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vier lIEder zum 20. GEBURTSTAG:

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Abschied

Gunter Gabriel – „Er hatte das Herz am rechten Fleck“

Hannover nimmt Abschied von einer Country-Legende: Gunter Gabriel († 75) hat „zehn Jahre hier gelebt und geliebt“, wie er im NP-Interview einmal sagte. Der Sänger kam immer wieder gern in die Stadt, Weggefährten erinnern sich an einen Star, der polarisierte.

Hannover. Es wird wohl einer seiner letzten Auftritte gewesen sein: Am 20. Mai griff Gunter Gabriel († 75) sich das Mi­krofon im „Amici Miei“ am Weißekreuzplatz, sein Lieblingsitaliener in Hannover feierte an diesem Abend 20-jähriges Bestehen. „Es war ein tolles Konzert“, erinnert sich Inhaber Maurizio Ma­no­li (52) mit hörbarer Rührung in der Stimme – mit dem Sänger verband ihn zehn Jahre lang eine gute Freundschaft: „Gunter war fit, gut gelaunt. Er hat vier Lieder gesungen, Sprüche geklopft und Anekdoten aus seinem Leben erzählt.“

Derer gab es viele. Der Sänger, der ab 1960 zehn Jahre in Hannover lebte, bei Hanomag als Schweißer schuftete und später Ma­schinenbau studierte (und kurz vor dem Abschluss hinwarf), hat viele Höhen und Tiefen erlebt – und polarisiert. Auch seine Freunde hatten es nicht immer leicht mit ihm. „Schatzi“, „Liebchen“, „Süße Kratzbürste“, so fingen viele seiner SMS an Kartenlegerin Sylvie Kollin (68) an, die ihn seit 1968 kannte. „Ich will es nicht missen, mit ihm befreundet ge­wesen zu sein“, sagte die Frau mit den feuerroten Haaren gestern der NP, hielt aber auch nicht mit dunkleren Ka­piteln der Beziehung hinterm Berg. „Das war Zuckerbrot und Peitsche“, erinnert sie sich an den Mann, der gern spätabends spontan bei ihr klingelte, wenn er im Maritim um die Ecke abgestiegen war: „Seine Hektik hat mich oft rappelig ge­macht. Doch man konnte ihm nicht lange böse sein, er war eben auch sehr charmant.“

An ihre erste Begegnung erinnert sie sich genau: „Ich war 17, er hat in der Studentenkneipe ,Labor’ in der Nordstadt Klavier gespielt – lange Haare, schwarze Jeans, ein cooler Typ. Da­mals war er noch nicht Gunter Gabriel“, sagt sie über den Mann, der als Günter Caspelherr aufwuchs und dann den Namen seiner Frau annahm. Die zweite Begegnung: „Er wollte die Kneipe meines Vaters am Engelbosteler Damm übernehmen.“ Daraus wurde nichts. „Ich geh singen“, hatte Gabriel damals verkündet, Kollin glaubte nicht an seinen Erfolg. Kurz darauf landete er mit „Hey, Boss, ich brauch mehr Geld“ einen Hit.

In den späten 70ern kreuzten sich die Wege wieder, eine intensive Freundschaft entstand. Die allerdings das vergangene Jahr auf Eis lag: „Ich habe ihm dringend vom ,Dschungelcamp’ abgeraten. Er hat es ja geschätzt, dass ich Tacheles mit ihm rede, aber er wollte nicht auf mich hören.“ Die RTL-Show brach er im Januar 2016 nach wenigen Tagen ab. „Der Dschungel hat mich böse geschafft“, simste er der Freundin: „Life goes on.“

Eine Astrologin hatte Ga­briel einst prophezeit, dass er mit 98 auf der Bühne sterbe. Nun waren es die Folgen eines Treppensturzes (ein Halswirbel war dreimal ge­brochen) am Tag vor seinem 75. Geburtstag, die das Stehaufmännchen nicht meistern konnte – nur zwölf Tage später starb Gabriel in einer hannoverschen Klinik. „Vielleicht sollte es so sein“, sinniert Ossy Pfeiffer (47): „Gunni im Rolli? Das geht nicht. Er war nun mal ein großer Typ mit Zauselmähne und Cowboystiefeln.“

Pfeiffer hatte – wie viele – ein gespaltenes Verhältnis zu Gabriel. Seine Erfahrung: „Wenn Gunter nicht im Mittelpunkt stand, gab es Tamtam.“ Pfeiffers Lebengefährtin Anca Graterol (64) kann ein Lied davon singen, sie wurde vor einigen Monaten vor laufenden TV-Kameras im eigenen Frida-Park-Studio von Gabriel beschimpft. „Am Tag danach gab’s Blumen und eine Entschuldigung. Wir haben trotzdem die Reißleine gezogen“, so Pfeiffer. Gabriel habe über Dritte immer wieder Kontakt gesucht. Die Lösung? Berufliches und Privates wurden fortan getrennt. Denn: „Als Kumpel war Gunni super, er hatte das Herz auf dem rechten Fleck. Ich bin froh, dass wir den Streit bereinigen konnten. Wir haben ein paar Tage vor dem Sturz noch Tee getrunken ...“

Am 21. Mai wollte Gabriel im „Amici Miei“ noch die Gitarre signieren, die er Maurizio Manoli geschenkt hatte („Jeder Italiener braucht eine Gitarre an der Wand“). Er kam nicht dazu. „Ich werde das Instrument in Ehren halten“, verspricht der Wirt.

Von Andrea tratner