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LIEBT DAS LEBEN: Edgar Heidorn hockt auf einer Harley. Er ist passionierter Biker, der anderen das Fahren darauf beibringt.

LIEBT DAS LEBEN: Edgar Heidorn hockt auf einer Harley. Er ist passionierter Biker, der anderen das Fahren darauf beibringt.© Rainer Dröse

Aufregendes Leben

Edgar Heidorn lebt, „ohne zu zögern“

25.000 Schülern hat er das Fahren beigebracht, eine Million Kilometer hat er selbst auf dem Motrorrad zurückgelegt: Edgar Heidorn (76) ist in der Stadt eine Legende. Der NP erzählte er seine Lebensgeschichte.

Hannover. Vorweg muss es gesagt werden: Dieser Mann hat so viel erlebt, dass es uns überhaupt nicht wundert, dass ihm An­fragen vorliegen, sein Leben zu verfilmen oder als Buch zu Papier zu bringen. Edgar Heidorn (76) ist Lindener Kriegskind, erfolgreicher Ruderer, Unternehmer, Auto- und Mo­torrad-Fan. Edgar Heidorn ist vor allem eins: rastlos, auch bis ins hohe Alter. Gerade hat er eine Motorradfahrschule eröffnet.

„Ich kann nicht nur zu Hause hocken, Rasen mähen und aufräumen“, sagt der Hüne, als die NP ihn an seinem neuen Arbeitsplatz in Hainholz besucht. Im Motorradgeschäft von Harley Da­vidson an der Grambartstraße hat der 76-Jährige nun seinen Sitz. Einen Namen machte er sich als Fahrlehrer-Legende in Linden, das Geschäft an der Fössestraße gehörte ihm 41 Jahre, bis er es 2014 verkaufte. „Ich hatte locker mehr als 25 000 Schüler“, schätzt er. Altkanzler Gerhard Schröder (73) zählte dazu, auch die ehemaligen 96er Didier Ya Konan (33), Vinicius Bergantin (37) und Salif Keita (41): „Einige Sportler waren nur da, um Punkte abzubauen.“ Wer da auf den Straßen der Republik über die Stränge geschlagen ist, behält der Mann mit den wachen Augen lieber für sich.

Viele seiner Schüler haben Heidorn ihre persönlichen Ge­schichte erzählt – „ein bisschen war es wie beim Friseur. Da plaudert man ja auch aus seinem Leben.“ Aber diesmal ist Edgar Heidorn dran: „Ich habe als Kind geklaut und mich geprügelt“, setzt er in seiner Vergangenheit an. Es waren „turbulente Zeiten“, in denen sich die Lindener Kids erbitterte Kämpfe geliefert haben, „Straße gegen Straße“. Als dann ein Mann in der Fröbelschule (später Albert-Schweitzer-Schule) auftauchte, um Werbung für einen Ruderverein zu machen, dachte sich der damals 13-Jährige: „Rudern? Was für ein Blödsinn!“ Im Viertel galt nur Rugby bei Victoria Linden, Fußball bei 07 und Boxen beim damaligen BSV was. Doch als Heidorn spitzkriegte, „dass ich vom Rudern Kraft bekomme, war ich dabei“. Beim Start war er eines von 25 Kindern, „nach vier Wochen der Einzige von diesen 25“.

Heidorn blieb dran an dem Sport, auch wenn ihm eine Straftat beinahe einen Strich durch die Rechnung machte: Mit zwölf Jahren fuhr er mit geklauten Autos umher und wurde verpfiffen. Hinterm Hauptbahnhof am Volgersweg saß er dafür als 14-Jähriger zwei Monate in U-Haft und kam mit einem halben Jahr auf Bewährung davon.

Das Rudern rettete ihn, als Bundeswehrsoldat wurde er 1962 im Einer erstmals deutscher Meister. Sechs Jahre später reiste er mit der Nationalmannschaft nach Mexiko zu den Olympischen Spielen. Einen Stammplatz im Achter hatte er nicht – jedoch die Chance seines Lebens, die er verpasste: Als der Trainer ihn spätabends für einen verletzten Teamkollegen ins Boot holen wollte, war „Ecke“ Heidorn nicht im olympischen Dorf – mit wem er was gemacht hat, dazu schweigt er. Er lacht nur. Jedenfalls gab es am Morgen des Wettbewerbs ein Riesentrara: „Und während die Jungs dann ohne mich Gold geholt haben, stand ich am Ufer und habe eine Träne weggedrückt.“
Das ist auch im Gespräch mit der NP nicht anders. So rührselig seine Ausführungen an der einen oder anderen Stelle sind, so gerührt wirkt auch der Erzähler. Wenn er sich an seine Ehefrau Belinda († 42) erinnert, die er nach 15 Jahren Beziehung aufgrund einer Krebserkrankung verlor. Wenn er vom Ruderjugendleiter erzählt, „der wie ein Ersatzvater war und dem ich mein ganzes Leben zu verdanken habe“. Wenn er an den Filialleiter der Dresdner Bank denkt, der ihm, ohne ihn näher zu kennen, einen Kredit gewährte – und für diesen selbst bürgte.

Und noch eines treibt ihm Tränen in die Augen: seine Freundin Jule (28). Während andere innehalten und schnell den Altersunterschied von sagenhaften 48 Jahren ausrechnen, zuckt Heidorn nur lächelnd mit den Schultern: „Ich lebe intuitiv und ohne zu zögern. Klar sind das zwei Welten. In ihrer werden Kinder geboren, es wird geheiratet. In meiner wird auf Beerdigungen gegangen und auf goldenen Hochzeiten getanzt. Aber ein alter Daddy bin ich sicher nicht.“

Davon konnten wir uns auch überzeugen.

Von Mirjana Cvjetkovic


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