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MORGEN IM JAZZ-CLUB:  Friedrich Liechtenstein.© Tomaso Baldessarini

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Porträt

Friedrich Liechtenstein: Er singt sein Leben herbei

„Supergeil“, das Kult-Video der Supermarktkette Edeka, war gestern. Supercool ist Friedrich Liechtenstein immer noch! Morgen Abend singt er im Jazz-Club. Die NP sprach mit dem Mann, der sich selbst als Kunstwerk betrachtet, über die Romantik von Tankstellen, die Jazz-Polizei und seine rätselhaften Songtexte.

Hört man den Namen Friedrich Liechtenstein (57), hat man sofort Bilder vor Augen: Ein weißbärtiger Mann mit verspiegelter Sonnenbrille gießt sich genüsslich Milch in die Badewanne, schlendert durch die Frischeabteilung eines Supermarktes, murmelt mit Bass-Stimme „Superuschi, Supermuschi, Supersushi - supergeil“. Der Edeka-Werbespot war 2014 ein viraler Hit, Liechtenstein plötzlich eine Kultfigur für die Massen, sogar die „New York Times“ berichtete über den coolen Alten. Dabei hatte er sich bereits 2003 als Kunstwerk erfunden. „Es gibt keinen Unterschied zwischen mir und der Figur auf der Bühne“, betont er auch im Gespräch mit der NP. In der Supermarkt-Werbung stecke viel von ihm - „meine Stimme, meine Moves, meine Ironie“. Nur singen werde er das Lied garantiert nicht.

Morgen im Jazz-Club (Beginn 20.30 Uhr, Karten kosten 20 Euro) stellt das Friedrich-Liechtenstein-Trio das Album „Schönes Boot aus Klang“ vor - Arnold Kasar und Sebastian Borkowski steuern sanft wummernde elektrische Klänge und diverse Instrumente zu Liechtensteins Texten bei. Wer die Platte gehört hat, weiß, was auf ihn zukommt: „Wir haben in den Emil-Berliner-Studios eine Direct-Disc-Aufnahme gemacht“, erklärt der 57-Jährige. Alle Songs wurden nur ein einziges Mal „konzentriert performt“. Den Jazz-Club kennt er (noch) nicht. Vor dem Ruf der Bühne, auf der Größen wie Louis Armstrong († 69) aufgetreten sind, hat er keine Angst: „Wir touchieren viele Genres“, kündigt er an - und lacht dann dröhnend: „Vielleicht kommt ja die Jazz-Polizei vorbei!“

Die dürfte dann miträtseln über Liechtensteins kryptisch-poetische Songtexte. „Hinter jedem Wort steckt ein Gedanke“, beteuert der Entertainer, „aber wer in der Schule aufgepasst hat, weiß, dass man Gedichte nicht zu Ende erklären kann.“ Viele Mythen ranken sich um den bärtigen Berliner, er füttert sie meist selber. „Durch meine Songs gestalte ich mein Leben, ich singe es herbei“, sagt er. Und durch schräge Aktionen. Als „Schmuck-Eremit“ hauste er lange öffentlich in einer Berliner Brillen-Galerie. Inzwischen hat er eine Wohnung - aber weiterhin keine Möbel: „Ich bin stolz darauf, nichts zu besitzen. Ich könnte jederzeit meinen Koffer packen - das ist ein schönes Gefühl.“

Wer sich als Kunstwerk begreift, spricht schon mal von sich in der dritten Person: „Friedrich Liechtenstein ist ein ironischer Mensch, er umarmt gerne Dinge“, räsonniert er. Zuletzt hat er für eine zehnteilige Arte-Serie (Sendetermin: Pfingstmontag, 11.15 Uhr) „Tankstellen des Glücks“ in ganz Europa umarmt. „Die Tankstelle ist ein romantischer Ort“, behauptet er, „es geht um Freiheit, Verheißung, Einsamkeit und die Schuldfrage bei der globalen Erwärmung.“

Der Schritt von Klamauk zu Philosophie und großer Kunst ist bei Liechtenstein schnell gemacht. Auch sein Kurzzeitengagement als „Senderchef“ bei Tele 5 ist so ein Kapitel. „Ich bin ein Flaneur - und stolz darauf, dass ich in so vielen verschiedenen Kontexten auftauche“, sagt er über das als Mediensatire angelegte Projekt, das im März für Aufsehen sorgte. Immerhin hat er bei Tele 5 Spuren hinterlassen, der Sender experimentiert mit „vertikalem Fernsehen“. Was heißt das? Filmszenen werden hochkant gezeigt. „Wenn man auf der Couch liegt, kippt das Bild ja nach rechts“, erklärt Liechtenstein. Vertikal-TV sei also die perfekte Lösung für Couch Potatoes.

NPVISITENKARTE

Geboren am 2. Januar 1959 in Eisenhüttenstadt. An der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ macht er einen Abschluss als Puppenspieler und tourt durch die DDR. 2003 erfindet er sich als schillernde Kunst-Figur Friedrich Liechtenstein neu: Er singt Elektro-Pop in Berliner Clubs, wird einer der drei Intendanten des Hansa-Theaters, schiebt Kunstprojekte an, ist „Reiseleiter“ in einer 3Sat-Doku-Reihe. 2014 erscheint sein Album „Bad Gastein“, 2015 seine Biografie „Super. Mein Leben“. Derzeit ist er mit dem Friedrich-Liechtenstein-Trio auf Tour.


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