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Christoph Elbert.

Christoph Elbert.
© Behrens

WIRT

Christoph Elbert will Kopf und Herz füttern

Er ist der bunte Hund der Gastro-Szene: Im Lindener „11a“ am Küchengarten poltert er am liebsten, die Kultkneipe „Plümecke“ in der List hat er sanft modernisiert, im „Boca“ hat er das einheitliche Drei-Gänge-Menü eingeführt, das mit Fisch oder Fleisch aufgepimpt werden kann.

Hannover. Christoph El­bert (55) ist eine Marke. „Ein streitbarer Typ, der mit Verve seiner Arbeit nachgeht“ – so schätzt ihn auch Alexander Eisenach (33) ein. Der Hausregisseur im Schauspielhaus will Cumberland (Bühne und Treppenhaus) mit „gesellschaftlich relevanten Diskursen“ neu aufstellen – „das Thema Ernährung bewegt viele Menschen“. „Feed your Head“ heißt die monatliche Reihe mit dem Wirt und wechselnder Besetzung aus dem Schauspielhaus. Eisenach und Janko Kah­le (43) bestreiten den ersten Abend mit Elbert: „Es wird ein Experiment, es gibt kein Drehbuch. Wir lassen einen Testballon steigen.“

Elbert machte Praktikum in Düsseldorf

„Es wird keine Kochshow“, betont Protagonist Elbert, der gerade eine Woche Praktikum im japanischen Sterne-Restaurant „Nagaya“ in seiner Heimatstadt Düsseldorf hinter sich hat. „Eine andere Gastro-Welt“ hat er erlebt – mit 16-Stunden-Tagen und schweigsamen japanischen Küchenmeistern, die über „konfuzianische Zen-Strahlen miteinander kommunizieren“, wie er kopfschüttelnd berichtet. Ge­lernt hat er viel. Über die „Klarheit des Ko­chens. Denn das Einfache ist oft das Schwierigste.“ Essen ist Elberts Thema. „Ich bin seit 40 Jahren in dem Metier“, sinniert er, „es ist ein unendliches Feld, das dem Wandel unterliegt. Wasser und Nahrung sind die Themen der nächsten geopolitischen Konflikte.“ Da ist er, der intellektuelle Diskurs!

Natürlich will der 55-Jährige bei „Feed your Head“ auch Anekdoten aus dem wilden Gas­tro-Leben erzählen, das Publikum unterhalten – aber eben auch zum Nachdenken anregen. Wenn er über das Verschwinden von Bäckereien und Fleischereien philosophiert, über Vollsortiment-Supermärkte oder Massentierhaltung in Niedersachsen redet, will er aber niemanden missionieren. „Christoph ist kein Dogmatiker“, steht ihm Verena Schindler (52) bei, die Geschäft und Leben mit ihm teilt. Trotzdem hat er gerade nächtelang an ei­nem eigenen Rezept für sein „Brot für Freunde“ gearbeitet, das als „Kulinarischer Botschafter Niedersachsens“ ausgezeichnet wurde.

Elbert und der Genuss

Elbert geht es um Ge­nuss. Immer. „Er lebt streng nach dem Lustprinzip“, scherzt Schindler in Anspielung auf die voluminöse Figur ihres Liebsten. „Das Zubereiten von Es­sen, es in einer Runde zu teilen – das gehört zu den spannendsten und ge­nussreichsten Momenten, die man erleben kann“, sagt er. „Das ist meine Gas­trosophie. Das hat et­was Magisches und Zauberhaftes.“ Sein neues Lo­kal (siehe unten) ist wohl die Quintessenz dieser Einstellung.

Der Cumberland-Abend wird laut Elbert „intellektuell und sinnlich“, er wird aber auch lecker: „Es gibt etwas zu probieren.“ Zum Auftakt will der 55-Jährige die in Vergessenheit geratene Cumberland-Sauce mit Johannisbeeren, Senfpulver, einem Schuss Alkohol und vielen Gewürzen zu­bereiten: „Warum ist diese Sauce vom Erdboden verschwunden? Wir werden dem nachspüren.“ Regisseur Eisenach ist gespannt: „Sauce macht nicht satt, aber ohne geht es auch nicht.“ Dieser Abend wird Futter für Herz, Hirn – und Magen.

Ende Oktober wird es im „Linden-Journal“ wild

Noch steht „Linden-Journal“ über dem Eingang der schrabbeligen Eckkneipe gegenüber dem „11a“, Ende Oktober soll hier „Walk on the Wild Side“ eröffnen. Christoph Elbert will in dem Lokal für intime Runden von acht bis zwölf Personen kochen – so viele passen an die Tafel, die auf einer kleinen Empore thront.

Christoph Elbert und Verena Schindler

Christoph Elbert und Verena Schindler.

„Das Mobiliar ist aus alten Kirchenbänken ge­schreinert“, erzählt seine Partnerin Verena Schindler. Eine Leinwand ist unter die Decke gespannt, sie zeigt das Gewölbe der Gaudí-Basilika Sagrada Familia in Barcelona. Das Ziel ist hoch gesteckt: „Das beste Essen der Stadt“ will Elbert servieren. Sein Ar­gument: „Ich koche aus dem Herzen.“ Für 80 Euro pro Person kann man speisen und trinken, wenn man eine Gruppe zusammentrommelt. Oder einfach Cocktails trinken – der Barbetrieb läuft parallel.

Von Andrea Tratner