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ZU HAUSE: An seinen Rädern hat Jens Klünder immer was zu schrauben. Die Cross-Bikes sind seine Leidenschaft.

ZU HAUSE: An seinen Rädern hat Jens Klünder immer was zu schrauben. Die Cross-Bikes sind seine Leidenschaft.© Frank Wilde

Hannover

Er ist ein Großer auf kleinen Rädern

In seiner Wohnung in der Oststadt stapeln sich Räder und Pokale: Jens Klünder (52) ist mehrfacher Deutscher Meister, brillierte bei Europa- und Weltmeisterschaften. Die NP besuchte den BMX-Star.

Hannover. Es gibt Leute, die unken über seine Sportart: „Alte Männer auf viel zu kleinen Fahrrädern.“ Stimmt – BMX-Räder sind kleiner als normale. Aber dass Jens Klünder (52) alt ist, sollte eher relativ gedeutet werden. Schnell ist er auf dem Cross-Rad allemal: Beim Sprint kommt er auf gute 50 Stundenkilometer! Eine Leistung, die dafür sorgte, dass Klünder mehrfach deutscher Meister wurde und es bei Europa- und Weltmeisterschaften aufs Treppchen schaffte.

Radfahren gelernt hat der Mann aus der Oststadt wie viele andere Jungs auf einem schlichten Rad: „Aber als der Film ,E. T.’ in die Kinos kam, wusste ich sofort: So eins willst du auch.“ In dem Spielberg-Streifen fährt der junge Held Elliot den Außerirdischen auf seinem Crossrad zu dem Raumschiff zurück – und löste einen BMX-Boom aus. Klünders Erspartes ging für die Bestellung drauf, we­nige Monate später nahm er an seinem ersten Rennen teil – „und breche mir prompt das Schlüsselbein“, erinnert sich an das schmerzhafte Ende seines 18. Geburtstags. Was ihn keinesfalls davon abhielt, wieder und wieder aufs Rad zu steigen und in halsbrecherischem Tempo über bis zu 400 Meter lange Bahnen mit Hindernissen zu brettern.

Wenn der Key-Account-Manager des Autoherstellers Renault von seiner sportlichen Karriere erzählt, teilt er sie in die Kategorien „erstes und zweites BMX-Leben“ auf. Das erste Leben dauerte gut zehn Jahre, es begann 1984 bei der Deutschen Meisterschaft in Weiterstadt. „Da bin ich Sechster geworden“, erinnert sich der gebürtige Hildesheimer und lacht, „eine echte Überraschung. Für alle.“ Seine Konkurrenten wa­ren längst Superstars, er der Außenseiter. 1991 holte er Bronze bei der WM in Norwegen und hatte sich damals längst einen Namen in der Szene erstrampelt.

Aus Jobgründen hörte er auf, tauschte das kleine Rad gegen eine Rennvariante und legte sich ein Mountainbike zu. Richtig los ließ ihn das BMX-Fahren aber nicht, Klünder stieg 2009 wieder aktiv ein. „Meine jetzige Frau wohnte damals noch in Köln“, erzählt der 52-Jährige in seiner Oststädter Wohnung. Auf dem Weg liegt Bielefeld, „und ich sah, dass dort ein Rennen stattfindet“. Also holte er sein altes Rad aus dem Keller (insgesamt besitzt er zehn – darunter zwei Klappräder und ein Damenrad für die Stadt), nahm an dem Rennen teil – und brach sich zwei Rippen. „Okay“, dachte er sich, „mit dem Sport habe ich wohl noch eine Rechnung offen!“

Klünder (fährt wegen seiner Leidenschaft für die Roten mit der Startnummer 96) legte sich eine neue Ausrüstung zu  und trainierte in jeder freien Minute. Täglich: „Weil ich nicht so viel Talent wie andere habe, muss ich ein bisschen mehr ran.“ Sprintübungen sind beim BMX-Fahren das A und O, so oft wie möglich fährt er nach Misburg auf eine Bahn und legt Distanzen bis nach Frankfurt zurück, da sie dort richtig gute Strecken für Bi­ker wie ihn haben. In der Eilenriede und in Parkhäusern konnte man ihn seine Übungen machen sehen, außerdem in der kalten Jahreszeit in Altwarmbüchen: „Porta hat einen überdachten Parkplatz.“ Denn: „Im Winter wird der Meister gemacht.“

Fazit des zweiten BMX-Lebens: Klünder holt eine Serie in der Bundesliga. Heißt? „Von zwölf Rennen habe ich elf gewonnen“, sagt er und grinst, „und einmal wurde ich Zweiter.“ Außerdem hat er sich jedes Jahr mindestens eine Rippe gebrochen, einen Riss des Kehlkopfes erlitten und sich „so das Übliche an Verstauchungen und Ab­schürfungen eingefangen“.

Das ist aber nicht der Grund, warum er – und be­stimmt nur vorübergehend – seine Sportkarriere an den Nagel hängt: „Viele gute Leute sind in meiner Klasse aufgestiegen. Die haben schon früher in ihrem Leben angefangen und sind technisch einfach besser“, resümiert er, „man muss wissen, wann es gut ist.“ So hat er jedenfalls viel mehr Zeit für seine Gattin, Reisen (zuletzt Bali, Irland, aktuell Frankreich) und die Heimspiele von Hannover 96 (ins Stadion fährt er, logo, mit dem Rad). Dem Sport generell bleibt er aber treu: „Ich habe mich für den Marathon angemeldet, ich brauche mal wieder was Neues.“

Von Mirjana Cvjetkovic