Hülsemann macht das Björn Sawa (33), die beiden trainieren viel zusammen. Zum Wurf muss der Sportler den Stamm von unten anheben und so schleudern, dass er in der Luft eine Drehung macht, mit der entgegengesetzten Spitze auf dem Boden aufkommt und der Länge nach hinfällt. Der Wurf ist perfekt, wenn der Stamm vom Highlander aus gesehen genau auf „zwölf Uhr“ liegen bleibt. Kampfrichter bewerten die Wurfbahn des Stammes.

Natürlich sind auch die Baumstämme nicht genormt: „Wir holen - und das dürfen wir auch - unsere Baumstämme aus dem Wald hinter unserem Gelände.“ Die Baumstämme müssen bestimmte Vorgaben erfüllen, vor allem müssen sie sehr stabil sein. Denn wenn der Turnierstamm bricht, muss für alle Sportler diese Disziplin aus Gründen der Gerechtigkeit wiederholt werden.

Genau diese Urtümlichkeit liebt Hülsemann an seiner Sportart, dieses Direkte, auch etwas Rohe. „Das ist einfach pur! Was Männer eben so machen, wenn ihnen langweilig ist“, sagt er und lacht herzhaft. Langweilig ist Hülsemann, der nach dem Abitur Wirtschaft studiert hat, nicht. Wenn er nicht Baumstämme wirft, arbeitet er als Trainer im Barsinghäuser Fitnessstudio Elan. Sport ist für ihn Job, Berufung und Freizeitbeschäftigung gleichzeitig. Er raucht nicht und achtet sehr auf seine Ernährung. „Viel Zeit für andere Dinge bleibt da nicht“, sagt Hülsemann, selbst der Urlaub mit der Freundin wurde mit der Reise zu den Weltmeisterschaften nach Amerika verbunden. Und dann gibt es auch noch noch andere tolle Sportarten - im Diskuswerfen ist Hülsemann bei den deutschen Senioren gerade Vizemeister geworden.

Dann schnauft er einmal tief durch, sammelt sich für die nächste Disziplin, greift nach einem 19,06 Kilo schweren Eisenklotz und schleudert ihn in einem Kraftakt und mit wehendem Rock mehr als viereinhalb Meter steil hoch über seinen Kopf. Einmal, zweimal, dreimal wiederholt er das - Ermüdungserscheinungen scheint Hülsemann nicht zu kennen. „Der Wettkampf geht ja auch über sechs bis acht Stunden“, sagt er, „das ist eine typische Mehrkampf-Sportart. Wer nur in einer Disziplin gut ist, gewinnt nicht die Spiele. Man muss in allen Disziplinen konstant auf den vorderen Plätzen sein“.

Sein größter Kampf ist aber noch ein ganz anderer: Wer bei den „Leichtgewichten“ antreten will, darf am Wettkampftag morgens nicht mehr als 90,8 Kilo wiegen. „Da muss ich sehr aufpassen, normalerweise bin ich immer ein wenig darüber“, gibt Hülsemann zu: „Zur Not muss ich am Abend davor in die Sauna und kräftig abschwitzen.“

NP-VISITENKARTE

Geboren am 23. September 1976 in Stadthagen. Hülsemann hat am Gymnasium Bad Nenndorf Abitur gemacht und anschließend Wirtschaft studiert. Doch Sport war schon immer seine Leidenschaft, seit 1987 ist er Leistungssportler in der Leichtathletik. Zunächst war er Mehrkämpfer, inzwischen hat er sich auf Diskuswerfen konzentriert, hier ist er deutscher Vizemeister bei den Senioren. 2007 hat er das erste Mal an Highland Games teilgenommen. 2014 wurde er Europameister, viermal hat er an Weltmeisterschaften teilgenommen und immer den sechsten Platz belegt. Er ist Gründungsmitglied der Highlander vom Deister. Hülsemann arbeitet als Trainer im Fitnessstudio Elan in Barsinghausen.


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