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Mensch-Hannover Gaststätte „Zum Stern“: Wo die Vergangenheit Zukunft hat
Menschen Mensch-Hannover Gaststätte „Zum Stern“: Wo die Vergangenheit Zukunft hat
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00:16 20.05.2017
SEIN SCHMUCKSTÜCK: Andreas Klitz (58) hat seine Jukebox in den „Stern“ gestellt – ein Glücksfall für die Gäste. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Das erste Mal betrat Andreas Klitz (58) die Gaststätte „Zum Stern“ mit 14 Jahren. „Ich hatte gerade Konfirmation gefeiert, und mein Patenonkel nahm mich mit hierher“, erzählt der Wirt aus der Weberstraße. Dass er die Kneipe, eine der ältesten der Stadt, einmal selbst führen sollte, hätte sich der Teenager damals kaum vorstellen können. Aber er kam fortan regelmäßig. Denn Klitz trat dem Schützenverein „Alt Linden“ bei, dessen Mitglieder sich seit den 60er Jahren wöchentlich im „Stern“ treffen. Der Saal der Gaststätte kann zu einem Schießstand umgebaut werden, an dem die Schützen bis heute trainieren und Wettkämpfe austragen – „mit Luftgewehren, sonst wäre das zu laut für die Nachbarn“, sagt Klitz und lacht.

Wie alt genau das Lokal ist, weiß niemand. „Die Unterlagen sind im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen“, sagt der 58-Jährige, „laut Schätzung wurde es um 1890 eröffnet.“ Lange Zeit blieb das Haus in Familienhand, als aber 1980 eine langjährige Eigentümerin verstarb, stand es plötzlich zum Verkauf. Die Schützen, die ihr Vereinsheim samt Schießstand in Gefahr sahen, legten zusammen und erwarben das Haus. Viele Pächter führten den „Stern“, der eine besser, der andere schlechter, der letzte miserabel. „Der hatte die Gaststätte total an die Wand gefahren, man musste bei Null anfangen“, erinnert sich Andreas Klitz. Und genau das tat er: Klitz hatte kurz zuvor nach 23 Jahren seinen Job in der Immobilienbranche verloren, suchte mit 46 Jahren nach einem Neuanfang. Als seine Frau Claudia (58) vorschlug: „Lass uns die Kneipe machen“, überlegte er nicht lange. Ohne gastronomische Vorerfahrung, aber mit viel Energie und Fantasie legte das Ehepaar los, renovierte das Lokal und trennte sich von so mancher Altlast – sowohl von Stammgästen, die nur auf Deckel getrunken hatten, als auch von uralten Spielautomaten.

Stattdessen stellte Klitz ein anderes Gerät in seiner Gaststätte auf: seine Jukebox. Eine in jeder Hinsicht geniale Idee. Rund 80 Singles können Gäste per Knopfdruck auswählen – von „Am Fenster“ von City, über „Spanish Eyes“ von Al Martino bis „Blueberry Hill“ von Fats Domino. Ein günstiges Vergnügen: „Die Musicbox stammt aus D-Mark-Zeiten“, sagt Klitz, „wenn jemand einen Euro reinstecken will, bitten wir ihn höchstens, das Geld in die Ersatzteilkasse zu werfen.“

Lustige Szenen spielen sich ab rund um die Jukebox, aber auch sehr emotionale. „Junge Leute fragen uns, ob das mit MP3 läuft“, erzählt der Wirt amüsiert, „die haben noch nie eine Single gesehen.“ Ältere Kneipengänger dagegen sind meist äußerst textsicher und werden bei manchen Songs zutiefst sentimental. „Wenn ,Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand’ von den Kilima Hawaiins läuft, weinen viele Gäste“, so Klitz.

Handwerksburschen auf Wanderschaft, für die der „Stern“ in Hannover eine feste Anlaufstelle ist, drücken grundsätzlich „Whiskey in the Jar“ von Thin Lizzy, ältere Stammgäste spielen am liebsten „Ich habe die Liebe gesehen“ von Vicky Leandros, und nicht selten verwandelt sich der Kneipenraum dann in eine Tanzfläche. Musikalischen Nachschub bekommt der „Stern“-Wirt regelmäßig – von seinen Gästen. „Wer seinen Keller aufräumt, kommt danach mit einem Stapel Singles vorbei, als Leihgabe oder Geschenk.“

Der „Stern“ bedient die Sehnsucht nach alten und guten Zeiten, aber das allein ist nicht der Grund, weshalb die Traditionsgaststätte (und Raucherkneipe) läuft und läuft. Dienstags treffen sich die Schützen, mittwochs probt hier der Shantychor „De Leineschippers“, im Saal werden Konfirmationen, Trauerfeiern und Hochzeiten gefeiert, neben Lesungen und Theaterauftritten ist der „Stern“ auch die Location, in der der Bluesclub Hannover seine Konzerte veranstaltet. „Man muss mehrgleisig fahren, einen bunten Blumenstrauß anbieten“, hat der Gastronom gelernt. „Von alleine läuft so ein Betrieb nicht, man muss sich immer kümmern.“ Um Veranstaltungen und die Buchhaltung, aber vor allem um die Gäste.

„Wir sind Gastgeber, Seelentröster, Ratgeber und Infobüro“, sagt Claudia Klitz. Sie hat als Taxifahrerin gearbeitet, auch die Jahre in der Immobilienbranche schulten Andreas Klitz im Umgang mit Menschen. „An unserer Theke wird alles besprochen“, sagt die 58-Jährige, „das ist unsere Arbeit, und die machen wir gern.“

www.gaststätte-zum-stern.de

Von Julia Braun

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