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HAT ALLEN GRUND ZUM STRAHLEN: Düzen Tekkal ist erfolgreiche Filmemacherin und Autorin. Außerdem schafft sie es, ihrer jesidischen Glaubensgemeinschaft zu helfen, und hat dafür die Stiftung Háwar gegründet.           Fotos: privat

HAT ALLEN GRUND ZUM STRAHLEN: Düzen Tekkal ist erfolgreiche Filmemacherin und Autorin. Außerdem schafft sie es, ihrer jesidischen Glaubensgemeinschaft zu helfen, und hat dafür die Stiftung Háwar gegründet. © Denise Vernillo

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Porträt

Düzen Tekkal: „Integration ist mein Lebensthema“

Was für ein Vorzeigemensch in Sachen Integration: Düzen Tekkal (37) ist Jesidin und Deutsche - und von ganzem Herzen Lindenerin! Das Astor zeigt Donnerstag  ihren Dokumentarfilm „Háwar“, den die Journalistin im irakischen Kriegsgebiet gedreht hat.

Ihre Schwestern, die zum Teil mit und für sie arbeiten, wundern sich ab und zu schon, wenn mitten in der Nacht eine E-Mail von Düzen Tekkal (37) im Postfach landet: „Zugegeben – so richtig viel Schlaf ist derzeit nicht drin. Ich arbeite fast rund um die Uhr, oft bis tief in Nacht. Irgendwie renne ich gerade meinem Leben hinterher.“ Das glauben wir der 37-Jährigen gern, so präsent, wie die Journalistin in den Medien zurzeit ist. Ähnlich präsent wie das – leider sehr traurige – Thema, mit dem sie sich befasst: dem Schicksal der jesidischen Bevölkerung, deren Glauben auch Tekkal angehört. Über ihre Landsleute im irakischen Kriegsgebiet hat die Hannoveranerin einen Film gedreht (siehe Info-Kasten rechts) und über ihre eigene Lebensgeschichte gespickt mit politischer Analyse ein Buch geschrieben („Deutschland ist bedroht. Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen“, Berlin-Verlag, 320 Seiten, 16,99 Euro). Das macht Tekkal seit einiger Zeit zu einer begehrten Gesprächspartnerin – ob in der Talk-Show von Sandra Maischberger (49), im „Morgenmagazin“ der ARD, in politischen Zeitungen. „Integration ist mein Lebensthema“, sagt die sympathische Frau, die so schnell schlaues Zeug reden kann, dass einem ganz schwindelig wird beim Zuhören. Und die ist bei ihr und ihren zehn (!) Geschwistern auch so was von geglückt: „Ihr müsst 200 Prozent geben“, gab Mutter Fatma (65) ihrer Kinderschar stets auf den Weg. Wohlwissend, dass es Gastarbeiterkinder schwerer haben als die der deutschen Nachbarn. Das Ergebnis: Düzen schließt ihr Studium mit Bestnote ab und gewinnt als Journalistin den bayerischen Fernsehpreis. „Beim Vorstellungsgespräch bei RTL wurde ich gefragt, ob ich mit Druck umgehen kann“, erzählt Tekkal der NP. Ihre Antwort: „Ich komme aus Linden! Da habe ich gelernt, mich durchzusetzen, aber auch zu teilen.“ Das Miteinander mit ihrer Umgebung war in der Familie wichtig, „wir Tekkals sind ein Produkt unserer Gesellschaft“. Ihre Brüder Timur (34) und Tekin (44) spielten Rugby in der deutschen Nationalmannschaft, Schwester Tuba (31) kickt bei den Frauen des 1. FC Köln. Neben ihrer Mutter spielte übrigens noch eine Frau eine wichtige Rolle im Leben von Düzen Tekkal – Heidi Merk (71). „Sie war so etwas wie meine deutsche Mama, hat das kompensiert, was meine Mutter nicht leisten konnte“, beschreibt sie das enge Verhältnis zu der ehemaligen Justizministerin. Vater Seyhmus Tekkal (65) lernte Merk kennen, als Düzen vier Jahre alt war: „Heidi Merk hat damals dafür gesorgt, dass Jesiden in Deutschland Bleiberecht bekommen.“ Niedersachsens Integrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf (52) freut sich über Tekkals Werdegang und Wirken: „Die Politik, ja das ganze Gemeinwesen, profitieren von engagierten Menschen wie Frau Tekkal.“ Da lohnt sich die viele Arbeit doch, auch bis spät in die Nacht.

DER FILM

Schon der Titel „Háwar – meine Reise in den Genozid“ lässt erahnen, dass der Dokumentarfilm erschüttert: 40 000 Menschen in einem Flüchtlingscamp an der türkisch-irakischen Grenze. Verwaiste Kinder, vergewaltigte Frauen, verzweifelte Eltern – ihnen begegnet die Hannoveranerin Düzen Tekkal. Überhaupt spricht sie als erste deutsche Journalistin in IS-Gefangenschaft mit missbrauchten Frauen. Der Film läuft morgen um 17.30 Uhr im Astor (Nikolaistraße 8). Anschließend spricht Tekkal in einer Podiumsdiskussion mit Ex-Ministerin Heidi Merk. Den Eintrittspreis kann man sich aussuchen (fünf, sieben oder zehn Euro), der Betrag geht an Tekkals Stiftung. www.hawar.help

NPVISITENKARTE

Geboren am 2. September 1978 in Hannover. Sie wächst in Linden auf. Ihre Eltern kommen in den 70ern als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland – schon damals wurden Jesiden diskriminiert. Nach dem Abi studiert sie Politik und Literaturwissenschaften. 2007 geht sie zu RTL, kündigt dort aber, um sich als Filmemacherin selbstständig zu machen. „Ich werde immer die Fahnen für Hannover hochhalten“, sagt Tekkal, die seit 2014 in Berlin lebt. Sie ist Single, „das ist der Arbeit geschuldet, wird sich aber auch noch ändern“. Alle paar Wochen besucht sie Hannover: „Da werde ich gleich von der Familie in Sippenhaft genommen.“


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