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Mensch-Hannover Giovanni di Lorenzo über Helene Fischer, den Papst und die Liebe in Hannover
Menschen Mensch-Hannover Giovanni di Lorenzo über Helene Fischer, den Papst und die Liebe in Hannover
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17:21 14.05.2018
Quelle: dpa
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Hannover

Giovanni Trapattoni, Helmut Dietl, Margot Käßmann, Hans-Jürgen Wischnewski – in Ihrem Buch „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ versammeln Sie Interviews mit vielen faszinierenden Persönlichkeiten. Nach welchen Kriterien haben Sie die Gespräche für dieses Buch ausgewählt?

Es waren fast immer Gespräche, in denen sich Menschen offenbart haben. Menschen, die in ihrem Leben entweder gerade einen großen Einschnitt erlebt hatten oder die über die Vergänglichkeit von Macht und Einfluss gesprochen haben. Das war ursprünglich gar nicht der Vorsatz für das Buch gewesen, aber das waren die Interviews, die mir aus 33 Jahren am meisten in Erinnerung geblieben sind. So entstand dann auch der Titel „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ – weil beides so nah beieinanderliegen kann.

Wie zum Beispiel bei Monica Lierhaus.

Monica Lierhaus, Margot Käßmann, Karl-Theodor zu Guttenberg. Menschen mit Brüchen haben mich immer sehr interessiert.

Gibt es ein Lieblingsinterview?

Am meisten bewegt hat mich ein Gespräch, das ich geführt habe, nachdem das Buch erschienen war. Nämlich mit Papst Franziskus. Das Faszinierendste war, dass er sich auf vermeintlich einfache, in Wahrheit aber existenzielle Fragen eingelassen hat. Ich habe sie absichtlich so gestellt, wie ein Kind fragen würde, das Gott und die Welt verstehen will.

Nämlich?

Wofür darf man beten, wofür nicht? Glauben Sie an den Teufel? Können Sie immer glauben? Dass er da so zugänglich war, war für mich – neben seiner unglaublich menschlichen Ausstrahlung – besonders schön. Und er hat sehr mutige Sätze bei der Autorisierung nicht gestrichen.

Welche waren das?

Eine Zeit lang gab es in Rom anonyme Schmähplakate gegen ihn, und ich habe ihn gefragt, wie er das fand. Er sagte, zum Teil sei es durchaus amüsant und klug gewesen, was da so stand. Und als ich wissen wollte, ob er denkt, dass dahinter jemand aus dem Vatikan steckt, antwortete er – lachend -: „Nein, ich sagte doch: ein kluger Kopf.“

Bei vielen Gesprächen entsteht der Eindruck, dass die Interviewpartner Ihnen ein großes Vertrauen entgegenbringen.

Wichtig für solche Interviews ist, dass sich der Gesprächspartner öffnet, etwas preisgibt. Als Helmut Dietl mir seine tödlichen Krankheit offenbart hat, war das Vertrauen sicherlich maßgeblich. Manchmal geht es auch um Intuition: Da steht jemand unter Druck und man merkt, er will etwas loswerden. Oder man hat ein Gespür dafür, welche Themen jemanden tief bewegen. Dann kann man auch einen Gefühlsausbruch erleben. Joachim Gauck zum Beispiel fing an zu weinen, als wir über Israel sprachen. Für ein gutes Gespräch ist aber auch Vorbereitung wichtig. Ich lese mich über Tage und Wochen intensiv ein.

Auf welchen Interviewpartner haben Sie sich am längsten vorbereitet?

Wahrscheinlich auf den „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Das war so, als ob man Führerschein, Abitur- und Magisterprüfung an einem Tag ablegen muss. Er war zu meinem Glück recht milde, aber an einigen Stellen hat er doch sehr gebrummt.

Von welchem Interviewpartner träumen Sie?

Ganz lange, bis zu seinem Tod, war das Fidel Castro. Eines Tages hatte ich tatsächlich einen Termin mit ihm ergattert, wurde dann aber so krank, dass ich nicht fliegen konnte. Das hat mir wahnsinnig leidgetan. Außerdem stehen auf meiner Liste Wladimir Putin, der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, der italienische Politiker Matteo Renzi und Helene Fischer.

Interessantes Quartett.

Ja, aber Helene Fischer ist schwieriger zu bekommen als der Papst. Das ist wirklich so. Mich würde diese perfekt wirkende Frau sehr interessieren.

Was erwartet die Zuschauer am 19. März im Pavillon?

Ich hoffe, eine spannende Zeit! Ich werde aus ein paar Interviews vorlesen, meist stimmt das Publikum darüber ab, welche Gespräche es hören möchte – zum Beispiel mit dem Papst, mit Erdogan oder Udo Jürgens. Ich war einer der letzten, der ein langes Interview mit ihm geführt hat.

Und es geht aber auch um Ihr neues Buch, oder?

Ja, darum geht es vor allem. „Erklär mir Italien!“ habe ich mit dem von der Mafia gejagten Schriftsteller Roberto Saviano geschrieben.

Der Untertitel lautet „Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?“. Haben Sie eine Antwort?

Wie jeder aus seinem Leben weiß, gehen Liebesbeziehungen auch immer wieder durch schwierige Phasen. Da verschwindet mal ein Gefühl, oder es schlägt um ins Gegenteil. So ist es auch mit Italien. Das Land lässt einen nie kalt, die Emotionen sind irgendwie immer heftig.

Sie haben Ihre ersten fünf Schuljahre in Rimini und Rom verlebt. Mit knapp elf Jahren zogen Sie mit Ihrer Mutter und Ihrem Zwillingsbruder nach Hannover, nachdem sich Ihre Eltern getrennt hatten. Von Rom nach Hannover – wie haben Sie das erlebt?

Es war ziemlich furchtbar, aber daran hatte Hannover keine große Schuld. Allein die Trennung meiner Eltern war schon genug. Und Hannover war eine komplett andere Welt. Es war ja auch ein ganz anderes Deutschland als heute. Mein Bruder und ich waren die einzigen Schüler mit Migrationshintergrund am Ratsgymnasium. Ein Mitschüler fragte mich, ob es in Rom auch richtige Häuser gibt. Er dachte, da gibt es nur Tempel, Grotten und Kirchen.

Wie gut war Ihr Deutsch?

Das war ganz ordentlich, aber nicht so gut, dass ich mich in jeder Situation wohlfühlte und richtig ausdrücken konnte. Das war in jeder Hinsicht ein ziemlich schlimmer Einschnitt.

Wurde es besser, als Sie zur Tellkampfschule wechselten?

Sehr viel besser. Da habe ich mich wohlgefühlt, einige Kontakte aus der Zeit halten bis heute. Steffen Seibert war zum Beispiel in einem Jahrgang mit mir. Und die Lehrer haben uns Dinge beigebracht, die im Leben wertvoll sind: die Fähigkeit zu diskutieren, Dinge in Frage zu stellen.

Aber es gab auch einen Lehrer, der fand, dass zu viel diskutiert wurde ...

Ja, der Herr Both. Der hat zu einer Mitschülerin gesagt „Wenn Sie diskutieren wollen, gehen Sie doch in die Diskothek.“ Unvergesslich, die Geschichte habe ich Hunderte Male erzählt. Für ein Erlebnis auf der Tellkampfschule werde ich immer dankbar sein: Als das Berufspraktikum anstand, riet mir mein Tutor, es bei der Neuen Presse zu machen. Ich hatte überhaupt nie daran gedacht, irgendwas mit Medien zu machen. Ich wollte eigentlich Psychoanalytiker oder Manager werden.

Doch dann landeten Sie bei der Neuen Presse.

Ja, und als ich an meinem zweiten Tag einen Artikel schreiben durfte und abends in meinem schrottreifen Fiat nach Hause gefahren bin, wusste ich: Das ist mein Beruf. Es fühlte sich wirklich an wie eine Berufung.

Wie ging es weiter?

Ich habe noch eine ganze Weile als fester freier Mitarbeiter weitergemacht. Aber als Redakteur wollte mich die Zeitung nicht. Da bin ich beleidigt nach München gezogen (lacht). Aber ich habe in der Zeit eine Menge gelernt, das war eine gute Schule.

Welche Beziehung haben Sie heute zu Hannover?

Ich habe Familie dort und bis vor Kurzem lebte meine Mutter auch noch in Hannover, bis sie nach Hamburg gezogen ist. Ich bin völlig im Reinen mit der Stadt. Dass meine Zeit dort anfangs so schwierig war, lag ja an den Umständen, nicht an Hannover.

Haben Sie so etwas wie eine schönste Erinnerung an die Stadt?

Natürlich: die erste Liebe zu einem Mädchen von der Elsa-Brandström-Schule. Und meine ersten Schritte als Journalist. Das war alles in Hannover.

Zum Buch:

In „Vom Aufstieg und anderen Niederlagen“ (Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 18,99 Euro) hat der Journalist Giovanni di Lorenzo 20 von ihm geführte Interviews versammelt. Die Gespräche entstanden innerhalb von 33 Jahren, di Lorenzo hat sie in umgekehrt chronologischer Reihenfolge geordnet. Darunter sind unter anderem bewegende Interviews mit der Auschwitz-Überlebenden Renate Lasker-Harpprecht oder dem Schauspieler Armin Mueller-Stahl.

Julia Braun

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