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ENTSPANNT AM STRAND: Wotan Wilke Möhring weiß, wie wichtig Pausen im stressigen Alltag sind.

ENTSPANNT AM STRAND: Wotan Wilke Möhring weiß, wie wichtig Pausen im stressigen Alltag sind.
© Superbrands Germany

NP-Interview

Er sucht sich seine Ruhepole

Donnerstag läuft sein neuer Film „Happy Bournout“ in den Kinos an. Im NP-Gespräch erzählt Wotan Wilke Möhring (49) über seinen Arbeitsstress und die Kunst, sich Ruheoasen im Alltag zu schaffen. Außerdem spricht der Schauspieler über Jugendsünden aus seiner Punk-Zeit und seine Beziehung zu Hannover.

Hannover.  

Herr Möhring, Sie haben seit 1997 in knapp 100 Filmen mitgewirkt, so richtig geballt hat sich Ihr Arbeitsvolumen in den vergangenen Jahren. Wie oft standen Sie schon vor einem Burnout?

Noch gar nicht. Klar war ich nach dem Dreh von „Old Shatterhand“ erledigt, der ging 80 Tage. Ich konnte danach viel schlafen und habe Ruhephasen eingelegt, dann ist das machbar. Es gibt ja verschiedene Arten der Erschöpfung. Wichtig ist, dass man auf sich und seinen Körper hört. Wenn man zum Beispiel merkt, dass die Konzentration nachlässt, die Geduld immer weniger wird – das sind so typische Signale – dann sollte man wieder mal durchschlafen. Das Schiff, das man steuert, hat nämlich nicht unendlich viel Diesel zur Verfügung.

Wie schaffen Sie sich Ruhephasen?

Ich plane sie ganz bewusst ein, gerade als Familienvater ist das wichtig.

Der Punk Fussel, den Sie spielen, plagt ja eher ein „Boreout“, also eine ausgesprochene Unterforderung. Er bezieht Hartz IV, seit es die Stütze gibt und hat nie gearbeitet. Beschreiben Sie den Typen.

Der sieht das ja nicht so in seinem kleinen Kosmos. Fussel denkt, dass er so richtig viel und auch das Richtige macht. Dabei ahnt er schon, dass er in der Welt der Provokation und des gewollten Andersseins irgendwie hängengeblieben ist. Er ist so ein Anarcho, der zwar mal eine gute Motivation hatte, daraus aber nicht viel gerissen hat. Mit seiner Schlawinerart gelingt es ihm aber, diese Mängel abzudecken – bis er mit wahren Problemen konfrontiert wird.

Plötzlich hat er nämlich ordentlich zu tun: Fussel hilft wirklich geplagten Burnout-Patienten in einer Klinik. Da landet er mit einem vorgetäuschten Burnout, damit er seinen Anspruch auf Hartz IV nicht verliert. Er wird nun also gebraucht. Was macht das mit ihm?

Wenn du etwas aus Spaß machst, machst du es ja gerne und es fällt dir nicht schwer. Fussel muss aber plötzlich einen Zweck erfüllen, nämlich die Patienten therapieren, und das nimmt ihm die Lockerheit. Er wird sich seiner Rolle bewusst und dann macht ihm das Ganze aber keinen Spaß mehr. Es geht nämlich ums Zuhören – und das kann er gar nicht.

Sie sind selbst eine Zeit lang als Punk unterwegs gewesen. Konnten Sie dadurch der Rolle etwas Authentischeres einhauchen?

Absolut! Dieser schlurfende Gang etwa – da habe ich einen alten Freund vor Augen, der so gegangen ist. Ich hatte ganz konkrete Ideen für die Figur. Und sechs Wochen lang Springerstiefel zu tragen, war übrigens auch mal wieder cool ().

Und diese, sagen wir mal, sehr gewöhnungsbedürftige Frisur? Wer hat sich die überlegt?

Das war tatsächlich auch meine bescheuerte Idee. So einen ähnlichen Iro-Schnitt hatte ich früher auch mal. Wir haben uns so lange irgendeine Sauce in die Haare geschmiert, bis die Kopfhaut gebrannt hat. Ich habe viel mit Lebensmittelfarbe experimentiert und hatte auch blaue Haare. Bei Fussel wollte ich unbedingt das Verzeckte hervorheben.

Mit André Erkau haben Sie ja schon den Film „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ gedreht.

Ja, es echt genial, mit dem gleichen Team von damals zu arbeiten. Eine wirklich tolle und seltene Voraussetzung. In „Happy Burnout“ ist aber im Gegensatz zum ersten gemeinsamen Film die Traurigkeit etwas moderater. Wir wollten keinen Film über die Krankheit machen, sondern einen, der von Zuhören und Weghören handelt.

Sie drehen bis Anfang Mai einen neuen Film. „Steig! Nicht! Aus!“ entsteht gerade in Berlin. Deshalb können Sie nicht wie angedacht nach Hannover kommen, um „Happy Burnout“ persönlich vorzustellen, oder?

Ja, leider schaffe ich es nicht. Meine Schwester hatte sich auch schon gefreut – und ich hätte mich auch total gefreut. Hannover ist für mich nämlich nicht nur eine Stadt, die zwischen Köln und Berlin liegt. Ich habe da Familie, mag den Maschsee. Und das Astor ist mittlerweile echt eines meiner Lieblingskinos geworden. Ich freue mich über jeden einzelnen, der sich den Film trotzdem anschaut.

Von Mirjana Cvjetkovic