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Der mit den Hirschen röhrt: Immo Ortlepp.

Der mit den Hirschen röhrt: Immo Ortlepp.© Florian Petrow

Hirschrufen

Gut geröhrt, Jäger Ortlepp!

„Es ist wie ein ganz tiefes Rülpsen“. Immo Ortlepp versucht, das Geheimnis der Hirschruftechnik zu erklären. Der Berufsjäger aus Abbensen in der Wedemark ist bester Hirschrufer Deutschlands. Bei der Europameisterschaft im litauischen Kaunas belegte er Platz 13 von 30.

Abbensen. Also ein tiefes Rülpsen? Der Ton müsse aus dem Bauch an den Stimmbändern vorbei, erläutert Ortlepp. „Es muss ordentlich im Hals kratzen, dann ist es richtig.“ Hört sich ganz schön kompliziert an. Der sympathische Naturliebhaber gibt zu: Bis zu zwei Jahre könne es dauern, bis die Technik sitze. Davor sei allerdings ein gutes Gehör gefragt. „Man muss zur Brunftzeit an den Hirsch ran, um Rhythmus, Tonlage und Lautstärke zu verinnerlichen.“ Ein alter Hirsch habe beispielsweise einen tiefen Bass. Jüngere rufen in höheren Tonlagen. Das sei absolut entscheidend. „Ich bekomme nur Antwort, wenn mich mein Gegenüber als ebenbürtig erkennt.“

Und was macht er, wenn der Hirsch dann wirklich kommt? Es gehe nicht um das Anlocken, sondern um Unterhaltung und Kontaktaufnahme. „Ich bin für den Hirsch ein Konkurrent, der sein Revier und seine Frauen verteidigt.“ Ursprünglich wird der Ruf für die Jagd eingesetzt, um die Tiere zu lokalisieren. So könne man sich Schritt für Schritt nähern - bis zur körperlichen Berührung. „Der größte Triumph des Hirschrufers ist es, dem Tier den Hut aufs Geweih zu setzen“, erklärt Ortlepp. Oder eben ihn bei der Jagd zu erlegen.

Fünf verschiedene Hirschrufe gibt es. Sie variieren nach Situationen und Brunftzeitpunkt. Zu Beginn der Brunft gebe es beispielsweise „den suchenden Hirsch“. Ortlepp demonstriert es: Ganz knappe Laute sind zu vernehmen, wenig kraftvoll. Eine Mischung aus Grunzen, Husten und Löwengebrüll. Übersetzt heißt das: „Hey Girls, wo seid ihr?“ Doch ohne Hilfsmittel wie das klassische Ochsenhorn wird auch der beste Hirschrufer niemals perfekt. „Die menschliche Luftröhre ist einfach zu kurz.“

Die Lokalisation der Hirsche über das Rufen ist für den Jäger Teil des Jobs. Was ist das Besondere an Wettkämpfen? „Alte Traditionen werden mit humoristischen Elementen verknüpft“, begeistert er sich. Eine Chance, mehr Menschen für Natur und Tiere zu begeistern. „Jagd ist viel mehr als das Schießen von Wild“, betont er. Ein wichtiger Punkt für Ortlepp, der eine Jagdschule betreibt. Dort bildet er Jäger aus, bietet aber auch naturpädagogische Veranstaltungen an. Waldspaziergänge zu Pilz-, Baum- und Strauchkunde beispielsweise. „Viele haben den Bezug zur Natur verloren,“ bedauert er. Vielleicht kann sein Brunftschrei das ja ändern.

(Jana Meyer)