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Bohnen-Experte: Maximilian Koch ist Geschäftsführer von Machwitz – und mit dem Kaffeegeschäft aufgewachsen. Foto: Dröse

Porträt

„Herr Machwitz“: Kaffeekenner mit Diplom

Er ist Hannovers erster „Coffeeologe“ mit Diplom, hat bereits selber in Brasilien Bohnen gepflückt und röstet 300 Tonnen
 exquisiten Kaffee im Jahr: Maximilian Koch (35) leitet zusammen mit seinem Vater in der dritten Generation Machwitz 
am Marstall. „Manche der 35 Mitarbeiter kenne ich schon mein Leben lang“, sagt er über das Traditionsunternehmen.

Hannover. Er lässt die hellen Rohkaffeebohnen durch die Hände rieseln, genießt das Gefühl, den Duft, das leise Rascheln. „Wir bekommen die Bohnen noch in Jutesäcken geliefert, in der Großindustrie kommen sie in riesigen Schüttcontainern an“, sagt Maximilian Koch (35), und seine Stimme klingt zufrieden. Hinter der Fassade des unscheinbaren Gebäudes am Marstall wird seit 1948 Kaffee der Traditionsmarke Machwitz geröstet – und zwar 300 Tonnen im Jahr.

Im Besprechungsraum atmet die dunkle Holzvertäfelung Ge-schichte, 60er-Jahre-Plakate lehnen an der Wand, alte Blechdosen mit dem Machwitz-Logo stapeln sich. Eine ramponiert-verbeulte holt Koch stolz hervor und zeigt auf den Schriftzug „Danziger Consum-Geschäft“ – ein Hinweis auf das Alter des Behälters. 1883 hatte Kaffee-Liebhaber Wilhelm Machwitz in Danzig seinen Laden eröffnet, 1919 folgte ein „Kaffeespezial-
 geschäft“ in Hannovers Georgstraße. „Mein Vater hat die Dose bei Ebay ersteigert“, erzählt Koch junior. Er und Jörg Walter Koch (67) teilen sich seit 2010 den Posten des Geschäftsführers.

Die dritte Generation der Kochs röstet in Hannover am Marstall Kaffee. Wurde nie darüber nachgedacht, den Firmennamen zu ändern? „Ach, mein zweiter Name ist ,Herr Machwitz‘. Ich bin es gewohnt, so angesprochen zu werden“, sagt der 35-Jährige mit trockenem Humor, „der Name ist eingeführt, eine Tradition.“ Wie auch das seit der Gründung bestehende Logo der Kaffeemarke: drei Schwarze hinter einem eckigen Schild. Gibt es in Zeiten von Political Correctness da nicht Ärger? „Wir werden auf Facebook manchmal angeschrieben, ich lade die Kritiker dann zu einem Gespräch ein“, sagt Koch. Er hat Argumente: „Der Ursprung des Kaffees ist nun mal Äthiopien, da sind die Menschen schwarz.“ Außerdem zeigten die Figuren auf dem Logo keine dienende Haltung wie beim Sarotti-Symbol früher. „Ich sehe da nichts Erniedrigendes“, verteidigt er das „uralte“ Logo.

Koch ist Kaffeeexperte von Kind an. Als Knirps spielte er auf den Jutesäcken in der Lagerhalle, schöpfte von den Cappuccinotassen der Erwachsenen Milchschaum. „Da kriegte man natürlich auch ein bisschen Crema und Geschmack mit“, sagt er verschmitzt. Mit elf durfte er seine erste offizielle Tasse schlürfen. Und heute? „Filterkaffee, Espresso, Cappuccino“, zählt er seinen täglichen Kaffeekonsum auf. Dazu kommen viele Verkostungen auf der Suche nach der perfekten Bohne und der besten Rösttemperatur und -dauer. Beim Test ist Präzision angesagt: Das Wasser wird auf 92 Grad erhitzt, das Pulver aufgebrüht, die Eieruhr auf fünf Minuten eingestellt, nach dem Klingeln werden die Kännchen in spezielle Schalen abgegossen. „Äthiopische Bohnen
erkenne ich heute blind. Aber das ist ein langer Lernprozess“, sagt Koch und führt die Testmethode vor. Der Kaffee auf dem Löffel wird mit spitzen Lippen explosiv in den Mund gesaugt. „So zerstäubt er und erreicht alle Geschmacksknospen. Am Anfang ist mir da oft auch was in die Nase und in die Luftröhre geraten ...“

Kaffee ist eine Wissenschaft, Koch hat darin sogar ein Diplom des Mannheimer „Coffee Consulate“ – er ist Hannovers einziger „Coffeeologe“. Anbau, Verarbeitung, Export waren die Themen der Fortbildung. „Ich habe nicht so viel Neues gehört, aber einiges vertieft“, sagt der Mann, der mit dem Kaffeegeschäft aufgewachsen ist und über den „Caffeeologen“-Titel selber schmunzeln muss.

Koch steckt voll mit Wissen, kann über die Noten von Arabica („filigran und blumig“) und Robusta („Man schmeckt Erdtöne, Moos“) referieren, hat vergangenes Jahr auf einer brasilianischen Plantage eine Woche lang selber mitgepflückt. „Ein Knochenjob am Steilhang“, erinnert er sich. Aber er wollte auch diesen Teil des Kaffeegeschäfts kennenlernen, Kontakte zu Bauern knüpfen. Machwitz trägt das Fair-Trade-Logo, das Unternehmen will am liebsten ohne die großen Rohkaffeehändler in Bremen oder Hamburg auskommen: „Wir wollen die Leute kennen und wissen, wo unser Geld ankommt.“ Eine Plantage in Peru soll demnächst als Partner gewonnen werden.

„Aldi ist Deutschlands größter Kaffeeröster“, verrät Koch. Der Discounter jage die Bohnen aber in einer Minute bei 400 bis 500 Grad durch das Röstverfahren. Bei Machwitz nimmt man sich Zeit. 15 bis 18 Minuten für Kaffee, 20 Minuten für Espresso: „Und seit jeher im Trommelröstverfahren, das jetzt wieder groß in Mode ist.“ Genau wie Filterkaffee mit Handaufguss, ein Trend, der als „Pour over Coffee“ aus den USA wieder nach Deutschland zurückschwappt.

„Kaffee ist heute Lifestyle“, freut sich der Machwitz-Chef – und kann doch eines nicht verstehen: „Die Leute wollen sich an ihrem Kaffee immer unbedingt die Zunge verbrennen. Dabei ist die optimale Trinktemperatur 65 bis 70 Grad.“

Andrea Tratner

Maximilian Koch

* 18. März 1981 in Hannover. An der Hochschule Hannover studiert er mittelständische Wirtschaft – „das Handwerkszeug“, wie er sagt. Danach arbeitet er in einer kleinen Rösterei in Hamburg. Er leitet sieben Jahre die Kaffeewirtschaft Schloss Hehlen (die derzeit NP-Koch Oliver Ahlborn führt): „Ich wollte die Gastronomie und ihre Sorgen, Nöte und Anforderungen kennenlernen.“ Die Gastronomie ist neben Handelsketten ein wichtiger Geschäftspartner. Seit 2010 ist er neben Vater Jörg Walter Geschäftsführer von Machwitz. Sein Schwerpunkt ist Marketing und Vertrieb. Der 35-Jährige ist verheiratet.


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