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Charly Neumann: Ein Königreich für seine Geige

Sonntag gibt er mit seiner Geige beim Schorsenbummel wieder den Takt an – wie er es seit 25 Jahren tut. Die NP sprach mit Charly Neumann (80) über seine „Herzenssache“.

Hannover. Knallrotes Hemd mit Hipster-Kragen, das spärliche Resthaar zu einem Pferdeschwanz gebunden. „Das hält mich jung“, sagt Charly Neumann mit blitzenden Augen – der Mann, der Sonntag von elf bis 13 Uhr beim Saisonfinale des Schorsenbummels in das Kostüm von Georg III. schlüpft, ist 80 Jahre alt. Und ein Urgestein der hannoverschen Musikszene.

Im Godshorner Reihenhäuschen hat sich Neumann auf den NP-Besuch vorbereitet: Auf dem Tisch stapeln sich Zeitungsausrisse, Fotos, Stoff für Anekdoten. Wie im September 1994, als die Macher des Schorsenbummels auf die Idee kamen, Neumann auf dem Pferderücken von der Oper bis zum Kröpcke reiten zu lassen – da traf der „König“ (die Perücke dreht er immer wieder auf Lockenwickler, die Orden der Uniformjacke sind stets blitzblank gewienert) dann auf einen SPD-Wahlkampfstand. Beim Absteigen wollte  der damalige Landesvater Gerhard Schröder (73) helfen. „Da lagen wir beide auf dem Pflaster“, erinnert sich Neumann an das Malheur.

Seine Paraderolle ist die des Welfenkönigs, der Herrscher über England war, sich aber in Hannover nie hat blicken lassen. „Aber er hat den Bau der Georgstraße finanziert“, referiert der Musiker. Auf der flanierten damals sonntags Adlige und Bürger – „sehen und gesehen werden. So ist der Schorsenbummel entstanden.“

1992 schlüpfte Neumann zum ersten Mal in die Rolle – und brachte seine Geige mit. „Mein Vorgänger ist ja nur flaniert, ich habe Pfiff in die Veranstaltung gebracht“, findet er. Und Tempo. Der Mann trägt nicht umsonst den Titel „Teufelsgeiger“: Seine wieselflinke Interpretation des russischen Musikstücks „Die Lerche“ ist legendär, in den 80ern brachte er damit das Publikum in der Kneipe „Philharmonie“ zum Toben, er hatte Auftritte bei NDR-Galas und in der „Aktuellen Schaubude“. 

Neumann und die Geige, das ist heute die ganz große Emotion: „Die Geige ist nah am Herzen, man kann sich unglaublich in dieses Instrument vertiefen“, schwärmt der 80-Jährige. Liebe auf den ersten Blick war es aber nicht. Neumann wuchs in Schlesien auf, nach Kriegsende flüchtete die Familie nach Niedersachsen und schlüpfte in Sellenstedt auf einem Bauernhof unter: „Als ich zehn Jahre alt war, holte der Bauer eine verstaubte Geige vom Boden.“

Bei der Erinnerung an seine ersten Versuche, dem Instrument Töne zu entlocken, schüttelt er sich: „Ein fürchterliches Gequietsche.“ Die Familie verbannte ihn zum Üben – erst in den Hühnerstall, dann in den Wald. Aber: „Ich war immer fleißig“, betont der Vollblutmusiker. Er blieb der Geige treu und fand später im Konzertmeister des Opernhauses einen guten Lehrer, der ihm die richtige Technik beibrachte: „Ich habe Tag und Nacht geübt – und schwere Eisen geschüttelt, um das Handgelenk zu lockern.“ Beim Bundesgrenzschutzorchester, mit dem er 32 Jahre durch Deutschland und Eu­ropa reiste, hat er sich so hochgearbeitet.

Dort hat er auch seinen Schorsenbummel-Mitstreiter Ernst Müller (78) kennengelernt, der Armin (so nennen ihn Gattin Erika, 74, und die Familie) Neumann den Spitznamen Charly verpasste. „Charly Brown“ war ein populärer Schlager der 60er – „und ich hatte auch immer Blödsinn im Sinn“, gibt Neumann zu. Die vorgesetzten Offiziere meckerten damals oft über Neumanns Nebenjobs, waren vielleicht aber auch ein bisschen neidisch auf den Tausendsassa: Der tingelte als singender Seemann, Kosake oder Kellermeister über die Bühnen und war mit seinem 30-Minuten-Repertoire samt Klarinetten-Swing, Heurigen-Liedern, Witzen und Zoten gut gebucht. „Ich bin ein Entertainer“, sagt er heute noch mit strahlender Miene.
Wie lange will er noch schorsenbummeln? „So lange, wie es die Gesundheit zulässt“, sagt Neumann vergnügt. Gattin Erika hat offenbar längst akzeptiert, dass der Mann, der seit 48 Jahren an ihrer Seite ist, die Georg-III.-Uniform nie ablegen wird: „König ist man ja auf Lebenszeit.“  

Andrea Tratner