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JUNG UND GESUND:  Birte Jensen führt wieder ein normales, glückliches Leben.© Florian Petrow

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Porträt

Birte Jensen und der Kampf gegen die Magersucht

Mit einer Diät fing es an, ein paar Pfund weniger täte ihr doch ganz gut, dachte Birte Jensen, damals noch Schülerin. Jetzt hat die Hannoveranerin ein Buch über ihre Magersucht geschrieben.

Wer Birte Jensen (20) heute sieht, würde nie im Leben darauf kommen, dass sie als Teenager schwer krank war. Sie scheint mitten im Leben zu stehen, blickt selbstbewusst, vor allem voller Lebensfreude in die Zukunft. Die junge Frau sieht gesund aus, alles ganz normal. Vor wenigen Jahren war das noch ganz anders: Da verweigerte sie jede Nahrung, hungerte sich in lebensbedrohliche Zustände, wog nur noch 45 Kilo. Jetzt hat die Studentin über diese Zeit ein Buch geschrieben.

„Bei mir gab es kein bestimmtes Ereignis, keinen direkten Auslöser“, sagt Birte Jensen über die verhängnisvolle Diät, die sie als 16-Jährige fast in den Tod trieb. „Eigentlich wollte ich nur ein wenig abnehmen.“ Und tatsächlich: Am Anfang bekommt sie viel Lob für ihr Aussehen mit ein paar Pfunden weniger und dafür, dass sie die Diät so konsequent durchzieht. Das bestärkt sie. Und sie hört nicht mehr auf. „Ich war nicht die Selbstbewussteste, die Lauteste, ich habe mich mit den anderen In-Mädchen verglichen, zu denen ich nicht gehörte.“

Sie will gesehen werden, schreibt sie in ihrem Buch, einmal etwas Außergewöhnliches sein. Die anderen sollen auf sie schauen, diese Bewunderung will sie durch ihre Figur erreichen. So kreisen ihre Gedanken nur noch um Diäten, Kalorien, Sport und Gewicht. Birte Jensen spricht sogar von einer Stimme im Kopf, die sie in der Krankheitsphase hörte.

Aus der Sicht der Magersüchtigen dreht sich vieles um: So ist man schwach, wenn man etwas isst. Beim Sport wird nicht eine bessere Fitness angestrebt, einzig der Kalorienverbrauch ist interessant. Frieren ist gut, weil dann der Körper mehr Kalorien braucht, um sich aufzuwärmen. Unterm Strich: Perfekt ist man, wenn sich alle Knochen abzeichnen, wenn nirgendwo ein Gramm Fett zu entdecken ist. „Heute sehe ich in den Spiegel und sehe mich“, sagt die 20-Jährige nachdenklich. „Früher sah ich nur die Kalorien, die ich zu mir genommen hatte und die sich nun unwiederbringlich an meinen Hüften zeigten.“

Ein Gewicht von 45 Kilo war die von den Ärzten gezogenen Grenze, bei der sie ins Krankenhaus eingewiesen werden soll. Birte Jensen erreichte diese Grenze bis auf wenige Gramm plus. Da konnte aber ihr Körper schon nicht mehr die Temperatur halten, sie hatte massive Konzentrationsprobleme in der Schule, konnte auf ihren Knochen kaum noch sitzen und hatte abends Herzrasen und Panikattacken, dass sie den nächsten Tag nicht mehr erlebt. Lehrer sprachen sie besorgt an, auch Mitschüler und Freunde. Unterstützung bekam sie von ihrer Familie: „Meine Mutter sprach immer auf Augenhöhe mit mir. Hätte sie versucht, mich zum Essen zu zwingen, wäre mein Dickkopf durchgekommen, und ich hätte gesagt: Jetzt erst recht nicht!“ Aber die Mutter bringt sie zu einer Therapie. Und Birte Jensen hat Glück: Sie fühlte sich gut aufgehoben, lässt sich auf den Therapeuten ein. Der erste Schritt Richtung Normalität ist getan.

Heute, nach erfolgreicher Therapie, ist sie in der Lage, auf sich zu achten. „Ich begegne mir mit mehr Wertschätzung, steh zu meiner Meinung. Außerdem nehme ich viele Dinge bewusster wahr“. Ihr Lieblingsessen ist Lasagne, aber auch bei Eis kann sie nicht Nein sagen, gewogen hat sie sich schon lange nicht mehr: „Ich zähle keine Kalorien mehr!“

Durch die Magersucht ist ihr vieles bewusster geworden, sie ist froh, dass sie zu denjenigen zählt, die die Krankheit überlebt haben. Vertane Zeit war die Krankheit für sie im Rückblick aber nicht: „Ich habe viel gelernt, mich verändert. Ich hätte mich ohne die Krankheit auch nicht für Psychologie interessiert.“ Die Magersucht hat sie geprägt. „Wenn ich mit Freundinnen ausgehe und etwas esse, dann ist das für mich immer noch etwas Besonderes.“

NPVISITENKARTE

Geboren am 13. Juni 1996 in Hannover. Birte Jensen wuchs bei Hannover auf. Im Alter von 16 Jahren erkrankte sie an Magersucht. Ihr Abitur schaffte sie 2014 trotzdem. Inzwischen studiert sie das Fach „Soziale Arbeit auf Kinder- und Jugendpsychologie“ in Hannover. Ihr Buch über die Magersucht schrieb sie in nur vier Monaten, es heißt „Das Leben ist nicht extra small“ (Schwarzkopf&Schwarzkopf, 208 Seiten, 9,99 Euro).


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