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Janett und Marcus Mehnert mit ihren Vierlingen: Sophie, Jasmin, Kim und Laura.© Heinz

Weihnachten

Das aufregende Leben der Leipziger Vierlinge

Vor einem Jahr haben die Leipziger Janett und Marcus Mehnert nur mit ihrem Sohn Lucas Weihnachten gefeiert – am 6. Januar kamen plötzlich vier Kinder auf einmal dazu. Die eineiigen Vierlinge Sophie, Jasmin, Kim und Laura gelten als medizinische Sensation. Nun freut sich die ganze Familie auf das Fest mit dem Glückskleeblatt.

Leipzig. Mit großen Kulleraugen schauen Kim, Jasmin, Laura und Sophie auf die brennenden Kerzen. Noch mehr interessiert sich das Quartett aber für die vier Weihnachtsteller, die Mutter Janett Mehnert für das erste Christfest ihrer Töchter zurechtgemacht hat. Natürlich dürfen auch bei ihnen die Schokoladenweihnachtsmänner nicht fehlen. „Alle vier sind ganz Süße, sie lutschen gern mal an der Schokolade“, verrät die 32-Jährige.

Heute am Heiligabend, wenn bei den Mehnerts volles Haus ist, gibt es noch mehr Präsente für die Vierlinge und ihren großen Bruder Lucas (6).

„Das ist Kimmi“, sagt Janett Mehnert. Zwei Räume und zwei geschlossene Türen weiter hört sie genau, welche von ihren vier Töchtern sich aus dem rosa-weiß gestrichenen Kinderzimmer zu Wort meldet. Eigentlich sollten die vier jetzt Mittagsruhe halten. Für sie und ihren Mann Marcus (30) eine der wenigen Chancen am Tag, um mal durchzuatmen oder Wäsche zu waschen und Sachen wegzuräumen ...

Doch in einem der vier weißen Bettchen herrscht Aufruhr. Kim hat keine Lust zu schlafen. Ganz entspannt nimmt die Vierlingsmutter ihre Kleine aus dem Bettchen und drückt sie Papa Marcus in die Arme. Der gibt ihr ein Küsschen. Kim bedankt sich, indem sie ihrem Vater auf die Nase patscht und fröhlich gluckst.

Obwohl sich die Schwestern gleichen wie ein Ei dem anderen, brauchen die Eltern keine Bänder an den Ärmchen mehr, um ihre Töchter auseinanderzuhalten. „Sophie ist die Schmalste, Kim die Aktivste, Jasmin die Fröhlichste und Laura die Bequemste von allen vieren“, klärt Janett Mehnert auf. „Ja, sie sind schon unterschiedlich“, bestätigt der Vater und greift zielsicher in den großen Laufstall, der das halbe Zimmer füllt, um Jasmin herauszuholen. „Oft liegen alle vier aufeinander, meist ist Sophie ganz unten und muss sich vorkämpfen“, erzählt die Mutter.

Sophie, die bei der Geburt mit 986 Gramm die Kleinste war und danach Atemprobleme hatte, hat sich überhaupt tapfer durchgekämpft. Zwar ist sie mit 7500 Gramm noch immer das Leichtgewicht, aber sie hat sich gut entwickelt und den Anschluss geschafft. Die drei anderen, die zwischen 1050 und 1100 Gramm Geburtsgewicht hatten, wiegen jetzt etwa 8600 Gramm. Alle vier haben gesunden Appetit und mampfen dreimal am Tag Brei - am liebsten süßen.

Wie alle Frühchen - sie kamen in der 28. Schwangerschaftswoche am Leipziger Uni-Klinikum per Kaiserschnitt auf die Welt - brauchen sie Zeit, um mit den normal geborenen Kindern gleichzuziehen. Die vier wurden gut zwei Monate auf der Frühgeborenenstation der Uni-Klinik versorgt und aufgepäppelt. Erst kürzlich kamen Mehnerts mit ihren Prachtmädels zurück zur Station, um sich auf dem Frühchentreffen bei allen Ärzten und Schwestern zu bedanken.

Die 78-Quadratmeter-Wohnung, die sich schnell als ziemlich eng herausstellte, konnte vergrößert werden. Ein Durchbruch zur Nachbarwohnung brachte den nötigen Platz, auch für Lucas. Der Erstklässler, den die Mutter morgens in die Schule fährt und gegen 14 Uhr abholt, nimmt seine Verantwortung als großer Bruder ernst. Nach der Schule knuddelt er erst einmal mit seinen Schwestern.

Von den Räumlichkeiten her ist die siebenköpfige Familie zufrieden. Aber ihr Traum, verrät Marcus Mehnert, ist ein Häuschen mit Grün davor. „Das wäre klasse für die Kinder“, sagt er. Die zierliche Mutter nennt einen weiteren Grund: „Die Kinder und alles andere immer die Treppen hinauf zu tragen, das ist schon anstrengend.“ Doch beide sind Realisten genug, um zu wissen, dass ihr Traum an der finanziellen Hürde scheitert. Ihren Alltag, den das Quartett bestimmt, meistern die beiden als eingespieltes, fürsorgliches Elternteam. „Ohne Routine läuft da nichts“, sagt der Vater, der gerade zwei seiner Töchter zum Wickeltisch trägt. Die Handgriffe sitzen. Aber er weiß auch: „Nicht alle Tage und Nächte sind schön.“

Inzwischen schlafen die Vierlinge durch. Um 7.30 Uhr bekommt jede junge Dame ihre Milchflasche in die Hände gedrückt und nuckelt los. Das ist am einfachsten. Um 10.30, 15 und 18 Uhr füttert jeweils ein Erwachsener synchron zwei hungrige Mäuler mit Brei. Das kostet Zeit, Nerven und natürlich Geld. Bis auf die Windeln, die vom Uni-Klinikum Leipzig gestellt werden, kaufen die Mehnerts alles selbst. Einmal pro Woche kommen zwei Hebammen, um beim Baden der Mädchen zu helfen, gesponsert von einem privaten Hebammendienst. Eine große Stütze ist Janetts Freundin Claudia, die fast täglich mit anpackt. Auch die Großeltern sind eine wichtige Hilfe.

Janett lächelt ihren Mann an und ist froh, dass er seine Lungenentzündung überstanden hat: „Einen kranken Mann und vier Töchter, die gerade Zähne bekommen, das war hart, da habe ich kaum geschlafen.“ Marcus Mehnert nimmt noch Elternzeit und fährt am 7. Januar, einen Tag nach dem ersten Geburtstag seiner Töchter, wieder zur Schicht am Produk-tionsband im Leipziger BMW-Werk. „Die Kollegen“, so lobt er, „haben mich sehr unterstützt.“

Auch Friseurmeisterin Janett Mehnert plant den Wiedereinstieg in ihren Beruf. Wenn alles klappt, können die vier ab September in eine Kita gehen. „Selbst wenn es Vierlinge sind, so ist es für ihre soziale Entwicklung wichtig, dass sie auch zu anderen Kindern Kontakte haben“, ist die Mutter überzeugt. Lachend fügt sie hinzu: „Die Erzieherinnen haben aber darum gebeten, die Mädchen so zu kleiden, dass sie sie unterscheiden können.“

Anita Kecke