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GANZ FRIEDLICH: Thriller-Autor Arno Strobel fühlt sich mit seinen blutigen Bestsellern wohl im Mainstream.© Florian Petrow

Porträt

Arno Strobel mordet von Berufs wegen

Er ist einer der meistgelesenen deutschen Thriller-Autoren: Arno Strobel (53) liest heute in einem Baumarkt aus „Die Flut“. Die NP traf den Mann, der einst die IT einer Luxemburger Bank betreute, und sprach mit ihm über Mord-Motive, Kopf-Kino und Bürozeiten.

Briefe auf Menschenhaut, lebendig begrabene Frauen, Männer, die von Ratten gefressen werden. Muss man nicht selbst leicht gestört sein, um auf solche Ideen zu kommen? Die Frage hört Krimi-Autor Arno Strobel (53) nicht zum ersten Mal. „Der Gedanke ist natürlich naheliegend“, sagt er - und denkt tatsächlich darüber nach: „Man sucht nach einer Erklärung. Auch, um sich zu beruhigen“, sagt er und lacht. Er spricht vom Unterbewusstsein: Bei den meisten Menschen setze das automatisch eine Grenze, wenn die Gedanken zu brutal oder fies werden, glaubt er: „Und das ist bei mir anders: Ich habe ja einen Grund dafür, dass ich diese Gedanken haben darf - und sogar muss.“ Das schafft Freiräume: „Ich muss aus beruflichen Gründen darüber nachdenken, wie man jemanden umbringen könnte.“

Zum Schreiben kam Strobel erst spät. Er wurde nach dem Schulabschluss Handwerker, studierte Versorgungstechnik, dann Informatik und arbeitete mehr als 20 Jahre in der IT-Abteilung einer Bank in Luxemburg. Mit Anfang vierzig schrieb er Kurzgeschichten, dann den ersten Roman, den er noch selbst verlegte. Seit 2010 veröffentlicht er im Fischer-Verlag seine Thriller - doch erst 2014 gab er seinen Bank-Job auf und wurde hauptberuflicher Autor.

Dieser Schritt habe sein Schreiben nicht verändert, ob-wohl er mit seinen Büchern jetzt seine Familie ernähren muss, sagt Strobel: „Natürlich ist da ein gewisser Druck, aber der war auch vorher schon da. Man hat Verträge, Abgabetermine, Lesungen ...“, zählt er auf, „vielleicht kommt ein zusätzlicher Druck, wenn meine Bücher sich irgendwann mal nicht mehr verkaufen sollten.“ Bisher sieht es nicht danach aus: Seine Thriller landen regelmäßig in den Bestsellerlisten. Zum Mainstream zu gehören, ist für ihn nichts Schlechtes. „Ich lebe vom Schreiben“, sagt er, „darum ist es ganz gut, wenn man im sogenannten Mainstream schreibt. Das bedeutet eben gute Verkaufszahlen.“

Seinen gutbezahlten Job aufzugeben, sei ihm nicht schwer gefallen: „Ich habe die Existenzangst nicht, überlege nicht, was passiert, wenn das nicht klappt. Es geht immer irgendwie weiter.“ Auch eine Schreibblockade fürchtet er nicht: „Ich glaube, das ist eine Mär.“ Natürlich habe auch er Tage, an denen das „Feeling“ fehlt. Aber eine Schreibblockade über mehrere Monate - „da möchte ich den Kollegen dann gern empfehlen, sich vielleicht einen anderen Job zu suchen“.

Er selbst versucht beim Schreiben, die alten Bürozeiten einzuhalten. Nur, dass er nicht in die Bank fährt, sondern in seinem Haus bei Trier ins Arbeitszimmer verschwindet. „Die ersten Monate ist es schwer, sich so zu disziplinieren“, gibt er zu. Für ein Buch braucht er vom Anfang bis zum Ende etwa vier Monate. Wenn es mit dem Manuskript gerade nicht weitergehen will, gibt es genug anderes zu tun: Social Media bedienen, Mails beantworten, Rechnungen schreiben.

Und auch für die drei Kinder ist mal spontan Zeit. Die zwei jüngeren, Christin (14) und Alexander (12), sind auch echte Bücherfans und schreiben eigene Geschichten. Die Älteste, Laura (20), will nach ihrem Auslandsaufenthalt Hotelmanagement studieren. Seine Frau Heike (45) hat Strobel in der Bank kennengelernt. Sie trainiert Führungskräfte und ist viel unterwegs - genau wie er, der im letzten Jahr geschätzte 80 Tage auf Lesereisen war. „Es ist schon häufig so, dass wir uns die Klinke in die Hand geben“, sagt er, „wir planen es so, dass immer einer von uns zu Hause ist, wegen der Kinder“, sagt er.

Die Entscheidung, den Bankjob aufzugeben, hat er mit seiner Familie besprochen. „Ich habe großen Rückhalt gehabt“, sagt er. Und das, obwohl die Jüngsten seine Bücher noch gar nicht lesen dürfen. „Die Mittlere fängt jetzt damit an“, sagt Strobel. „Sie hat mittlerweile die Lesereife, damit umgehen zu können“, glaubt er. Auf seinen Job sind seine Kinder schon stolz - sagt auch der Autor nicht ohne Stolz: „Ich habe das Glück, dass meine Kinder sich nicht für das schämen, was ich mache.“

Warum interessieren sich Menschen überhaupt so sehr für düstere Themen? „Weil man die Möglichkeit hat, über schlimme Dinge zu lesen, und selbst die Sicherheit hat, auf seiner Couch zu sitzen. Vielleicht hat es sogar ein bisschen mit Voyeurismus zu tun.“ Einige seiner Leser lieben es umso mehr, je schauriger es wird. „Damit meine ich nicht, dass besonders viel Blut spritzen muss, sondern dass Gedanken projiziert werden. Ich als Autor schubse nur an, der Rest passiert im Kopf des Lesers.“

DAS BUCH

Arno Strobel bleibt bei der Wahl der Buchtitel seinem Erfolgsrezept treu: Nach Bestsellern wie „Das Dorf“, „Der Sarg“ oder „Der Trakt“ heißt sein neuer Psycho-Thriller „Die Flut“ (Fischer, 384 Seiten, 9,99 Euro). Darum geht es: Auf der beschaulichen Insel Amrum geht ein Serienmörder um, der verliebte Pärchen attackiert. Sein Vorgehen ist perfide: Die Frau gräbt er nachts bei Ebbe bis zum Hals in den Sand ein, der Mann muss an einen Pfahl gefesselt zuschauen, wie seine Liebste ertrinkt. Dem überaus eitlen Mörder dürstet es nach Schlagzeilen und Aufmerksamkeit. Das wird ihm zum Verhängnis, denn der nordisch unterkühlte Kommissar Harmsen heftet sich an seine Spur. Auch zwei Urlauberpärchen werden in den Strudel der Gewalt gezogen. 3?Strobel ist heute Abend Gast bei der „Weinlese“ im Himmler-Hagebaumarkt (An der Weide 12) zu sehen. Er liest aus „Die Flut“ und plaudert mit dem Publikum. Der Eintritt kostet zwölf Euro, ein Glas Wein ist im Preis enthalten. Karten gibt es im Baumarkt oder in der Buchhandlung Decius (Marktstraße 51/52).


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