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HEIMATBESUCH:
Im „Holzhäuschenbüro“ auf dem 
„Paradies“-Gelände hat Jürgen
Piquardt viele Erinnerungen an 
sein Hannover-Leben.
Fotos: Behrens, Decker, privat (2)

HEIMATBESUCH:
Im „Holzhäuschenbüro“ auf dem
„Paradies“-Gelände hat Jürgen
Piquardt viele Erinnerungen an
sein Hannover-Leben.
Fotos: Behrens, Decker, privat (2)

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Heimatbesuch

Bonjour, Monsieur Jürgen Piquardt!

35 Jahre hatJürgen Piquardt das Restaurant „La Provence – Paradies“ in Ricklingen geführt. Jetzt hat sich der Bio-Aktivist in die echte Provence zurückgezogen. Beim Heimatbesuch erzählt er vom neuen Leben.

Hannover. „Karli“ schweigt. Der Olivenbaum, den Jürgen Piquardt (71) nach seinem vor 30 Jahren verstorbenen Vater benannt hat, ist verstummt. „Es war ein tröstendes Gefühl, mich mit ihm zu unterhalten“, sagt der Ex-Gastronom, der auf seinem Gut in der Nähe von Aix en Provence 259 weitere Olivenbäume hat - mit denen er ebenfalls intensive Gespräche führt. Seit Dezember vergangenen Jahres hat er dazu viel Gelegenheit.

„La Minguinelle“ wird der kleine Hof genannt. Ins nächste Dorf sind es sechs Kilometer, die einzigen Nachbarn sind die Wildschweine. „Die kommen jede Nacht“, erzählt Piquardt mit einem Lächeln. 1972 hatte er zusammen mit seiner Frau Heike (64) die Ruine eines Gehöfts („vermutlich aus dem 15. Jahrhundert“) gefunden, das 13 Hektar große Areal zu einem Spottpreis gekauft, in vielen Urlauben das Haus wieder aufgebaut. „Wenn kein Geld da war für Baumaterial, dann haben wir eben Bäume gepflanzt.“ Er hält kurz inne. „Wir haben viele Bäume gepflanzt.“

Fertig ist das Ehepaar immer noch nicht. „Die Lebensverhältnisse sind sehr einfach“, erzählt Piquardt. Eine Solaranlage liefert Strom, es gibt eine Trocken-Toilette, demnächst auch endlich eine richtige Badewanne und eine Waschmaschine. Außerdem traumhaftes südfranzösisches Flair, einen weiten Blick auf Olivenhaine - und neue Pläne.

„Wir sind Selbsternährer“, erzählt Piquardt. Einen Steinbackofen hat er selbst gemauert, Heike Piquardt legt derzeit Beete für Auberginen, Zucchini, Tomaten und Artischocken an. „Wir tasten uns heran.“ Das passt zur Lebensphilosophie, mit der das Paar viele Jahre Gäste glücklich gemacht hat: nachhaltiger Genuss, regionale und saisonale Lebensmittel, ganzheitlich, gesund. Der Mann, der „höchstens zehnmal im Jahr“ Fleisch isst, und seine Frau wollen ab 2014 einwöchige Kurse in der Provence anbieten - mit Kaminrunden, Beratung, Philosophie, „aber ohne Diktatur“, betont er. In Hannover soll es im September ein zweiwöchiges Gastspiel im alten Restaurant, das Michael Kohl (55) übernommen hat, geben. „Unser versponnener ganzheitlicher Gedanke soll weiterleben.“ Und schmecken. Fans dürfen sich auf Salat mit Ziegenkäse, eingelegte Wildkirschen und frisch geerntete Feigen freuen.

Im Moment ist Piquardt in Hannover, um das Boule-Festival (siehe Info) zu begleiten. 1400 Kilometer ist er durch die Nacht gefahren, an Bord die Hunde und einige Dutzend Flaschen mit Quellwasser, das er in der Provence abgefüllt hat. Sein „Holzhäuschenbüro“ auf dem „Paradies“-Gelände hat er immer noch, es steht voll mit Bücherstapeln, Pokalen, Fotos - Zeugnisse eines erfüllten Lebens zwischen Gastronomie, Genuss und Kunst. Immer wieder geht die Tür auf, Mitarbeiter schauen herein, wollen den ehemaligen Chef begrüßen und in den Arm nehmen. Piquardt erinnert sich an den Abschied im Dezember, die vielen Emotionen, die Tränen von Gästen, die Geburtstage, Hochzeit, Taufe, Konfirmation bei ihm gefeiert hatten. „Es war berauschend schön, so viel Anerkennung zu bekommen.“

Jetzt das einfache Leben auf „La Minguinelle“. Ablenkung gibt es nicht viel. Kein TV, dafür viele Bücher und lange Unterhaltungen. Und Arbeit. Zumal der erste Winter „ganz fürchterlich“ gewesen sei, klagt Piquardt. Zu nass und viel zu kalt - der Brennholzvorrat reichte nicht. „Ich war jeden Tag im Wald Holz hacken“ erinnert sich der 71-Jährige und schüttelt sich. Bei minus 14 Grad erfrieren Olivenbäume, das blieb ihm zum Glück erspart. Gut so. Denn ab Juli will sich Piquardt jeden Tag drei Stunden an den Schreibtisch setzen und schreiben. „Die Liebe einer Hundertjährigen“ soll die Novelle heißen. Worum es geht? Einen Olivenbaum.


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