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AUTO-NARR: Atze Schröder legt gerne den Turbo ein – gesellschaftlich steht er aber auf Entschleunigung.

AUTO-NARR: Atze Schröder legt gerne den Turbo ein – gesellschaftlich steht er aber auf Entschleunigung.
© Christian Behrens

NP-Interview

Atze Schröder: „In Hannover läuft der Turbo richtig rund“

Er steht seit 23 Jahren auf der Bühne, aktuell tourt Atze Schröder (52) mit seinem Programm „Turbo“ durch das Land – am 9. März tritt er in Hannover in der Swiss-Life-Hall auf. Die NP sprach mit dem Erfolgs-Comedian über die Probleme der Turbo-Gesellschaft, über sein soziales Engagement und die Kindheit in einer Frauen-Familie.

Hannover.  

Turbo – worum geht’s im neuen Programm?

Ich hab ein Wort gesucht, das die Atze-Welt verdichtet, und das ist Turbo.

Inwiefern?

Letztes Jahr habe ich eine Tour durch kleine Clubs gemacht, um mal wieder den Zeitgeist zu erforschen. Da habe ich festgestellt, dass Turbo ein ganz aktueller Begriff ist – alle stehen so unter Druck, dass ihnen bald die Köpfe platzen, wie bei „Mars Attacks“. Wenn du darüber auf der Bühne sprichst, siehst du alle nur noch nicken. Also habe ich das zu meinem Thema gemacht.

Wo ist unsere Gesellschaft denn im Turbo-Gang?

Auf jedem Auto steht Turbo, wir haben Turbo-Kommunikation, Turbo-Sex, Turbo-Abi. Die Leute können langsam nicht mehr! Im Programm drehe ich es deshalb um, ich sage: Geht vom Gas, legt den Anti-Turbo ein. Das Programm könnte im Prinzip auch „Sinn und Sinnlichkeit“ heißen.

Wie gelingt Entschleunigung?

Ich sag zum Beispiel den Müttern: Wenn der Wecker morgens klingelt – haut drauf! Das Kind muss zur Schule, nicht ihr. Wenn man innerhalb einer Stunde eine Email nicht beantwortet, gilt man ja schon als klinisch tot. Ich will mal ein bisschen Ruhe ins Boot bringen.

Machen wir uns zu viel Stress?

Auf jeden Fall. Wenn du morgens am Kindergarten parkst, stehen da schon 50 Mütter mit ihrem SUV Allrad, das sieht aus wie eine UN-Mission im Nord-Irak. Und die Feinstaubwerte vom Kindergarten sind so hoch, als hätten da vier Aidas angelegt. Es geht dauernd darum, andere zu beeindrucken, dabei sollte man doch lieber bei sich bleiben.

Ist Alltagsstress ein neues Phänomen?

Das gab’s ja schon immer. Aber jetzt ist ja auch noch der Social-Media-Quatsch dazu gekommen, und alle verschwenden am Tag Stunden für Instagram, Snapchat und Co.

Sind Sie denn nicht in den sozialen Medien aktiv?

Bei Facebook gibt’s ab und zu mal ein Tourbildchen, das ist ein gutes Tool, um mit den Fans in Kontakt zu bleiben. Aber wenn du siehst, dass da lackierte Fingernägel und Frikadellen gepostet werden, dann rate ich den Leuten, das Ding auszuschalten und es einfach mal so in der Hose brummen zu lassen (lacht). Die Sinnlichkeit geht doch flöten!

2009 haben Sie bei „Wer wird Millionär“ eine halbe Million Euro gewonnen – was macht man als Promi mit dem Geld?

Ich habe damals Madamfo Ghana kennengelernt, dahinter steht eine Krankenschwester aus Hagen, die schon 40 Projekte in Ghana umgesetzt hat. Bei ihr wusste ich, hier kommt jeder Cent an. Von dem Geld wurde ein Kinderkrankenhaus gebaut, wir haben Wasserprojekte und ein Kinderheim unterstützt.

Sie engagieren sich auch für ein zweites Projekt ...

Ja, für den „Roten Keil“, ein Netzwerk gegen Kinderprostitution – in Deutschland. Man denkt, hier ist alles geregelt, aber vergiss es. Ich war in Berlin mit einem Sozialarbeiter am Hauptbahnhof unterwegs, Was der dir da zeigt – da kommen dir echt die Tränen.

Dort prostituieren sich Kinder?

Als Laie erkennt man das gar nicht, aber wenn es dir jemand zeigt, sieht man, wie da 60-jährige Männer Jungs mitnehmen, die sind sechs, sieben, acht Jahre alt. Das sind Männer aus allen Schichten, vom einfachen Arbeiter bis zum Richter. Das ist leider ein ganz unpopuläres Projekt. Ich hab versucht, das in verschiedene Talkshows unterzubringen, aber viele empfinden das als zu abstoßend. Ich unterstütze das Projekt jetzt seit zehn Jahren und bin immer wieder froh, ein paar Türen zu Spendengeldern öffnen zu können.

Im Dezember gibt’s eine kleine Tourpause – wie feiert Atze Schröder Weihnachten?

Ich werde wohl zu meiner Schwester fliegen, die lebt in den USA. Da feiern wir richtig kitschige Weihnachten. Ich stehe auf Weihnachten und ich stehe auf Kitsch. Ich habe sogar eine rosafarbene Küche zuhause. Und zu Weihnachten glitzert die auch.

Sie sind ja auch in einem Frauenhaushalt groß geworden.

Oma, Mutter, Schwester. Daher weiß ich auch schon immer, dass Frauen gerne lachen. Es gibt nichts, was Frauen so sehr hassen, wie Langeweile. Meine Schwester ist älter und konnte ganz gut Klavier spielen. Die hat mich dann gezwungen zu tanzen. Mein Zuhause war ganz klar meine erste Bühne.

Die Weihnachtspause haben Sie sich verdient. Von Oktober bis März haben Sie immerhin 57 Auftritte ...

Ui!

... und der vorletzte ist am 9. März in Hannover – läuft da der Turbo noch auf Hochtouren?

Aber klar! Ein Comedyprogramm wird ja von Abend zu Abend besser. Da kann Hannover sich wirklich freuen – bei euch läuft der Turbo erst richtig rund! Und: Wir können eine riesige Aftershowparty machen.

Am vorletzten Abend?

Logisch. Den letzten Auftritt in Bielefeld schaffe ich auch noch mit zwei Promille.

Von Julia Braun