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Arved Fuchs

Einer der letzten Abenteurer unserer Zeit

Arved Fuchs (64) warnt seit Jahrzehnten vehement vor den Folgen des Klimawandels. Am Mittwoch berichtet der Polarforscher von seiner jüngsten Reise und er sagt: "Angst hat eine wichtige Schutzfunktion."

Herr Fuchs, wo ist für Sie der schönste Platz auf dieser Erde?

Das ist schwer zu sagen, denn es gibt viele schönste, aufregendste Orte. Aber wenn ich einen nennen müsste – Grönland in seiner Gesamtheit ist für mich etwas Besonderes, es ist so groß, der Norden ganz an­ders als der Süden, die alte Kultur, die Landschaft – das ist für mich ein Highlight.

Viele träumen vom großen Abenteuer, realisieren es aber nicht. Warum sind Sie Abenteurer geworden?

In der Jugend war für mich das große Abenteuer das Herumstreifen auf den Feldern und Wiesen hinter unserem Haus. Ich habe als Jugendlicher auch viel gelesen, vor allem Abenteuer- und Expeditionsliteratur. Als Erwachsener war ich nicht bereit, meinen Traum aufzugeben, mir war klar, wenn ich es jetzt nicht mache, dann nie. Und mir war es wichtig, es richtig zu machen.

Ist Reisen für Sie eine Sucht?

Nein, Reisen sehe ich als Leidenschaft. Es ist eine Le­benseinstellung. Ich tauche ein in eine Welt mit ganz anderen Gesetzmäßigkeiten. Und ich lebe in der Natur in einem besonderen Minima-limus. Ich sammle auch nicht Reiseziele, um meine Fahne in die Landkarte zu stecken, sondern ich bin durch das Reisen auch zu einem Zeitzeugen, einem Chronisten geworden, indem ich die Veränderungen der letzten Jahrzehnte in der Natur durch den Klimawandel dokumentiere.

Jede Expedition trägt ein Risiko in sich. Haben Sie keine Angst, einmal nicht mehr zurückzukehren?

Man muss die Kunst beherrschen, sich einschätzen zu können. Und zwar nicht nur physisch, sondern auch men­tal. Der Umgang mit der eigenen Leistungsfähigkeit ist entscheidend für das erfolgreiche Abschließen einer Expedition. Aber natürlich ist Angst dabei, wenn man in einen großen Sturm gerät, ein hungriger Eisbär vor einem steht, die Schneedecke bricht. Aber die Angst hat eine wichtige Schutzfunktion, die uns daran erinnert, dass man, um zu überleben, die Spielregeln der Natur beachten muss.

Mit seiner "Dagmar Aaen" segelte Arved Fuchs schon um Kap Hoorn.

Was ist denn schlimmer – die Kälte, die Einsamkeit, die Angst vor einem Scheitern?

Ich habe mit den Inuit gelebt und dort einen ganz selbstverständlichen Umgang mit der Kälte gelernt. Sie gehört dazu, und so lebt man mit der Kälte. Die Angst vorm Scheitern reist natürlich mit, ich bin aber sehr erfolgsorientiert und versuche, die Gefahr zu reduzieren, denn kein Mensch scheitert gern. Wenn man sich zu einem Abbruch entschließen muss, ist das ärgerlich, aber irgendwie auch ein Erfolg, da man sich aus guten Gründen da­für entschieden hat. Was ich nicht gut vertragen könnte, wäre, wenn ich abbrechen müsste, weil ich mich nicht gut vorbereitet habe.

Halten Sie es denn zu Hause überhaupt noch aus, oder packt Sie sofort das Fernweh?

Wenn man monatelang von gefriergetrockneter Nahrung gelebt hat, dann freut man sich auch auf zu Hause. Das Leben hier hat ja auch viel Attraktivität – Kultur, Freunde ... Das Pendeln zwischen diesen ganz verschiedenen Welten schärft den Blick.

Woher beziehen Sie in Extremsituationen Ihre Stärke?

Vor jeder Expedition frage ich mich, ob ich das wirklich kann und will – will ich zum Beispiel bei minus 40 Grad ein Zelt aufbauen? Ja! Und wenn man unterwegs ist, kann man auch nicht einfach umkehren oder sich abholen lassen. Irgendwann kommt bei mir dann auch dieser Trotz hoch, der mir sagt: ,Verdammt noch mal, das hat du gewollt, und das ziehst du jetzt durch: Never give up!’

Spielt das Alter eine Rolle?

Ja, es verändert einen. Heute mache ich andere Dinge als mit 35 Jahren. Mich interessieren andere Themen, zum Beispiel der Klimawandel – der war am Anfang nicht im Fokus. Im Alter kommt man auch eher an seine Leistungsfähigkeit, aber bis jetzt kann ich alles machen.

21 000 Meilen legte Fuchs auf seiner langen "Ocean Change"-Expedition zurück.

Im Laufe der Zeit haben Sie sich immer mehr zum Umweltschützer entwickelt. Was war der Anstoß?

Umweltfragen haben mich schon immer interessiert. Ende der 1970er Jahre habe ich die Abholzung der Regenwälder dokumentiert und ge­gen die Verklappung von Dünnsäure in der Nordsee protestiert. Beim Reisen wird man zum guten Beobachter: Man achtet für seine eigene Sicherheit genau auf das Wetter und bemerkt Veränderungen. Den Klimawandel habe ich zunächst nicht für möglich gehalten, aber als ich im Jahr 2000 die anderen Eisverhältnisse in der Arktis gesehen habe, war ich aufgerüttelt. Heute braucht man kein Experte zu sein: Wenn man in Grönland, Alaska, Sibirien ist, stehen einem die Haare zu Berge.

Ist es nicht frustrierend, im Zeitalter von Trump für den Klimaschutz zu kämpfen?

Ich war sprachlos, als Herr Trump sagte, der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen. Zum Glück wird das Klima eine Legislaturperiode Trumps aushalten, und es machen auch nicht alle US-Bundesstaaten mit. Das macht Hoffnung, genauso, wenn man sieht, dass immer mehr Menschen nicht nur lamentieren, sondern sich die Ärmel hochkrempeln und etwas tun.

Was wäre die wichtigste Maßnahme, um etwas für das Klima zu tun?

Den Austausch von CO2 zu reduzieren, indem man den CO2-Zertifikathandel aufwertet. Die Kraftwerke müssen einen angemessenen Preis für den Ausstoß zahlen – letztendlich genauso, wie ich Müllgebühren zahle. Derzeit aber werden die Zertifikate regelrecht verramscht. Außerdem müssen wir aus der Kohle aussteigen und die Weichenstellung auf regenerative Energien setzen.

Auch für 2018 haben Sie eine Expedition geplant – wohin soll es gehen?

Ich fahre nach Grönland und bis in die kanadische Arktis. Auf dem Weg dorthin werde ich Projekte dokumentieren. Zum Beispiel haben die Färöer sich vorgenommen, bis 2030 energietechnisch au­tark zu sein. Oder Island, wo Methanol für den Schiffsantrieb produziert wird. Das sind pfiffige Ideen, die teilweise zwar nur in den Ländern funktionieren, die aber Hoffnung machen. Denn wir sollten nicht die eine zentrale Lösung suchen, sondern vor Ort schauen, was dort wirklich möglich ist.

Am Mittwoch, 21. Februar, erzählt Arved Fuchs um 20 Uhr im Pavillon (Lister Meile 4) in einer Multivisionsshow von seiner Expedition in die Antarktis und nach Feuerland. Karten (24 Euro) gibt es hier.

Von Maike Jacobs