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IM FLÜCHTLINGSCAMP: Bei Dohuk besuchte Düzen Tekkal ihre jesidischen Landsleute, traf diese beiden Schwestern.

IM FLÜCHTLINGSCAMP: Bei Dohuk besuchte Düzen Tekkal ihre jesidischen Landsleute, traf diese beiden Schwestern.
© Hawar

Courage

Düzen Tekkal berichtet über Greueltaten des IS

Mit ihrer Arbeit hat sie international Aufmerksamkeit geerntet, Bundeskanzlerin Angela Merkel empfing sie in ihrem Büro: Die Jesidin Düzen Tekkal (38), die in Linden aufgewachsen ist, hat nun eine Reise ins Herz der Finsternis gemacht. Ihre Lebensaufgabe ist es, über die Greueltaten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zu berichten – Tekkal begleitete ein Opfer in den Irak. Der NP berichtete sie von dem gefährlichen Trip.

Hannover. Sie hat es wieder getan. Sich an einen der gefährlichsten Orte der Welt begeben. Sich Geschichten von Menschen angehört, die durch die Hölle gegangen sind – Kindersoldaten, minderjährige Bräute, Männer, die ihrer eigenen Hinrichtung in der letzen Sekunde entkommen sind. „Es gibt immer weniger Leute, die sich dort hintrauen. Aber ich muss die Geschichte dieser Menschen erzählen, damit sie die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.“

Düzen Tekkal hat ihr Wort gegeben

Düzen Tekkal (38) ist erst seit wenigen Tagen aus dem Irak zurück. Ihre Arbeit als Filmemacherin und Journalistin war einer der Beweggründe für den Trip in das Kriegsgebiet. Ein anderer war ein Versprechen, dass die 38-Jährige kürzlich Necla Mato (28) gegeben hat: „Ich habe ihr mein Wort gegeben, ihr zu ermöglichen, am 15. August in ihrem Heimatdorf Kocho zu sein.“

Der kleine Ort im Süden von Shingal ist im August 2014 von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ überfallen worden, am 15. August wurde die Bevölkerung in der Schule von Kocho zusammengetrommelt, es kam zu einer Massenhinrichtung. Necla Mato überlebte, wurde vom IS verschleppt, versklavt, vergewaltigt. Erst nach einem Jahr Gefangenschaft konnte sie befreit werden, kam schließlich nach Deutschland.

Kongress mit Kanzlerin Angela Merkel

„Als mein Verein Hawar ihr im Juni den Menschenrechtspreis für ihren Mut, über das Erlebte zu sprechen, verliehen hat, äußerte sie den Wunsch, an den Ort des Grauens zurückzukehren“, erzählt Tekkal von dem Kongress „Vergewaltigung ist eine Kriegswaffe“ im Bundestag, an dem auch Kanzlerin Angela Merkel (63) teilgenommen und gesprochen hat.

Am 13. August machte sich Tekkal mit ihrer Schwester Tezcan (29), einem krisenerfahrenen Kameramann und Necla Mato in den Norden des Iraks auf. „Wir waren in Gebieten, in die normale Menschen ohne Sondergenehmigung gar nicht hinkommen“, erzählt Düzen Tekkal der NP von dem Trip, bei dem sie vor Ort von der kurdischen Peschmerga, jesidischen Kämpfern und kurdischem Geheimdienst begleitet worden ist. „Während der Fahrt wurde Necla Mato immer wieder von Heulkrämpfen übermannt, für sie war es ein Weg des Horrors“, beschreibt Tekkal den Aufenthalt.

„Das ist nichts für schwache Nerven“

Auch die erfahrene Journalistin ist an Grenzen geraten – 30 Kilometer vor dem eigentlichen Ziel: „Entführungsgefahr!“ Ein Sicherheitsproblem, das Düzen Tekkal einsah: „Meine Stärke ist vielleicht, immer wieder mutig zu sein und in den Irak zurückzukehren. Tollkühn bin ich deshalb aber gewiss nicht.“ So trat Mato die restliche Strecke ohne Tekkal an. „Für sie als Bewohnerin von Kocho war es sicherer, als für die Journalistin aus Deutschland, sich diesem Gebiet zu nähern“, erklärt Tekkal. Am Gemüt der taffen 38-Jährigen haben die Ereignisse und brutalen, menschenverachtenden Dinge, die sie gehört und gesehen hat, auch genagt: „Natürlich macht das etwas mit einem, das ist nichts für schwache Nerven“, so die Frau, die in Linden aufgewachsen ist. „Aber ich fühle mich auch verantwortlich für diese Menschen.“

An Schlaf war auf der einwöchigen Reise kaum zu denken: „Schlaf setzt bei mir Angstfreiheit voraus. Und sicher habe ich mich wirklich nicht gefühlt.“ Sicher ist die Zeit in ihrer Wahlheimat Berlin in diesen Tagen zwar schon – aber nicht weniger arbeitsintensiv: Sie sitzt im Schnitt, bearbeitet das Videomaterial, das sie für diverse Fernsehformate vorgesehen hat. Die Gedanken hängen immer noch in der Heimat ihrer Eltern und Vorfahren: „Wieder hier zu sein fühlt sich manchmal sehr banal an. Meine Körper ist da, die Seele braucht noch eine Weile.“ Die Zustimmung und Anerkennung, die Tekkal für ihre Arbeit erhält, dürfte dabei helfen, ihr Inneres zu streicheln.

Von Mirjana Cvjetkovic