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NP-Interview

Thomas Reiter erzählt von seinen Tagen im All

Im NP-Interview sprach Redakteurin Mirjana Cvjetkovic mit dem Astronauten Thomas Reiter.

Hannover. Herr Reiter, Sie haben fast auf den Tag genau ein Jahr im All verbracht. Sind die Tage dort oben gefühlt kürzer oder länger?

(lacht) Das ist nicht wirklich anders als hier unten. Mitunter gibt es lange Arbeitstage, die manchmal bis nach Mitternacht gehen. Wenn viel zu tun ist, und das ist da oben der Fall, vergeht die Zeit wie im Fluge. An anderen Tagen läuft es „normaler“. Also sind sie so gesehen genauso lang und kurz wie hier. Jedoch sind die Aktivitäten im All an jedem Tag bis auf die Minute durchgeplant.

Und was ist, wenn Sie mal fünf Minuten zu spät dran sind?

Das können wir uns nicht erlauben, denn dann entsteht ein Dominoeffekt über den ganzen Tag. Ein bisschen Flexibilität ist schon drin – es geht ja auch mal etwas kaputt – aber grundsätzlich ist nur wenig Puffer vorhanden. Man ist gefordert, den Zeitplan ganz genau einzuhalten, der Ablauf ist minutiös geplant: von 7.53 bis 7.58 Uhr diese Arbeit, von 7.59 bis 8.11 Uhr etwas anderes.

Bei Ihrer ersten Mission waren Sie ja 179 Tage und über Weihnachten im Weltall. Wie war das über die Feiertage?

Insbesondere dann ist der Kontakt zur Familie sehr wichtig. Per Videoschaltung kann man sich mit zu Hause unterhalten. An Bord der ISS hatten wir einen bisschen Deko, so einen kleinen Kunststoff-Weihnachtsbaum (lacht). Das ist schon besonders. In der Crew fühlen sich auch alle gleich, man erinnert sich an besinnliche Momente mit der Familie. Beim Anblick der Erde hatte ich auch etwas Heimweh. Und auch den Eindruck, dass auf der Nachtseite die Städte etwas wärmer leuchten als sonst.

Sie spielen ja Gitarre. Ging das auch im All?

Ja, nur musste ich mir einen Ort suchen, der hierfür geeignet war. Mit 72 Dezibel, das ist ordentlicher Straßenlärm, ist es ziemlich laut da oben. In den Luftschleusen ist es leiser, da konnte ich auch hören, was ich spiele.

Nämlich?

Mein Repertoire ist nicht sehr groß (lacht). Albatross, Wish you were here und Never going back again von Fleetwood Mac zum Beispiel.

Haben Sie ein Ritual gehabt, ehe Sie in den Weltraum geflogen sind?

Nee, nichts Spezifisches. Man fiebert dem Tag entgegen und hofft, dass nichts dazwischen kommt, man sich den Knöchel auf dem Weg zur Startrampe verstaucht oder so. In der Zeit vor dem Start ist man mit so vielen Prozessen beschäftigt, allein das Anschnallen ist schon eine sehr umfangreiche Sache. Eigentlich liegt man da, ist sehr konzentriert und denkt: Okay, gleich gehts los. Es ist ein Warten auf das Erlebnis des Abhebens und Eintretens in den Orbit.

Gab es eigentlich mal Situationen, in denen Sie gedacht haben: Mir reichts, ich will wieder runter?

Nein. Aber zugegebenermaßen hat jeder mal einen Durchhänger. Nicht alle Arbeiten sind gleich interessant, nicht jeder Montag ist gleich spannend. Und wenn jemand morgens sehr in sich gekehrt sein Frühstück in sich reinmümmelt, dann wird er von den anderen mit Scherzen aufgemuntert.

Sie waren der erste Deutsche, der einen „Weltraumspaziergang" gewagt hat.

In dem Moment ist das unerheblich, ob es das erste, das zehnte oder 1000. Mal ist. An Bord ist es schon ganz phantastisch, aber nach Draußen zu gehen ist schon ein ganz besonderes Erlebnis. Näher kann man dem Weltraum nicht sein! Ich war sechs Stunden da Draußen. Außenbordeinsätze sind sehr aufwändig, zum Beispiel das Anbringen von wissenschaftlichen Geräten und Wartungen, am Boden wird jeder Handgriff in großen Wasserbecken trainiert.

Das hört sich anstrengend an.

Zwischendurch gab es glücklicherweise immer mal ein paar Augenblicke, in denen ich durchatmen konnte. Wenn man sich dann mit dem Rücken zur ISS-, der Behausung, die einem Schutz bietet, dreht und die Kontinente vorbeiziehen sieht, sagt man sich schon: Das muss doch ein Traum sein!

War es aber nicht.

Die Bilder gehen einem durch Mark und Bein. Sie begleiten mich ein Leben lang, das werde ich nie vergessen. Die Schönheit des Anblicks von außen, die Verletzlichkeit unseres Planeten, der von dieser dünnen, zarten Schicht umgeben ist... Auf der anderen Seite haben mich die Schneisen durch die abgerodeten Regenwälder ziemlich entsetzt. Und ich wusste, dass die Rauchwolken über den Krisengebieten der Welt, keine Lagerfeuer waren, sondern Kriege bedeuteten. Diese Eindrücke kommen übrigens oft wieder, wenn ich heute Nachrichten schaue.

Zwei Mal wurde mit der Discovery ein Countdown abgebrochen. Wie war das?

Ein Mal war das 20, den Tag drauf 40 Minuten vor dem Start, am 2. und 3. Juli 2006. Die Luke war längst geschlossen, weit und breit keine Menschenseele mehr zu sehen. Wegen Gewittern war der Start abgesagt worden. Irgendwann nimmt man es mit Humor (lacht), es ist wie im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Es war eindrucksvoll, aus dem aufgetankten Shuttle zu steigen, das wie ein wildes Tier wirkt, das gleich lossprinten will. Am Independance Day, dem 4. Juli, hat es schließlich geklappt.

Haben Sie ein Lieblingsraumschiff?

Das Shuttle ist komfortabler und bietet mehr Platz als eine Sojus. Das ist aber weniger entscheidend, die Zuverlässigkeit ist wichtig. Statistisch gesehen ist die Sojus sicherer, gerne geflogen bin ich mit beiden.

Was aus der Raumfahrt hat Sie nachhaltig geprägt?

Das lässt sich nicht an einer Sache festmachen, es ist die Gesamtheit der Erfahrungen. Kürzlich bin ich bei einem Symposium in Wien mit vielen Astronauten und Kosmonauten zusammengekommen, das ist so wie ein Familientreffen. Wir haben uns aufeinander verlassen, es haben sich Freundschaften entwickelt. Es zeigt auch, wie international die Raumfahrt ist – es sind Russen, Japaner, Amerikaner, Chinesen, Europäer an Bord. Und alle verfolgen ein gemeinsames Ziel. Das ist ein tolles Gefühl, gerade weil das auf der Erde oft nicht der Fall ist.

Sie halten unzähligen Vorträge für diverse Altersklassen. Worum geht es da?

Es geht darum, zu erläutern, wozu die Raumfahrt dient. Wir müssen den Zweck vermitteln und in der Lage sein, zu begründen, wieso sich diese Einsätze lohnen und warum weiter in sie investiert werden muss – schließlich sind sie nicht billig. In Deutschland leben wir ja nicht von Bodenschätzen, sondern von klugen Köpfen, die wichtige Dinge herstellen. Dafür versuche ich Werbung zu machen und zu begeistern.

Was wollen Kinder von Ihnen wissen?

Manche sind richtig gut vorbereitet, die kommen teilweise auf tolle und sehr detaillierte Ideen. Manche sind enttäuscht, dass ich nicht im Raumanzug komme und die Rakete nicht vorm Gebäude parkt (lacht). Es passiert öfter, dass ich gefragt werde, ob ich Engel gesehen habe, oder wie man Astronaut wird.

Alexander Gerst ist quasi ein Space-Star. Sie haben mal gesagt, er könnte einen Boom auslösen.

Er ist eine neue Generation, die durch die sozialen Medien ganz andere Möglichkeiten haben. Alexander Gerst hat mit seinen Twitterbeiträgen nicht nur die Öffentlichkeit mit an Bord genommen, sondern auch uns Kollegen. Eine brillante Weise, den Zweck von Raumfahrten zu vermitteln.

Haben Ihre Söhne auch jemals Ambitionen gehabt, ins All zu fliegen?

Sie haben mich viel lernen und bei den Vorbereitungen auf die Missionen herumreisen sehen, kennen also auch die Kehrseite. Für die Luft- und Raumfahrttechnik konnte ich sie nicht überreden, aber ich bin froh, dass sie in die technische Richtung gehen (lacht).


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