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IN SEINER PARADEROLLE ALS DITTSCHE: Mit Imbissbudenbesitzer Ingo (Jon Flemming Olsen, rechts) und Stammgast Schildkröte (Franz Jarnach).

IN SEINER PARADEROLLE ALS DITTSCHE: Mit Imbissbudenbesitzer Ingo (Jon Flemming Olsen, rechts) und Stammgast Schildkröte (Franz Jarnach).© WDR

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NP-Interview

Dittrichs „Wirklich wahres Leben“

Bekannt ist er eher als Komiker, als Kneipenphilosoph Dittsche, als Teil des Blödsinns-Musikduos "Die Doofen" - Sonntag bittet Olli Dittrich zur Leseschau. Dass die nicht bitterernst wird, kann man schon jetzt vermuten.

Der Titel „Das wirklich wahre Leben“ spielt auf Dittsche an. Geht es bei der Leseschau denn um Sie oder um ihn? Oder ist das vielleicht gar nicht mehr zu trennen?
Doch, doch, das kann man schon trennen. Wir haben das Motto gewählt, weil es durch das TV-Format „Dittsche“ eingeführt ist, gleichzeitig mich und Geschichten aus meinem tatsächlichen Leben sehr gut beschreibt. An ein, zwei Stellen kommt sicher auch Dittsche zu Wort, das lässt sich ja gar nicht vermeiden. Aber jede Leseschau verläuft anders.

Wenn man an Ihre Rollen bei „RTL Samstagnacht“ oder Ihr Duo „Die Doofen“ denkt, dann ist es schwer vorstellbar, dass Sie ruhig an einem Tisch sitzen und im schummrigen Licht aus einem Buch vorlesen.
So ist es aber, das ist zumindest die Ausgangssituation. Das Wort „Lese“ in Leseschau ist schon korrekt, denn ich werde 60, 70 Prozent des Abends vorlesen. Die Schau beginnt dann, wenn ich die Brille von der Nase nehme und zu den Leuten spreche. Was dann passiert, hängt sehr davon ab, wie das Publikum temperiert ist. Manche hören gerne Fernsehgeschichten, andere Anekdoten aus alten Zeiten.

Dann haben Sie gar kein festes Programm?
Vieles ist Improvisation. Ich bin kein strenger Vorleser, sondern von Herzen Bühnenkünstler. Also passiert einiges aus dem Stegreif. Ich habe bei meinen Lesungen gemerkt, dass die spannendsten Geschichten die sind, die spontan entstehen und die ich frei erzähle.

Man muss also nicht befürchten, dass Sie sich auf der Bühne selbst interviewen - obwohl das Buch zur Hälfte aus Interviews besteht?
Nein, ich lese nicht die Interviews vor. Es geht doch mehr um die Geschichten aus meinem Leben.

Ihr Leben - sonst schlüpfen Sie ja doch eher in die Rolle anderer Figuren. Ist dieses Buch das persönlichste, was Sie bisher gemacht haben?
Es ist sehr direkt. Aber auch Figuren, die ich spiele, haben sehr viel mit mir zu tun. Dittsche zum Beispiel. Die Arbeit am Buch, vor allem das Schreiben von Geschichten, die sehr persönlich sind, haben eine besondere Tür geöffnet. Ein großes Vergnügen.

Ursprünglich sollte das Buch zusammen mit Vicco von Bülow entstehen.
Ja. Meine Co-Autorin Anne Ameri-Siemens hatte die Idee, Fragen an mich und ihn, Vertreter zweier Humorgenerationen, zu stellen und die Gespräche als Buch herauszugeben. Loriot war zwar nicht dafür zu gewinnen, hat aber, womit ich überrascht wurde, das Vorwort geschrieben, eine wirklich große Ehre.

Für das Buch sind Sie an viele Orte Ihrer Vergangenheit gefahren.
Wir wollten sehen, welche assoziative Kraft die verschiedenen Orte haben, welche Erinnerungen sie auslösen. Das haben wir anderthalb Jahre gemacht und diese Arbeit bildet die Basis zu fünf Kapiteln. Hinzu kamen meine geschriebenen Storys und viele Bilder und Dokumente. Das Ganze ist Stück für Stück gewachsen und zu einem Schatzkästchen geworden.

Unter anderem haben Sie auch eine psychiatrische Einrichtung besucht. Welche Verbindung besteht dahin?
Mein großes Vorbild, der Satiriker Heino Jäger, hat dort bis zu seinem Tod gelebt. Insofern hatte dieser Ort eine besonders große emotionale Wucht. Zumal wir in unserem Gespräch auch eine Brücke geschlagen haben zu einer Zeit in meinem Leben, die etwa 30 Jahre zurückliegt. In der ich therapeutische Hilfe gebraucht habe, um meine psychosomatischen Störungen in den Griff zu bekommen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie schüchtern sind. Trotzdem hat es Sie ins Rampenlicht gezogen.
Das eine schließt das andere ja nicht aus. Seit ich denken kann, fällt mir etwas ein, das ich vorführen muss. Wenn eine Begabung da ist, folgt man ihr doch zwangsläufig, ganz natürlich. Sträubt man sich dagegen, wird man eher unglücklich. Im Privatleben kann man ja trotzdem sehr zurückhaltend oder gar schüchtern sein und eher verunsichert durch den ganzen Rummel und zu großes Tam Tam.

Sind Sie in andere Rollen geschlüpft, um sich selbst zu schützen?
Das ist etwas sehr dramatisch formuliert. Die Rollen geben einem sicher Gelegenheit und Legitimation, Dinge zu denken, zu fühlen und zu tun, die einem sonst fremd sind. Meine Zuhälterfigur „Mike Hansen“ damals zum Beispiel war immer ein besonderer Spaß: Mit zehn Kilo Muskelkorsett am Körper fiese Sprüche machen, Schläge androhen und herumpöbeln, das hatte gelegentlich schon was Befreiendes.

Haben Sie bei der Arbeit am Buch etwas über sich erfahren, das Ihnen gar nicht so bewusst war?
Ich habe meine Leidenschaft oder Begabung fürs Schreiben entdeckt. Das ist noch ganz frisch und neu, entspricht aber total meinem Gusto.

Dann wird es weitere Bücher von Ihnen geben?
Vielleicht. Der Verlag wünscht es sich und es gibt auch schon eine Idee.

"Das wirklich wahre Leben“, am 11. November um 18 Uhr im Theater am Aegi. Tickets kosten zwischen 24,50 und 30 Euro.