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Radikal: Anna-Lena Drewes (links) und Sarah Kölbel

Radikal: Anna-Lena Drewes (links) und Sarah Kölbel

Menschen

Hier ziehen Klassiker den kürzeren

Ihre erste Lesung haben sie im Buchstabenladen „Qwertz“ in der Lindener Egestorffstraße gehalten, zwischen leuchtenden Elementen des ABC. „Das passte“, sagen Anna-Lena Drewes (24) und Sarah Kölbel (30) und zeigen stolz, die fünf schmalen Bändchen, in denen jeweils eine ganze Literaturwelt zusammengefasst ist.

Hannover. „Fetter Fisch tötet“ ist die 24-Seiten-Kurzversion des Wälzers „Moby Dick“ von Herman Melville. Kurz, knackig, präzise – und mit viel spielerischem Weißraum in der grafischen Gestaltung.

In zwei Minuten durch einen Klassiker der Weltliteratur, der normalerweise mehr als 800 Seiten hat? „Moby Dick“ stand immer schon auf Kölbels „Liste“ – „aber das Buch ist einfach so ein Klopfer, ich habe das nie geschafft“, gesteht sie freimütig. Drewes ging es so mit „Frankenstein“ von Mary Shelley. „Die Filme kennt jeder, aber wer hat das Buch gelesen?“ Im siebten Semester an der Hochschule Hannover (beide studierten visuelle Kommunikation) dachten sich die Freundinnen das Projekt für ihren „Kurz-Verlag“ aus.

Franz Kafkas „Verwandlung“ (daraus wurde „Undank ist des Ekels Lohn“), Shakespeares „Romeo und Julia“ („Liebe ist stärker als Blut“) und Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ („Dumme Jungs, Mädchen dito“) nahmen sie sich vor, dampften die Romane auf Kernthesen ein, entblätterten das Handlungsgerüst, arbeiteten mit Pfeilen und Schlagwörtern – zum Teil steht nur ein Wort auf einer Seite. Mit so genannten „gemeinfreien“ Texten darf man das. „Der Autor muss länger als 70 Jahre tot sein, dann darf man den Text verändern“, erklärt Drewes. Die beiden betonen: „Unsere Bücher sollen im Kontrast zum Original stehen. Sie sind etwas ganz Eigenes, eher für die Neuzeit.“ An den Texten – so sparsam sie auch wirken – haben die Autorinnen lange und hart gearbeitet. „Gerade bei Shakespeare war es schwierig, sich von manchen Passagen wieder zu trennen“, erinnert sich Drewes. Immer wieder trieb sie die Frage um: „Wie radikal darf ich sein?“

Herausgekommen sind bildhübsche Designobjekte. Wer sich für Grafik und Typografie interessiert, wird die Bändchen lieben. Die Dozenten waren jedenfalls begeistert, das Seminar schlossen beide mit Note 1,0 ab. Das Start-up mit dem eigenen Verlag wagten sie nach dem Examen trotzdem nebenbei – beide sind in sicheren Jobs gelandet, Drewes arbeitet als Kommunikationsdesignerin im Landesmuseum, Kölbel ist im Marketing von Hörgeräte Kind. Das Wagnis hat sich gelohnt, vor allem die Fünfer-Sets für 18 Euro verkaufen sich gut. Haben Sie schon neue Pläne? „Die Bibel, Grimms Märchen“, zählt Drewes gut gelaunt auf.

Welches Buch liegt gerade auf dem Nachttisch? „,Oliver Twist’ von Charles Dickens“, sagt Kölbel. Und gibt zu, dass ihr dauernd dieser Gedanke durch den Kopf schießt: „Wie könnte man das wohl um-schreiben?“ Für den Kurz-Verlag gäbe es wohl viel zu tun: „Jeder hat ein Buch im Kopf, das er nie liest.“

Einzelbände der fünf Bücher kosten jeweils vier Euro, das Set gibt es für 18 Euro – zum Beispiel bei Qwertz (Egestorffstraße 6), Decius (Marktstraße 52) und im Designzimmer (Leinaustraße 1).

Von Andrea tratner


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