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© Frank Wilde

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Musik

Er schreibt die Fußnoten seines Lebens

Gestern hat er in der NDR-Talk-Show „Tietjen & Hirschhausen“ mit seinen frechen Kontern den Moderator ins Schwitzen gebracht: Felix Klieser (23) hat an der Musikhochschule Hannover Horn studiert, seine Biografie „Fußnoten“ herausgebracht und gerade einen mit 10 000 Euro dotierten Musikpreis gewonnen. Ach ja, Klieser wurde ohne Arme geboren.

Hannover. Zwei Profimusiker bei der Arbeit. Im Proberaum 110 der Musikhochschule am Emmichplatz wird an Details, Winzigkeiten, Nuancen gefeilt und über das richtige Tempo debattiert. „Da-did-da-did-da“, singt Felix Klieser (23) dem Pianisten Thomas Hell (33) eine Passage aus dem „Divertimento für Horn und Klavier“ von Jean Françaix († 85) vor, das sie einstudieren. „Das Sechzehntel passt noch nicht“, findet Klieser. Das Ausnahmetalent, das die Tasten des Horns mit dem linken Fuß bedient, gilt als Perfektionist. Könnte stimmen ...

Klieser wurde ohne Arme geboren. Den Horn-Ständer (eine Spezialanfertigung) schraubt er mit routinierten Fußgriffen zusammen, am Fußgelenk trägt er eine Uhr, er daddelt mit dem Smart-phone, hängt sich selber die Tasche um, reist allein durch die Welt - und arbeitet hart an seiner Karriere. Im November nimmt der 23-Jährige sein zweites Album auf, am 7. Oktober wird er mit dem Musikpreis des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen ausgezeichnet, nächstes Jahr spielt er Konzerte im taiwanesischen Taipeh. Nur für eines hat er gerade keine Zeit: Für den Studienabschluss fehlt noch die Bachelor-Arbeit. „Kommt noch“, versichert er, „aber es gibt gerade Spannenderes in meinem Leben.“

„Fußnoten“ heißt Kliesers Biografie (Patmos-Verlag, 168 Seiten, 17,99 Euro) - ein sinniges Wortspiel. Ist es für eine Bilanz nicht ein bisschen früh mit 23? „Na ja, ich wollte auch Werbung für das Horn machen, das ist ein eher unterschätztes Instrument“, sagt er. Die Musik spielt die Hauptrolle in dem Buch, nicht seine Behinderung. Die war auch in seiner Kindheit auf dem Dorf nahe Göttingen nicht wichtig.

Den Satz „Das geht nicht, das kannst du nicht“ habe er von seiner Mutter nie gehört, erzählt Klieser freimütig. Und als er als Vierjähriger felsenfest versicherte, er wolle unbedingt Horn spielen („Fragen Sie mich nicht, wie ich auf diese Idee kam, ich weiß es nicht“), suchte sie eben einen Musiklehrer: „Da macht keiner einen Salto vor Freude, wenn ein Kind ohne Arme vor ihm steht.“ Trotzdem: Schlechte Erfahrungen mit Diskriminierung hat Klieser nicht gemacht: „Ich habe die Welt nie als böse empfunden.“ Sein Rezept: sich nicht klein machen und in die Ecke stellen.

Seinem selbstbewussten Auftritt gestern bei „Tietjen & Hirschhausen“ (die Sendung ist in der NDR-Mediathek abrufbar) merkte man an, dass Klieser seinen Weg durchs Leben meistert. Als Kind wer er ein Rabauke: „Es gab welche, die einfacher zu unterrichten waren. Ich habe Unfug getrieben, auf hohem Niveau!“ Die Sprengung von Briefkästen gehörte dazu: „Die Disziplin und Ordnung bei der Sprengung von Häusern hat mich fasziniert, nicht das Krawumm.“ Disziplin und Ordnung braucht man auch in der klassischen Musik.

„Ohne Ehrgeiz geht es nicht“, weiß Klieser, „schöne Musik machen ist ein Genuss, aber man muss sehr hart arbeiten dafür. Eine Musikkarriere ist kein Lottogewinn.“ Talent mache nur 30 bis 40 Prozent aus: „Es geht um den Willen.“ Als Wunderkind will er auf keinen Fall bezeichnet werden: „Ich mag das Wort Wunder nicht. Das impliziert eine höhere Kraft.“ Nervt es ihn, weil er vielleicht gerade wegen der fehlenden Arme als etwas Besonderes behandelt wird? „Ach“, ein leicht genervter Ton schleicht sich in seine Stimme, „ich bin so, wie ich bin. Fertig. Ich will Horn spielen. Und Konzerte. Dann bin ich glücklich und zufrieden.“