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GLÜCKLICH IN IRLAND: Angelo und Ira Kelly mit ihren fünf Kindern.© Sören Haag

Interview

Angelo Kelly: "Meine Mutter ist für mich gestorben"

Er war der blonde Engel der Kelly Family: Heute hat Angelo Kelly (33) selber fünf Kinder, mit denen er musiziert. In der Jugendkirche (An der Lutherkirche) gibt er ab 19 Uhr ein ausverkauftes Konzert. Mit der NP sprach er über den Krebstod seiner Mutter, frühen Ruhm und Heimunterricht für seine Kinder in Irland.

Die Zeit der Kelly Family ist lange vorbei. Jetzt treten Sie mit Ihrer eigenen Familie auf. War das immer klar für Sie?

Überhaupt nicht. Ich war mit meiner musikalischen Entwicklung zu sehr beschäftigt, um darüber groß nachzudenken.

Wann hat es sich dann doch verändert?

Als wir drei Jahre im Bus durch Europa gereist sind, hatten wir plötzlich die Ruhe und Zeit, auch musikalisch gemeinsam etwas zu machen. Dann bekamen meine Kinder Lust auf mehr. So holte ich sie irgendwann einfach bei meinen Konzerten für ein paar Lieder auf die Bühne. Die Familie war ja sowieso immer dabei. Mittlerweile sind sie Vollprofis.

Drei Jahre im Bus unterwegs. War das 2010 der Weg zurück zu den Wurzeln?

Wir wohnten zu der Zeit in einem Haus in Bonn - ein Alltag, der für mich eher unnormal war. Ich war viel auf Tournee. Einerseits spürte ich, dass wir uns mehr und mehr auseinanderlebten. Andererseits hatte ich auch ein schlechtes Gewissen, meinen Kindern nicht das zu geben, was ich durch meinen Vater erfahren durfte: dieses Gefühl von Freiheit und das Verständnis dafür, dass zu Hause dort ist, wo die Familie ist. Ich wollte, dass meine Kinder weltoffen aufwachsen, indem sie die Welt sehen. Das ist mit Büchern und Internet nicht zu ersetzen.

Damals wurde Ihr Vater für seine Lebensweise und auch die vermeintliche Instrumentalisierung seiner Kinder im Musikgeschäft kritisiert ...

Mein Vater war nicht perfekt, und er hat nicht alles richtig gemacht. Aber ich bin ihm heute noch sehr dankbar für das, was er uns gegeben hat. Die meisten Leute, die schlecht über meinen Vater schrieben, haben ihn nie kennengelernt. Er hatte eine andere Lebensphilosophie, sah anders aus. Dann gab es aber auch das andere Extrem. Eine Überromantisierung von dem, wer wir wirklich waren: „Die engelsgleiche Familie“ und so ein Quatsch. Beides ist plakativ.

Sie waren mit zehn Jahren ein alter Bühnenhase.

Auch wenn es komisch klingt: Ich hatte in dem Alter schon mehr Konzerte gespielt als die Rolling Stones bis heute (lacht). Ich bin mit meinen Geschwistern auf der Straße fünf Tage die Woche aufgetreten - und das über Jahre. Die Bühne war wie ein Wohnzimmer für mich.

Womit sind Sie schwer zurechtgekommen?

Dass meine persönliche Freiheit extrem beschnitten wurde. Der Hype um uns wurde schnell so groß, dass ich immer und überall einen Bodyguard bei mir hatte - und das für acht Jahre! Ich war im Grunde nie mehr allein. Klar, dass wir alle damit auch teilweise überfordert waren. So erfolgreich zu sein, ist supertoll, aber natürlich auch extremer Mist (lacht).

Haben Sie heute noch viel Kontakt zu Ihren Geschwistern?

Unterschiedlich. Ein komplettes Familientreffen gibt es seit ein paar Jahren nicht. Dafür sind wir einfach zu viele - insgesamt zwölf. Und nicht jeder kommt mit jedem klar.

Wem stehen Sie besonders nahe?

Mit Jimmy bin ich sehr eng, und mit Joey. Auch wenn die beiden in Deutschland leben, ist der Kontakt sehr intensiv. Wir sehen uns oft. Unsere Kinder sind mit deren Kindern befreundet.

Seit drei Jahren ist ihre Familie wieder sesshaft. Allerdings in Irland. Warum?

Nach der Europa-Tour im Bus hatten wir einfach den Wunsch. Deutschland kam aber nicht wieder infrage. Das Gefühl von Freiheit war uns nicht genug, und in Irland tickt die Uhr viel langsamer. Es ist normal, dass Nachbarn einfach vorbeikommen. Auch wenn man gerade beschäftigt ist, lässt man alles stehen und liegen, macht einen Tee, und dann sitzt man da drei Stunden und quatscht. In Deutschland gibt es kein Heimschulsystem. Für uns ist es einfach nicht das Richtige, wenn wir einer Struktur wie dem Schulsystem in Deutschland strikt folgen müssen. Wir wollen reisen und unserem eigenen Rhythmus folgen.

Sind Sie ein traditioneller Mensch?

Ja. Ich bin auch sehr konservativ, weil ich alte Werte und Prinzipien schätze. Familie ist zum Beispiel schon immer das Rückgrat der Gesellschaft gewesen und wird es immer sein. Trotzdem ist sie plötzlich uncool. Wenn jemand mit mehr als vier Kindern unterwegs ist, wird er gleich als asozial abgestempelt. Das ist doch ein Skandal! Jahrhunderte waren Mütter der Inbegriff von Liebe, Geborgenheit und Zuhause. Heute muss eine Frau das Gefühl haben, nichts wert zu sein, wenn sie nur für ihre Kinder sorgt und nicht mehr arbeitet. Unglaublich.

Ihre Mutter haben Sie nie richtig kennengelernt. Sie starb, als sie zehn Monate alt waren. Welche Spuren hat Sie trotzdem in Ihrem Leben hinterlassen?

Ich habe ein Gefühl von ihr, das ich immer mit mir trage. Wie einen Fußabdruck. Es hat nicht nur mit ihrer Persönlichkeit und der Liebe zu tun, die sie mir in dieser kurzen Zeit noch geben konnte, sondern auch mit der Tatsache, dass sie bereit war, für mich zu sterben. Sie erfuhr, dass sie Brustkrebs hat, als sie mit mir schwanger war. Sie hätte sofort mit der Chemotherapie anfangen müssen - dafür hätte meine Mutter mich abtreiben müssen. Das kam für sie nicht infrage. Für mich ein Akt größter Liebe. Nach meiner Geburt hatte die Behandlung leider keinen Erfolg mehr. Ihre klare Entscheidung für mein Leben hat mich geprägt. Ich glaube, deshalb hatte ich auch nie Angst, etwas zu riskieren im Leben. Mir hat es nie an Liebe und dem Gefühl von Sicherheit gemangelt.


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