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ER LACHT WIEDER: Jochen Gaues mit Sylter Weißbrot. Beim Backen ist er Perfektionist und stolz darauf, dass alle Brote ohne Zusätze und per Hand gebacken werden. Fotos: Dröse (2)

ER LACHT WIEDER: Jochen Gaues mit Sylter Weißbrot. Beim Backen ist er Perfektionist und stolz darauf, dass alle Brote ohne Zusätze und per Hand gebacken werden.© Dröse

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Porträt

Gaues verdient wieder sein täglich Brot

Er war ganz oben und stürzte tief ab. Und viele dachten, dass Jochen Gaues (50) nicht noch einmal hochkommt. Doch der Mann, der Brot backen kann wie kein Zweiter, ist wieder da. Heute kocht er mit TV-Koch Rainer Sass (62) auf der Infa - um 13 Uhr in der Show-Küche in der Lebensart-Halle 19. Die NP besuchte ihn in seiner neuen Heimat.

Ein Leben wie eine Achterbahn, das hat Jochen Gaues (50) in den letzten Jahren erlebt. In wenigen Jahren verdiente der Bäckermeister so viel Geld, dass er die Übersicht verlor, er wurde hofiert und gehasst, er fuhr Ferrari, dann reichte das Geld nicht einmal für einen Kleinwagen. Bei allen Höhen und Tiefen ist er er eines geblieben: Deutschlands bekanntester Bäcker, und viele würden hinzufügen: Deutschlands bester Bäcker.

In seiner Erfolgszeit sprach sich das bis ins Bundespräsidialamt herum, Weltstars wie Jack Nicholson (79) oder Quentin Tarantino (53) bestellten Gaues’ Brot, seine Filialen waren Goldgruben. Das machte den jungen Bäcker stolz, und das zeigte er auch: Gaues buk nicht mehr nur, er lebte - so richtig. Am liebsten mit Promis an seiner Seite, am besten im Sportflitzer auf der Überholspur. Das rief viele Neider auf den Plan, die es umso mehr freute, als später die Pechsträhne des unbescheidenen Bäckers begann.

Heute lebt der 50-Jährige in Lachendorf, einem 5839-Seelen-Dorf bei Celle. Hier hat er seine Backstube, hier hat er eine Filiale. Wenn der große Mann mit den weißgrauen Haaren im Verkaufsraum ist, begrüßt er jeden Kunden freundlich und verabschiedet sich höflich: „Vielen Dank für Ihren Einkauf.“ Das sagt er ziemlich häufig: In dem kleinen Geschäft brummt es, viele Kunden kommen mit dem Auto von weither, sein Brot ist begehrt.

Wenn Jochen Gaues spricht, dann mit lauter Stimme und ohne Punkt und Komma. Viel hat er zu erzählen, völlig ungefiltert sagt er, was er denkt. Dass er sich schon oft um Kopf und Kragen geredet hat, stört ihn nicht. Immer mal wieder aber unterbricht er das Gespräch, geht in die Backstube und prüft die Brote, die Konsistenz des Teigs, den Bräunungsgrad der Laiber im Ofen. Jochen Gaues ist wieder angekommen, mehr noch: Er ist wieder gut im Geschäft, und das ist fast ein Wunder.

Anders als früher weiß er zu schätzen, was es bedeutet, Erfolg zu haben. Ein wenig ruhiger scheint er geworden zu sein, die Zeit, die hinter ihm liegt, ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen: „Nee, ich brauche keinen Ferrari mehr“, wehrt er ab. Zwei Insolvenzen hat er hingelegt, die zweite, von Broterbe Gaues, als er bei seiner Frau Elisabeth (49) angestellt war, war die schlimmere. Wegen hygienischer Mängel in der Backstube wurden die Gaues’ 2011 zu einer Geldstrafe von mehr als 14 000 Euro verurteilt. Die Steuerprüfung kurz danach brach ihnen wirtschaftlich das Genick - 2013 die Insolvenz. Zwar rettete Gastronom Valentin Zurr (41) die Firma, schmiss aber nach vier Monaten den Bäcker raus und führte Broterbe Gaues ohne Gaues weiter: „Das war eine Sch...zeit“, sagt Gaues: „Wir hatten nix mehr. Vorher Ferrari gefahren und jetzt keine hundert Euro mehr da. Wir konnten uns nicht einmal mal das Futter für unsere zwei Hunde leisten, und ich musste mir von Chaime Guzman vom ,El Chileno‘ ein Auto leihen, um sie ins Tierheim zu bringen.“ Gaues war am Boden: „Wir haben acht Kinder, für die war das auch hart. Vorher hat Geld bei uns ja keine Rolle gespielt.“ Vermeintliche Freunde kehrten ihm den Rücken, viel Häme und Spott bekam er zu hören: „Ich war ja auch nicht unschuldig, ich habe über die Stränge geschlagen, nahm so viel ein, da habe ich die Übersicht verloren. Ich fühlte mich unangreifbar.“ Besonders bitter für ihn: „Der Name Brot-erbe Gaues ist verkauft worden, da habe ich nichts mehr mit zu tun“, distanziert er sich von den immer noch existierenden hannoverschen Backstuben.

Immerhin, es gab auch Freunde in der dunklen Zeit: Bei Spitzenkoch Norbert Schu (63) konnte er 2,5 Tonnen von seinem Sauerteig einfrieren. Und auch Prominente standen ihm bei: So hielt Sternekoch Tim Mälzer (45) zu ihm, Fernsehkoch Rainer Sass (62) unterstützte ihn, die Hamburger Starköchin Cornelia Poletto (45) beliefert er bis heute: „Ich wurde von vielen angesprochen, zum Glück bin ich ja auch nicht der Typ, der im Suff versinkt.“ Aber es kam noch schlimmer: Im Januar 2014 erlitt seine Frau einen schweren Schlaganfall, halbseitig gelähmt kam sie ins Krankenhaus, zunächst machten die Ärzte wenig Hoffnung: „Da war ich echt am Ende - ohne Betti hätte ich nicht gewusst, wie es weitergehen soll. Ich war so verzweifelt.“

Doch Betti erholte sich und es kam unerwartet Hilfe. Ein wohlhabender Freund aus Braunschweig gab ihm ein Darlehen, seit September 2014 gibt es „Bäcker Gaues - das Original“. In dem Unternehmen ist Gaues als Bäcker angestellt, hat aber in Sachen Brot völlig freie Hand. Und die Familie rückte zusammen, zwei seiner Söhne arbeiten in der Bäckerei mit. Als Geschäftsführerin hält Kira Koenemann (47) ihm den Rücken frei und sorgt dafür, dass sich Gaues, der sich als „positiv durchgeknallt“ bezeichnet, nicht wieder finanziell verzettelt: „So kann ich mich ausschließlich um mein Brot kümmern.“ Das ist ja auch seine Stärke: „Selbst Barack Obama hat mein Brot bei seinem letzten Besuch hier gelobt“, freut sich Gaues - da ist er ganz der Alte. 14 Filialen gibt es inzwischen, nur zwei davon in Hannover - Gaues engagiert sich lieber in Hamburg und Braunschweig. „Mehr sollen es nicht werden, mehr ist nicht zu schaffen“, sagt er. Außerdem beliefert er viele Spitzengastronomien. Gerade erst konnte er Til Schweiger (52) in einem Cas-ting von seinem Brot überzeugen - in dessen Hamburger Restaurant „Barefood Deli“ in der Nähe der Mönckebergstraße (eröffnet Ende Oktober) wird es auch Brot von Gaues geben. Da blitzt es wieder in seinen Augen: „Die anderen haben einen riesigen Bohei drum gemacht, extra einen Ofen angekarrt und ihre Brote wichtig aus dem Feuer geholt. Ich habe einfach einen Tisch aufgebaut und Til Schweiger probieren lassen.“

NPVISITENKARTE

Geboren am 24. April 1966 in Sande (Friesland). Schon als Kind träumt Gaues zum Leidwesen seiner Eltern – beide Akademiker – davon, Bäcker zu werden. Sie schicken ihn sogar zum IQ-Test. Doch Jochen Gaues setzt sich durch, nach der Realschule absolviert er eine Ausbildung zum Bäcker, dann zum Konditor. 1989 legt er seine Meisterprüfung ab, im selben Jahr macht er sich mit seiner Frau Sabine als Bäcker selbstständig. 2002 ist das Unternehmen insolvent. Im selben Jahr trennt sich das Paar, unter der Marke „Gehrdener Backhaus“ backt Sabine Gaues (50) eigene Brötchen. Jochen Gaues ist in zweiter Ehe mit seiner Ex-Backstubenleiterin Elisabeth Gaues (49) verheiratet. 2013 meldet auch sie Insolvenz an. Seit September 2014 backt Jochen Gaues bei „Bäcker Gaues, das Original“. Er hat sechs Kinder und zwei Stiefkinder. www.baecker-gaues.de


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