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Mensch-Hannover Fumagalli - die Traurigkeit des Spaßmachers
Menschen Mensch-Hannover Fumagalli - die Traurigkeit des Spaßmachers
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11:35 02.01.2017
MARKENZEICHEN: Die Frisur von Gianni Huesca, der als Fumagalli in der Manege Späße treibt, hält jeden Windstoß aus. Quelle: Dröse

Mit geübten Handgriffen trägt er die dicke Schicht Theaterschminke auf und klopft den matten Teint energisch fest. Dann mit dem Pinsel die Wangen in Rouge tauchen, die Lippen rot färben, mit Kajal die Linien um die Augen ziehen. Gianni Huesca (60) verwandelt sich in wenigen Minuten in Fumagalli, den „Dummen August“. Das ist ihm wichtig. „Clowns nennt man nur die mit dem weißen Gesicht“, betont er. Fumagalli hat ein anderes Markenzeichen: Drei breite Haarsträhnen stehen senkrecht von seinem Schädel mit dem lichter werdenden Haupthaar ab. Prüfend drückt der Komiker eine der Tollen nach unten, sofort federt sie zurück. Zwei Stunden vor dem Auftritt bringt er die Frisur in Form, damit sie aushärten kann - „mit einer halben Dose Haarspray und einem Föhn. Das muss ja etwas aushalten“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Im Mülleimer neben dem improvisierten Schminktisch im Backstage-Bereich des Zirkuszeltes stapeln sich leere Spraydosen, Fumagalli schwört auf Drei-Wetter-Taft. Ultimate-Lack, Härtestufe sechs. „Fumagalli spezial“, sagt er und lässt sein meckerndes Lachen klingen.

Jeden Tag zwei Vorstellungen, ab 15.30 und 19.30 Uhr steht Fumagalli im Rampenlicht der Manege - und begeistert das Publikum mit einer Nummer, die bereits 200 Jahre alt ist. „Bienchen, gib mir Honig“ ist ein Klassiker: „Mein Vater hat das gespielt, mein Großvater, Generationen von Artisten. Die Nummer funktioniert immer. Aber wir haben sie zu unserer Marke gemacht“, sagt er über die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Daris (65). 2015 verlieh ihnen Prinzessin Stephanie von Monaco (51) beim 39. Zirkusfestival in Monte Carlo die Gold-Trophäe dafür. „Das war ein Traum“, sagt der 60-Jährige stolz. Schließlich seien die Brüder („zwei kleine Leute“) unter anderem gegen eine chinesische Truppe mit 16 Artisten angetreten. Aber: „Bienchen ist Schauspiel - eine Rolle, in die man schlüpft.“

In Hannovers Manege fällt ihm das in diesen Tagen allerdings schwerer als sonst. „Hier sind so viele Erinnerungen“, sagt Huesca und legt die Leichtigkeit der Fumagalli-Maske für einen Moment ab. 2007 trat er wochenlang im GOP-Varieté auf, die Show „Bella Italia“ war eine Art Familientreffen - auch seine Söhne Nino und Niko gehörten zum Ensemble, sie zeigten eine Tempo-Nummer mit Pirouetten und Salti. „Ich bin stolz auf sie, denn ich weiß, wie gefährlich ihre Show ist“, schwärmte der Spaßmacher damals im NP-Interview. Doch gefährlicher als jede Nummer auf der Bühne ist das Leben. „Im GOP stand Nino das letzte Mal auf einer Bühne“, sagt Huesca mit leiser Stimme.

Nino Huesca hatte danach im Stuttgarter „Palazzo“ ein Engagement. „Er brach in der Garderobe zusammen, ist vor der Premiere einfach umgekippt“, erzählt sein Vater. Die schreckliche Diagnose: Hirntumor. „Er hat vier Jahre gekämpft“, sagt Huesca und versucht tapfer zu wirken, als er an die Leidenszeit mit Chemotherapien und Klinikaufenthalten zurückdenkt. In einem Münchner Krankenhaus hielt er die Hand seines sterbenden Sohnes: „Er war alles für mich. Ein Stück von mir ist nun auch tot.“

Der Spaßmacher Fumagalli verließ damals die Manege, der Vater Gianni Huesca trauerte. Ein Jahr lang. Dann redete ihm ein anderer weltberühmter Clown gut zu: sein Cousin David Larible (59). Dessen Rat: „Du musst weitermachen. Nino sieht von oben zu.“

Und Fumagalli machte weiter. Er suchte fortan oft jenseits des Schlußapplauses und der tanzenden Lichtkegel in der Manege seine Insel der Stille. Dann sendete er eine Kußhand ins Zeltdach - ein Gruß an Nino. Ist das immer noch ein Ritual? „Ich habe das hier in Hannover noch gar nicht gemacht“, sagt er nachdenklich, „denn in dieser Stadt ist es besonders schwer. So viele Erinnerungen kehren zurück.“ Im Ensemble seien viele Artisten, die auch Nino aus den Roncalli-Jahren kannte.

Für den NP-Fotografen wirft Fumagalli seine prachtvolle Livree über, seine Fleecejacke hängt er sorgfältig über einen Stuhl. „39. Monte Carlo Festival“ ist auf den Rücken gestickt - die Stunde des Triumphes der Huesca-Brüder. Hat er alles erreicht? „Ein guter Komiker ist nie am Ende, die Erfahrung wird ja immer größer“, sagt er, „mein Herz gehört in die Manege. Zum 50. Zirkus-Festival komme ich dann eben mit einem Gehstock.“ Ein Augenzwinkern. Und wieder dieses meckernde, liebenswürdige Lachen.

NPVISITENKARTE

Geboren am 25. Dezember 1956 in Genua (Italien). Gianni Huesca wird „Natalino“ genannt, weil er Weihnachten Geburtstag hat. Er stammt aus einer traditionsreichen Zirkusfamilie, sein Vater spielte in Frederico Fellinis „Il Clowns“. Huesca beherrscht Seiltanz, Trapez und Jonglage. „In der alten Zeit musste man alles können“, sagt er über das Leben in der Manege. Als sein rechtes Knie nach fünf Operationen keine artistischen Nummern mehr zuließ, konzentrierte er sich auf die Rolle des dummen Augusts. Seine Frau Angela ist Direktorin des irischen Nationalzirkuses, Sohn Niko ist ebenfalls Artist, Nesthäkchen Stephano (14) hat ein „Super-Talent für Komik“.

INFO

Der Weihnachtszirkus gastiert noch bis 8. Januar auf dem Schützenplatz, täglich laufen zwei Vorstellungen (15.30 und 19.30 Uhr). Die Zuschauer können am Ende jeder Show abstimmen, wer ihr Favorit ist beim „Grand Prix der Artisten“. Um den Titel kämpfen unter anderem die sieben Mesa Brothers, die eine Pyramide auf dem Hochseil bilden, Tom Duffy und sein Team im Todesrad oder Nasenflöter Gabor Vosteen (36). Das Besondere an Fumagallis Nummer: Mit in der Manege steht Nino Süß (65), der eigentlich die Gastronomie leitet – die Artisten kennen sich seit ihrer Kindheit, die „Bienchen“-Nummer haben sie zuletzt vor 45 Jahren zusammen gemacht. Karten kosten im Vorverkauf 19,90 bis 54,80 Euro in den NP-Ticket-Shops (zum Beispiel Lange Laube 10) oder unter www.tickets.neuepresse.de

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