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Mensch-Hannover Bolleshon mastert Hannovers Kreative-Keimzelle
Menschen Mensch-Hannover Bolleshon mastert Hannovers Kreative-Keimzelle
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15:48 17.05.2018
Andy Bolleshon in seinem Studio. Quelle: Heusel
Hannover

Das ist schon ein richtiges Schätzchen, das Andy Bolleshon (45) hier geschaffen hat: Anstatt in den teuersten Studios auf der Welt Musik zu produzieren und perfekt in Szene zu setzen, baute er ein ehemaliges Konservenlager in der Nordstadt zu einem der größten Tonstudio-Komplexe der Republik um, nistete sich selbst mit seinem „Time Tools Mastering“ dort ein. Das war vor 20 Jahren.

In der Zwischenzeit haben gut 7000 Tonträger „Time Tools Mastering“ an der Sandstraße in die weite Welt verlassen. Viele haben sich millionenfach verkauft – etwa solche von Madonna (59), Depeche Mode, Jamiroquai,  Kylie Minogue (49), an 50 goldenen Schallplatten ist Bolleshon beteiligt gewesen. Viele Musiker waren auch schon persönlich bei ihm und den anderen kreativen Köpfen, die sich bei „Time Tools“ eingemietet haben: Kelis (38, „Milkshake) hat hier schon an Songs getüftelt, Placebo-Frontmann Brian Molko (45), Skin (50) von Skunk Anansie, die deutschen Künstler Marteria (35), Roger Cicero († 46)  und Kool Savas (43). Und wie es dann in dieser Stadt gerne mal ist – niemand bekommt es mit.

„Ich mag es so, wie es ist. Hier kann ich in Ruhe meine Arbeit machen und im stillen Kämmerlein Musik auf Weltstatus bringen“, sagt der Gründer, der mit seiner Firma „Time Tool Mastering“ eine der zwölf Parzellen nutzt. Beim Gespräch mit der NP merkt man ziemlich rasch, dass der Mann mit dem Rauschebart fokussiert ist – und zwar auf seine Arbeit, auf die Musik. Von Erfolgen schwärmen, sich mit Persönlichkeiten rühmen, mit denen er schon zusammengearbeitet hat, das ist so gar nicht seins. Inhaltlich könnte er es aber allemal. Und seit Mittwoch noch einmal mehr: Kulturdezernent Harald Härke (64) hat den Komplex zum Jubiläum zum Unesco-„City of Music“-Partner gemacht. Darauf haben auch Musikproduzent Mousse T. (50, hat sein Album „Where is the Love“ auch hier gemastert) und Rapper Spax (45) angestoßen.

Wie so oft enstand die Gründung der kreativen Keimzelle aus einer Notlage: „Wenn ich in London arbeiten wollte, musste ich drei Monate auf einen freien Termin warten“, erzählt der 45-Jährige. Dann waren die Mieten so horrend, „dass das in keinem Verhältnis stand.“ Ähnlich sah es in New York aus – und dann hörte es damals auch schon auf mit den gut ausgestatteten Studios aus, in denen Welthits und Ohrwürmer entstanden sind.

Bolleshon ist selbst Musiker, schon als Teenager ging er mit der kanadischen Undergroundband „Psyche“ auf Tour, spielte dann für Anne Clarke (58) Keyboard. Im Anschluss blieb er in London hängen, erlebte dort die Techno-Explosion: „Da gab es schon eine Rave-Kultur, als in Deutschland noch keiner Ahnung davon hatte“, erinnert sich der Künstler. An dem Zeitpunkt orientierte er sich musikalisch in diese Richtung um, studierte parallel Tontechnik – „um meine Eltern zu beruhigen.“

In Sachen Techno hatte er ein gutes, wenn nicht sogar geniales Händchen: Relativ schnell hatte er mit „Nightbird“ einen großen Hit, spielte auf jedem wichtigen Festival: „The Prodigy waren mein Vorprogramm.“ Aber auch in seinem Metier, dem sogenannten Mastering, spielte er ganz oben mit: „Dieser Prozess steht am Ende der Kette“, erklärt er seinen Job, „du versucht alles aus der Musik rauszuholen, bearbeitest die letzten Nuancen vor Veröffentlichung. Man veredelt das Ganze.“

Dafür braucht es handverlesene Spezialtechnik – teuer und begehrt. Daher, und weil ihm das Pflaster in London zu hart wurde („Der Konkurrenzkampf war immens“), entschied er sich, in die Heimat zurückzugehen. Er tat sich mit Timo Maas (48) zusammen, die Erfolgsgeschichte sollte auch in Deutschland nicht weniger werden. Im Gegenteil: „Mit Dooms Night“ landeten sie einen Hit, der sich 600 000-mal verkaufte, Durchbruch in England und Amerika inklusive.

Schließlich schwenkte Bolleshon komplett um und konzentrierte sich auf das Mastering. Er hat sich mittlerweile handgebaute Präzisionstechnik zusammengestellt, die man so nicht kaufen kann: „Dafür habe ich jahrelang getestet und modifiziert.“ Gelohnt hat es allemal für den Mann, der nicht müde wird zu betonen, er sei kein Nerd. Schwer zu glauben von jemandem, der die Scheiben auf dem Plattenspieler mit Gewichten beschwert, damit der Klang perfekt ist. 

Noch faszinierender wird es allerdings, wenn Bolleshon von seinem größten Hobby berichtet – er zeichnet „typische Hannover-Geräusche auf, die es nur hier gibt“, läuft dafür an die unterschiedlichsten Orte der Stadt. „Ich könnte mir vorstellen, daraus eine Collage oder ein Musikstück zu machen“, sagt er und lacht. „Mich interessieren Felder, die noch nicht so beackert sind.“  10 000 Geräuschproben aus unserer Stadt hat er bereits eingefangen und katalogisiert. „Die Schleuse in Anderten klingt einzigartig, das Pflaster rund um den Kröpcke hat einen bestimmten Sound und auch die Öffis klingen in jeder Stadt anders.“ Von wegen kein Nerd ...

Mirjana Cvjetkovic

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