Navigation:

GEFRAGTE GESPRÄCHS-PARTNERIN: In New York gibt Düzen Tekkal jeden Tag Interviews.

Porträt

Hannovers Menschenrechtlerin Tekkal zu Gast bei den UN

Für ihren Film „Háwar“ interviewte Düzen Tekkal (38) vor zwei Jahren die Jesidin Nadia Murad (23). Diese wird heute UN-Sonderbotschafterin.

Hannover. Dass sie häufig im TV spricht, von wichtigen Politikern und Entscheidern umgeben, ihre Meinung gefragt ist – das ist für Düzen Tekkal (38) nicht neu. Doch diese Einladung dürfte der sonst so wortgewandten Journalistin die Sprache verschlagen haben: Die Frau aus Linden wird heute dabei sein, wenn Nadia Murad (23) von den Vereinten Nationen (UN) in New York zur Sonderbotschafterin ernannt wird!

„Klar bin ich aufgeregt. Und ich glaube, das darf ich auch sein“, sagte die 38-Jährige der NP vor ihrer Abreise, „das ist natürlich nicht losgelöst davon zu verstehen, wo wir herkommen. Sogar unsere Freiheit als selbstbestimmte Frauen mussten wir uns hart erkämpfen.“ Die Menschenrechtlerin ist genau wie Murad Jesidin, ihr Volk wird vom IS verfolgt, die UN sprechen längst von Völkermord.

Tekkal war die Erste, die die heute 23-Jährige 2014 in einem Flüchtlingscamp vor laufender Kamera interviewt hat, „keine halbe Stunde von der Front entfernt“. Die junge Frau kam aus IS-Gefangenschaft und musste neben den eigenen körperlichen Qualen – sie wurde entführt, verkauft, vergewaltigt, gefoltert – auch noch ertragen, dass sie 44 ihrer Familienangehörigen verloren hatte, darunter einige Brüder. „Es war einfach grausam, was sie über sich hat ergehen lassen müssen“, weiß Tekkal. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass Murad nach Deutschland kommen konnte und versorgt wird, zum Beispiel mit einer Therapie.

„Ich hätte zu dem Zeitpunkt, als ich den Völkermord an meiner Religionsgemeinschaft dokumentiert habe, niemals gedacht, dass unser Thema eines Tages bei den UN landet“, entsinnt sich die Aktivistin. Es ist aber so gekommen, um 15 Uhr Ortszeit finden sich heute in dem imposanten Gebäude am East River diverse Gäste zu dem Festakt ein. Generalsekretär Ban Ki Moon (72) wird selbstverständlich eine Rede halten, außerdem kommt Amal Clooney (38) zu Wort. Die Anwältin und Frau von Hollywoodstar George Clooney (55) ist Rechsberaterin von Nadia Murad und vertritt die junge Frau.

Ein Kollege von Amal Clooney hatte sie auf Nadia Murad aufmerksam gemacht. Er erzählte ihr, dass er einen möglichen Fall für die Menschenrechtsanwältin habe. „Ich sagte, dass ich keinen neuen Klienten annehmen könne“, lehnte sie zunächst ab, wie sie vor wenigen Tagen in einem Interview erklärte. „Er bat aber erneut nur um eine Stunde meiner Zeit: ‚Da ist eine junge Frau, die du kennenlernen solltest.“ Der Rest wird Geschichte.

Und so wird Tekkal unter Umständen auch Miss Clooney kennenlernen. So wie sie in den vergangenen Tagen – sie ist seit Sonntag mit ihrer Schwester Tezcan (28) in den Staaten – bereits jede Menge Leute getroffen hat: ARD-Journalisten, die sie begleitet haben, Donald Syner, eine Koryphäe bei Fox News und NBC, der sie interviewt hat, den Sohn von Schauspiellegende Robert Redford (80), James Redford (54), der sie für einen Dokumentarfilm angefragt hat. „Ich kann ihn aber erst beim nächsten Mal treffen“, hielt uns Tekkal aus Amerika auf dem Laufenden, „im November steht der nächste USA-Trip an, ich werde in Harvard sprechen.“ Außerdem, wie bei einer Veranstaltung des American Jewish Committee, wird die Hannoveranerin ihren aufrüttelnden Film „Háwar – meine Reise in den Genozid“ zeigen.

Die herausragendste Begegnung dürfte für Tekkal aber die mit Baba Sheikh gewesen sein, der betagte Mann ist das geistliche Oberhaupt ihrer Religionsgemeinschaft. „Insbesondere, wenn ich daran denke, dass ich ihn zuletzt eine Woche nach dem Völkermord im Irak getroffen habe“, so Tekkal, „ich durchlaufe ein Wechselbad der Gefühle und kann nicht glauben, was alles passiert. Als junges Mädchen aus Linden hätte ich allenfalls davon träumen können, es mit meiner Arbeit bis zu den UN zu bringen.“ Touché. Und Applaus.


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Anzeige

Bild des Tages

Dieses Kunstwerk hat Anthea Hamilton erschaffen, sie will damit den Turner Preis in London gewinnen. Foto: Hannah McKay

zur Galerie