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ROCKEN DEN GOTTESDIENST: Til von Dombois (rechts) und seine Mitstreiter bei einem Kirchenauftritt.

ROCKEN DEN GOTTESDIENST: Til von Dombois
(rechts) und seine Mitstreiter bei einem Kirchenauftritt.© Frank Wilde

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Hannover

Dieser Popkantor ist ein junger Wilder

Er rockt nicht nur in der Jugendkirche in der Nordstadt! Til von Dombois (35) ist seit 2012 „Popkantor“, er bringt moderne Musik in Gottesdienste. Jetzt hat er zusammen mit vielen Mitstreitern ein Songbook plus Doppel-CD mit 37 Liedern herausgebracht. Die sind nicht immer auf Kuschelkurs: „Provokation ist mein tägliches Brot.“

Hannover. So kann Kirche aussehen: Am Eingang stapelt sich Leergut, am Tresen rumort die Kaffeemaschine, das Kirchenschiff ist leergeräumt. Viel Freiraum herrscht in der Lutherkirche in der Nordstadt, die Jugendkirche ist ein passender Ort für ein Treffen mit dem Mann, der den seltsamen Titel „Popkantor“ trägt. „Ein witziger Begriff, aber er macht Schule!“, findet Til von Dombois (35). Jeans, blonder Wuschelkopf, blaue Sweatjacke. Pastoral wirkt er gar nicht. „Ich kämpfe gegen das Klischee vom uncoolen Christen“, sagt er mit schelmischem Grinsen. Von Dombois bringt Popmusik in den Gottesdienst.

Bezug zur Kirche hat er von Kind auf. „Mein Vater war Pastor in Braunschweig, dann im Dom von Schwerin“, erzählt er - und lacht herzlich: „Ich bin ein Wossi.“ Kirche habe er stets als Inspirationsquelle erlebt. „Leute kommen zusammen, um ihren Glauben zu leben. Die Ursprungsidee ist ein total positives Gefühl“, findet er, sieht aber auch ein, dass viele Menschen gefrustet sind, die einen spirituellen Weg suchen, diesen in der Kirche aber nicht finden. Von Dombois will auf die Leute zugehen - mit Musik: „Die Gesellschaft hört nun mal Popmusik. Wir sind ständig davon umgeben.“ Also gehöre sie auch in den Altarraum.

Dabei war von Dombois’ erste Berührung mit Musik „schlimm“. Blockflötenunterricht mit vier Jahren, bei der Erinnerung verzieht er gequält das Gesicht. Später kam Klavier dazu - „aber ich habe nie geübt“. Mit zwölf Jahren lernte er, selber Akkorde zu entwickeln: „Ich habe nie wieder aufgehört, ich habe seitdem bestimmt 1500 Lieder geschrieben.“

An der Musikhochschule studierte er - und machte zwischendurch drei Jahre Pause, um als Junior-Produzent im Peppermint Park von Mousse T. (49) zu arbeiten, er traf Kai Pflaume (48) oder Yvonne Catterfeld (35) und war in dem Studio, in dem Tom Jones (75) einst „Sex Bomb“ gesungen hatte. „Das schwebt in der Luft“, erinnert er sich fast ein wenig ehrfürchtig.

Mit Ehrfurcht hat sein Job als Popkantor wenig zu tun. 37 Lieder sind im „Songbook“ (inklusive Doppel-CD 19,95 Euro) versammelt - alle wurden in Gottesdiensten erprobt, seit von Dombois 2012 die Stelle angetreten hat, die von Stadtkirchenverband und Kirchenkreis Laatzen-Springe finanziert wird. „Ich bin ein junger Wilder“, sagt er über seine Anfänge, „aber ich werde konstruktiver. Ich erkenne und verstehe, was geht.“

Der 35-Jährige, der mit der A-cappella-Band Fünf vor der Ehe bereits etliche Alben aufgenommen hat, will mit den Liedern die Grenzen zwischen Gesellschaft und Kirche verschwimmen lassen - aber auch anecken. „Hört auf, euch selbst zu feiern“ heißt ein Lied, das übertriebenes Selbstbewusstsein mancher Menschen aufs Korn nimmt: „Ich bin niemand, der Reibung vermeidet. Ich will ja mit den Leuten ins Gespräch kommen.“ Dazu gehöre, dass man in locker-flockigen Songs auch zwischen den Zeilen lesen könne.

„Viel Freiraum“ gebe ihm die Kirche dafür. „Meine Chefs sind visionär“, lobt er. Auf „popkantor.tv“ und einem Youtube-Kanal gibt er Gitarrenanleitungen und stellt in Interviews seine Mitstreiter vor, und er veranstaltet Band-Workshops, 2016 soll es jedes Wochenende einen Musik-Gottesdienst irgendwo in den 90 Gemeinden geben: „Kirche lebt von Menschen.“

15. November um 16 Uhr in der Lucaskirche Pattensen (Corviniusplatz 2).

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