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Sportexperte: Gerhard Delling engagiert sich auch für zahlreiche soziale Projekte.

Sportexperte: Gerhard Delling engagiert sich auch für zahlreiche soziale Projekte.
 © dpa

NP-Interview

Gerhard Delling schwärmt von Hannover 96

Am 23. Oktober moderiert Gerhard Delling (58) die Benefiz-Gala von „Klang & Leben“ im GOP. Die Projektmacher nehmen Demenzkranke auf eine musikalische Zeitreise mit, spielen in Pflegeheimen Hits aus den 30er bis 50er Jahren. Die NP sprach mit dem Sportexperten über das Alter, die Macht von Musik und Bewegung – und über den Höhenflug von Hannover 96.

Sie haben „Klang & Leben“ bei einem Auftritt beobachtet. Was war Ihr Eindruck?

Ich war sehr beeindruckt. Wenn man ein Alten- und Pflegeheim betritt, hat man ja oft das Gefühl, dass die Welt ein bisschen stehen bleibt. Aber diese Stimmung konnte man gleich an der Eingangspforte abschütteln.

Woran lag das?

Da war von Anfang an emsiges Treiben, viel Lachen. Und die Heimbewohner waren von der Musik und dem Auftritt in den Bann geschlagen. Auch bei den schwer De­menzkranken in der ersten Reihe merkte man, dass sie von der Szenerie eingefangen wurden – und im Hier und Jetzt ankamen.

Hatten Sie das erwartet?

Ich glaube fest an die Macht von Bewegung und Musik. Wir müssen uns klarmachen, dass die nächste Generation schon die Chance hat, 120 Jahre oder älter zu werden. Aber das Problem könnte sein, dass man dieses Alter nicht bei klarem Bewusstsein erlebt. Es gibt laut Studien aber zwei Faktoren, die das positiv beeinflussen können – Sport und Musik. Beides erreicht alle Synapsen und Schaltstellen im Körper und Gehirn. Man kann jedem nur raten, Bewegung und Musik in sein Leben zu lassen.

„Klang & Leben“ kombiniert ja beides ...

... und bittet die Heimbewohner zum Tänzchen. Da gehört Überwindung dazu, aber auch das ist Teil dieses wunderbaren Programms. Die Musiker spüren, wann die Stimmung dafür geschaffen ist. Und dann legen die Da­men und Herren los, liegen sich glückselig in den Armen, sie sind wie losgelassen. Ein tolles Bild. Es ist eine Bereicherung, das gesehen zu ha­ben.

Sie sind 58. Wann kommt der Moment, an dem Sie über das Alter nachdenken?

Der ist schon längst da gewesen (). Die Bedrohung wird irgendwie größer. Es nimmt mir einen Teil meiner Lebensqualität, dass ich nicht mehr Fußball spielen kann. Mit einem Knorpelschaden im Sprunggelenk wäre es zu schmerzhaft weiterzumachen. Das ist ein Einschnitt. Da wird einem zum ersten Mal klar, dass ein Körper endlich ist.

Was für Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Ich hätte mich breiter aufstellen müssen (). Früher habe ich jeden Tag Sport gemacht, hatte aber auch Interesse an Musik. Wegen des Trainings war nicht genügend Zeit, um Gitarre zu üben. Ich würde aus heutiger Sicht empfehlen: beides ma­chen! Die Band wäre jetzt eine Alternative zur Fußballmannschaft. Die Rolling Stone­s und andere Stars aus dieser Zeit können ja mit über 70 immer noch die Saiten zupfen.

„Klang & Leben“ spielt Schlager der 40er und 50er. Mit welchen Songs könnte man Sie mobilisieren?

Das muss etwas Schwungvolles oder Lustiges sein. In meiner Jugend hab ich alles von Operette bis Hardrock gehört. Das halte ich heute noch so. Aber bei mir liegt man nie verkehrt mit den Eagles oder David Bowie.

Was sagen Sie als Fußball-Experte zum Saisonstart von Hannover 96?

Der ist ganz außergewöhnlich. Und wichtig, weil die Saison ja noch schwieriger wird. Die erste Reifeprüfung: Die Mannschaft weiß, dass sie in der ersten Liga bestehen kann. So kann man den ersten Rückschlag besser meistern – das ist dann die nächste Reifeprüfung. Der Grundstein für den Klassenerhalt wird in der Hinrunde gelegt, aber für einen Aufsteiger ist die Saison immer brutal lang. Ob es klappt, das zeigt sich im Spätherbst und Anfang des Jahres.

222 Millionen Euro für den Neymar-Transfer: Wird Ihnen schwindelig bei den Superlativen im Sport?

Ich stehe zum Glück mit beiden Beinen auf dem Boden, sonst wäre ich schon abgedreht. Ich finde die Entwicklung seit vielen Jahren ganz verkehrt, weil sie sich vom eigentlichen Publikum, den sportinteressierten Menschen, entfernt. Aber 222 Millionen sind noch nicht das Ende der Fahnenstange. Da sind Gewinnmaximierer und Finanzakrobaten am Start, das Monopoly ist eröffnet.

Was muss passieren?

Wir müssen das auf wirtschaftspolitischer Ebene lösen. Ich will nicht den Kommunismus ausrufen, aber der Markt allein regelt eben doch nicht alles aus sich selbst heraus. Es müssen Regeln geschaffen werden, damit diese Gesellschaft wieder enger zusammenrückt. Regeln, die auch für den Fußball gelten. Ich finde erstaunlich, dass das bisher alle so mitmachen. Wir in den Medien, aber auch die Fans: In England sind die Karten für ein Fußball-Ticket irrwitzig hoch. Ich würde da nicht ins Stadion gehen! Aber das Neymar-Thema hat für Furore gesorgt und viele aufgeweckt. Vielleicht löst das ja auch in der Politik etwas aus, damit man versucht, die Gesellschaft nicht noch weiter auseinanderzutreiben.

2014 haben Sie die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien begleitet. Machen Sie das 2018 in Russland wieder?

Voraussichtlich ja. Die Nähe zur Mannschaft ist ein großer Reiz an dieser Aufgabe. In Brasilien habe ich 30 000 Kilometer zurückgelegt, in Russland sind die Entfernungen ähnlich – da kann man nicht alle Spiele sehen, das ist für einen Fußball-Junkie wie mich der Nachteil. Im Studio sieht man alles, hat alle Infos ...

... muss sich aber auch mit einem Co-Kommentator herumschlagen. Was für Qualitäten müsste ein Nachfolger für Mehmet Scholl bei der ARD mitbringen?

 Das Wort „Co“-Kommentator ist schon falsch, man sollte auf Augenhöhe miteinander sprechen. Ich kann für mich sagen: Mir bringen Gesprächspartner viel, die hohe Kompetenz und Sachverstand haben. Aber sie müssen auch Lust haben, sich darüber auseinanderzusetzen. Es ist schwer. jemanden zu finden, der Ecken und Kanten zur Schau stellt, aber auch bereit ist, sich hinterfragen zu lassen. Es reicht nicht, jemanden zu verpflichten, der früher mal gut Fußball gespielt hat und berühmt ist. Es ist wie die Verpflichtung eines Schlüsselspielers bei einem Fußballverein.

Von Andrea Tratner

Tipp: Die Benefiz-Gala, auf der Spenden gesammelt werden, beginnt um 19 Uhr, Musiker wie Oliver Perau und Jens Eckhoff treten auf, Karten kosten 39 Euro.