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Mensch-Hannover Herr Niels hat im GOP den Hut auf
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21:06 13.05.2018
Herr Niels mit Hut. Quelle: Wilde
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Hannover

Zunächst ein Moment der Irritation: Man steht hinter der Bühne des GOP-Varietés, schüttelt Niels Weberling (56) die Hand – und der lange Lulatsch, der als „Herr Niels“ am Vorabend spektakuläre Verrenkungen gezeigt hat, ist „nur“ 1,87 Meter groß. Weberling kennt die Verwirrung in den Augen seines Gegenübers. „Zwei Meter bin ich nur mit Hut.“ Der Trick: Den Knick des normalerweise steifen Homburgers hat er nach oben gedrückt. 

Die Krempe hat feine Risse, das einst schmucke Band ist an einigen Stellen zerfleddert, dieser Hut hat Patina. Und Geschichte: „Mein Großvater hat ihn in den 1920er Jahren getragen“, erzählt Niels Weberling. Der gebürtige Emdener hängt an dem Stück, es begleitet ihn nun schon durch mehr als 30 Bühnenjahre. „Meine Figur ist untrennbar mit diesem Hut verbunden. Da steckt meine Identität drin.“ Und außerdem jede Menge Schweiß, Theaterschminke, Emotionen. „Der Hut ist wichtiger als mein Portemonnaie, wenn ich unterwegs bin“, gesteht der 56-Jährige.

Auf der Bühne kämpft er gegen einen imaginären Sturm, lehnt lässig in extremer Schieflage an einem unsichtbaren Tresen. „Das ist echt anstrengend“, weist er das Publikum auf seine Leistung hin – und erntet Applaus. Ein Pantomine, der spricht? Weberling hat seine eigene Kunstform gefunden, seit er kurz nach dem Abi 1981 einen VHS-Kurs  belegte. „Nach fünf Minuten war ich in einer anderen Welt, ich habe meinen Körper gespürt“, erinnert er sich an den Moment, als klar wurde, dass der Schüler des Ratsgymnasiums (hatte Latein und Altgriechisch!) doch nichts „Vernünftiges“ lernen würde. Seine Eltern (Vater Ingenieur, Mutter Altenpflegerin) überzeugte er mit einem Auftritt bei der Silberhochzeit – „da sind die Barrieren gefallen“. 

In Berlin besucht er die Schauspielschule „Die Etage“, bekommt anschließend mit seiner Nummer „vom Fleck weg“ Engagements – vor allem im Business-Bereich. „Mein erster großer Job war eine Produktpräsentation von Pelikan.“ Messen, Galas, Werbung: „Pantomime ist keine brotlose Kunst“, räumt Weberling mit Vorurteilen auf. 1997 kehrt er in die Heimat zurück, kauft ein Haus in Burgdorf – seine älteste Tochter ist da zweieinhalb, die Nähe zur Familie macht den unsteten Job mit vielen Reisen einfacher. „Ich habe viel Glück gehabt im Leben“, sagt er ernsthaft und auch ein wenig nachdenklich.

Im Moment genießt er eine Portion dieses Glücks: Weberling könnte eigentlich während des GOP-Engagements daheim in Burgdorf schlafen, ist aber zusammen mit den anderen Artisten in die Künstlerwohnung in der List gezogen. „Das ist herrlich“, schwärmt er. „Ich bin in dem Viertel aufgewachsen. Eilenriede, Mittellandkanal, Lister Bad – da bin ich als Kind herumgestromert.“

Wie kam es eigentlich zum Künstlernamen „Herr Niels“? Weberling kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Bei einem Auftritt im Berliner Varieté Scheinbar hatte der Moderator meinen Nachnamen vergessen.“ Herr Niels passte zur Figur, des träumerischen, etwas trotteligen Lulatschs. Das Geheimnis sei die Lockerheit („alles geht von der Körpermitte aus“), die trainiere er mit Aikido. „Herr Niels macht auf der Bühne unnütze, aber auch sehr poetische Dinge“, erklärt Weberling sein Spiel. Damit das funktioniere, müsse er seine Sensoren für das Publikum öffnen – „dann kann man den Rhythmus spüren und darauf surfen“.

Beim Kleinen Fest im Großen Garten gelingt ihm das regelmäßig, neunmal war er schon zu Gast. „Ich mache aber immer mindestens ein Jahr Pause“, betont er. Und hält kurz inne: „2019 wäre dann ja das zehnte Mal, wenn ich eingeladen werde – ein schönes Jubiläum“.

Bis dahin muss allerdings der historische Hut noch durchhalten. Oder der Ersatzhut schafft es, seinen Besitzer zu überzeugen. Weberling zeigt den deutlich besser erhaltenen Homburger, den er für 80 Euro bei einem Trödler  in Norwegen erstanden hat. „Ich muss ihn erst noch warmspielen“, sagt  mit einem Seufzen. „Mit diesem Hut bin ich noch nicht verwurzelt.“ Und was wäre Herr Niels ohne Hut?

Andrea Tratner

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