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Mensch-Hannover Bernhard Schlink liebt Kirchenglocken und Amseln
Menschen Mensch-Hannover Bernhard Schlink liebt Kirchenglocken und Amseln
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15:04 16.11.2018
JURIST UND AUTOR: Seit „Der Vorleser“ ist Bernhard Schlink weltberühmt. Quelle: DPA
Hannover

Die NP sprach mit Bernhard Schlink (74, „Der Vorleser“) über sein neues Buch „Olga“. Am 20. November ab 19.30 Uhr liest er daraus im Expo-Wal (Chicago Lane 9), an der Gitarre wird er begleitet von Musiker Wolfgang Stute (67). Den Abend moderieren Pastor Heino Masemann (57) und Ex-First-Lady Bettina Wulff (45). Karten kosten 19,50 Euro.

Herr Schlink, wie sind Sie auf die Figur Olga gestoßen – eine Frau, die so klug war, aber wenig davon umsetzen konnte?

Ich bin auf eine historische Gestalt gestoßen, den deutsche Offizier und Abenteurer Herbert Schröder-Stranz, der 1912 im Spitzbergen-Archipel verschollen ist. Er hat mich zu Olgas Freund Herbert  angeregt und auch lange beschäftigt. Aber dann interessierte mich mehr und mehr, wer die Frau gewesen sein könnte, die diesen Mann geliebt hat, der sich an die Wüste Afrikas und die Eiswüste der Arktis und letztlich ans Nichts verlieren wollte und verloren hat. Olga steht für eine Generation von Frauen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die unter ihren Fähigkeiten leben mussten – oft an der Seite von Männern, die über ihre Fähigkeiten gelebt haben. 

Glauben Sie, dass es immer noch Frauen gibt, die sich wie Olga unter Wert verkaufen?

Heute, aber das ist noch nicht lange so, können Frauen viel weiter kommen als Olga oder auch meine Großmütter und die Sekretärinnen der Professoren, bei denen ich studiert habe – alles Frauen, die das Zeug zu mehr hatten, als sie waren. Heute werden Frauen Richterinnen, Anwältinnen, Professorinnen und CEOs. Frauen haben ihre traditionellen Rollen hinter sich gelassen. Männer sind noch sehr viel mehr in ihnen gefangen. 

Mit Typen wie Herbert haben wir auch immer noch zu kämpfen...

In seiner Sehnsucht nach Weite und Leere, was auch etwas Nihilistisches hat, ist er Sohn seiner Zeit. Aber seine Flucht in traditionelle Männerrollen ist uns auch heute sehr vertraut. Vielleicht hängt das ja auch mit den Frauen zusammen, die aus ihrem Rollenbild so erfolgreich ausgebrochen sind.

Warum wird Olga zum Schluss auch noch taub? Ist das ein Art innere Emigration?

Das ist eine schöne Lesart, und tatsächlich ist Olga froh, dass sie die Lautsprecher der Nazis nicht mehr hört. Zugleich weiß sie, dass nichts zu hören so schlecht ist, dass man mit dem Schlechten auch das Gute nicht mehr hören wollte. Aber ich habe nicht auf diese Lesart hingeschrieben. Olga, die in meine Geschichte gefunden hat, mit der ich mich beschäftigt habe, die ich schließlich so klar vor Augen hatte, dass ich ihre Geschichte schreiben konnte, wurde nun einmal taub.

Wie weit beziehen Sie die Leser beim Schreiben in ihre Geschichten ein?

Ich denke beim Schreiben nicht an Leser und Leserinnen oder gar Rezensenten und Rezensentinnen. Ich vertraue darauf, dass wenn meine Geschichten für mich stimmen, sie auch für Leser und Leserinnen stimmen – wobei ich nicht genau sagen kann, was „stimmen“ heißt, ich weiß es und fühle es.

Jetzt ist das Buch seit Anfang des Jahres auf den Markt und Sie sind damit auf Lesereise. Wie entwickelt sich da das Verhältnis zu ihrem Buch, gefällt es Ihnen noch oder gibt es Passagen, die sie jetzt anders schreiben würden?

Nein. Wenn ich bei Lesungen aus meinem Buch vortrage, gibt es mal ein „aber“, bei dem ich merke, dass ich es hätte streichen können. Aber das ist alles.

„Olga“ ist eine musikalische Lesung – wie viel Musik steckt in dieser Figur?

Olga liebt Musik! Als Kind nötigt sie den Organisten, ihr die Orgel zu erklären und sie an der Orgel üben zu lassen, als Lehrerin wird sie selbst Organistin und leitet den Kirchenchor, taub geworden liest sie gerne Partituren. Wolfgang Stute hat ein schönes Stück „Olga“ komponiert, das er am Dienstag spielen wird. Seit langem wollen er und ich Musik und Text zusammen bringen – ich freue mich, dass es beim Buch „Olga“ geschieht.

Welche Art von Musik ist bei der Lesung zu hören?

Behutsame bis lebhafte Gitarrenmusik, die zum Buch passt und im Wechsel mit Lesungen und einem Gespräch gespielt wird. Wir hatten eine Art Generalprobe in dem Hotel im Spreewald, in dem wir uns vor Jahren anlässlich einer Jurysitzung kennengelernt haben, und ich fand, die Musik und der Text haben sich gut zueinander gefügt.

Wie haben Sie auf ihrer Lesereise Deutschland 2018 erlebt?

Die Veränderungen in der Welt, von Amerika über Ungarn und Polen bis Deutschland, beschäftigen nicht nur mich, sondern viele Menschen, und in Gesprächen am Rand der Lesungen war immer wieder von der Sorge um Deutschland und Europa die Rede. Wir leben in einer Zeit, in der es gärt – nicht auf eine gute Weise.

Sie leben ja auch einen Teil des Jahres in den USA. Wo ist mehr Ihr Zuhause?

In Deutschland. Hier nehme ich an Politik und Gesellschaft mehr Anteil. Amerika macht mich traurig, aber Deutschland noch trauriger – die AfD, die immer weiter zunimmt, die SPD, deren Mitglied ich seit 45 Jahren bin und die immer mehr zerbröselt. Aber auch abgesehen von Politik und Gesellschaft – ich liebe die deutsche Sprache, ich brauche sie um mich fürs Schreiben, ich liebe die Amsel, die es in den USA nicht gibt und die nur hier singt, und ich liebe die Kirchenglocken, die mich hier morgens wecken, nicht in Amerika.

Was lesen wir von Ihnen als nächstes?

Ich schreibe an einer Sammlung von G eschichten.

Von Maike Jacobs

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