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Mensch-Hannover Er bringt den Slam in die Stadt
Menschen Mensch-Hannover Er bringt den Slam in die Stadt
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06:16 30.09.2012
Tobias Kunze im Café Safran. Quelle: Natalie Becker
Hannover

„Technik heißt heutzutage nicht mehr Fortschritt, sondern immer mehr Firlefanz!“ Die Stimme von Tobias Kunze erhebt sich merklich. Mit jedem Wort spricht er schneller und betont ausdrucksstark: „Und nix funktioniert richtig. Das Tonbandgerät meines Vaters von 1967 läuft einwandfrei, während ich in sechs Jahren zwei Macbooks und fünf Handys über den Jordan gebracht habe.“ Mal leise, dann schwillt seine Stimme wieder zu einem Wortgewitter heran. Seine Hände gestikulieren wild und begleiten seinen rhythmischer Redefluss. Mit hochgezogenen Augenbrauen fragt er: „Was soll dieses scheiß Digi--t--al--s-hen?“

Sein Mund produziert, während er das Wort ausspricht, täuschend echt das Geräusch von Bildstörungen beim Fernseher. Wir sitzen zum Interview im Café Safran. Normalerweise nicht der Ort an dem Kunze, Poetry-Slammer aus Hannover, seine Texte vorliest.

Poetry-Slam“ bezeichnet eine Art Dichterwettstreit, in dem selbstgeschriebene Texte in vorgegebener Zeit vorgetragen werden. Anders als bei Lesungen bekommt der Vortrag durch die Performance und Selbstinszenierung der Künstler eine starke Dynamik. Den Sieger bestimmt das Publikum.

Bei der Frage nach den Hauptthemen in seiner Dichtkunst greift der 31-Jährige sofort zur dicken Mappe, fischt eines seiner Werke heraus und legt los - eine kleine Kostprobe, die ausreicht, um zu erahnen, wie Kunze bei seinen Auftritten aus sich herausgeht: Nicht ohne Grund zählt der junge Mann zu den Besten der deutschen Szene.

„Auf der Bühne rege ich mich unglaublich gerne auf“, erzählt er mit sympathischem Lächeln. In seinen Texten befasst er sich überwiegend mit Gesellschaftskritik und Politk. „Die meisten Slammer nehmen einen kleinen Bildungsauftrag wahr“, erklärt er, wobei die „lustige Geschichte“ in den Texten vorherrsche. „Es wird aber nie flach wie bei Comedy-Schenkelklopfern.“

Und wie ist er zum Poetry-Slam gekommen? Zufällig im Internet: „Ich war damals Rapper bei der Band Föderation und habe gemerkt, dass meine Strophen auch ohne Musik und Beat funktionieren,“ erzählt er. Damals habe es in Hannover noch keine Poetry-Slams gegeben - seine Mission war geboren, so etwas auch in Hannover zu machen. „Kickstart war die zufällige Bekanntschaft mit Jan Egge Sedelies, der die gleiche Idee hatte.“ Gemeinsam veranstalteten sie 2001 in Lehrte den ersten Slam der Region: „Das offene Mikrofon“.

Mittlerweile hat sich in Hannover eine vielfältige Szene etabliert. Bestes Beispiel ist der seit 2010 stattfindende Poetry-Slam „Macht Worte!“ im Opernhaus, der bisher immer ausverkauft war. „Für mich ist das die geilste Veranstaltung, die ich je gemacht habe“, sagt Tobias Kunze, der den Opern-Slam mit Sedelies und Henning Chadde organisiert. Immer wieder gelingt es ihnen, die Großen der deutschen Szene zu engagieren. Klar, dass Kunze auch selbst antritt. Im TAK, im 3Raum und im Anderen Kino in Lehrte organisiert der Slammer ebenfalls Veranstaltungen, wenn er nicht gerade bei seiner Band Big Tune rappt, oder Workshops gibt. Kunze: „Das Interesse am Poetry Slam wird immer größer.“

Was für ihn das Schönste daran ist? „Wenn du merkst, dass der Text gerade richtig vom Leder zieht, dann tragen die Leute dich auf Händen.“

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