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LÄCHELN OHNE SCHMERZEN:Nach vier Wochen Behandlungim Krankenhaus heilt die Wundevon Andrea Fischer nun endlich zu.

LÄCHELN OHNE SCHMERZEN: Nach vier Wochen Behandlung im Krankenhaus heilt die Wunde von Andrea Fischer nun endlich zu.© Frank Wilde

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Menschen

Andrea Fischers Kampf gegen den Schmerz

Dieses Jahr ist keingutes für Andrea Fischer. Erst erlitt die Dezernentin einen Bandscheibenvorfall, dann hatte sie eine nicht heilende Wunde am Knöchel. Die Behandlung dauert - und immer mehr Gerüchte kursieren. Sie sind falsch, stellt die Grüne vom Krankenbett aus klar.

Hannover. Ein Besuch im Krankenhaus. Seit vier Wochen liegt hier Regionsdezernentin Andrea Fischer, bis vor einem Monat Aufsichtsratsvorsitzende des Klinikums Region Hannover.

Aus der nur angelehnten Tür zum Zimmer 001 ist leises Wimmern zu hören. Dann ein lauter Schmerzensschrei. Der Arzt wechselt gerade den Verband bei seiner vermutlich prominentesten Patientin. Die frühere Bundesgesundheitsministerin musste operiert werden. Eigentlich ist das ein Tabuthema. Im Politikbetrieb, den die 54-Jährige seit Jahrzehnten kennt, hat man zu funktionieren.

Aber bekanntlich sind Menschen keine Maschinen. Und diese Frau ist eine Kämpferin. Ebenso wichtig wie ihre Gesundheit ist ihr der gute Ruf. Der war in den vergangenen Wochen in Mitleidenschaft geraten. Andrea Fischer habe entweder ein Alkohol- oder ein Medikamentenproblem, raunte man sich zu. Die Dezernentin sei fahrig, wirke unkonzentriert, bringe Zahlen durcheinander. Das ist mehr als harmloses Getratsche bei einer, die für die Finanzen der Region zuständig ist.

Blass sieht die Verwaltungsbeamtin aus. Sie liegt in einem Zwei-Bett-Zimmer. Die blau-weiß gestreifte Bettdecke wölbt sich über einen großen Kasten, in dem ihr Bein ruht. „Da war eine chronische Wunde“, sagt sie und deutet auf den Knöchel. „Erst habe ich versucht, das ambulant heilen zu lassen.“ Weil das nicht wirkte, folgten erst eine Operation und Wochen später eine Hauttransplantation.

Andrea Fischer spricht nicht gern darüber. Nur zögerlich hat sie sich auf den Besuch am Krankenbett eingelassen. „Nach Berliner Kriterien dürfte ich nicht mit Ihnen reden“, sagt sie. Im Politikbetrieb der Bundeshauptstadt, das weiß sie gut, war schon ihr tränenreicher Abschied etwas, was sich nicht gehörte. Am 9. Januar 2001 war das, nur drei Jahre nachdem der damalige Kanzler Gerhard Schröder die Grüne zur Bundesgesundheitsministerin berufen hatte.

„Heute würde mir so etwas nicht passieren“, kommentiert sie die Momente, die von den Fernsehkameras eingefangen das öffentliche Bild von ihr prägten. Eine Bundesministerin, die heult. In den Augen so mancher eine Blöße. In den Augen anderer dagegen Größe. Zeigen, dass ein Abschied schmerzhaft ist, dass man nicht geht, weil man will, sondern weil man muss.

Die Episode hat ein Nachspiel. Sie hat Andrea Fischer geprägt. Sie wirkt verschlossen, spricht nicht gern über sich, will keine Empfindungen offenbaren. So hat sie in den vergangenen Monaten versucht, einfach zu funktionieren. Erst mit Dauerschmerzen durch einen Bandscheibenvorfall, dann mit der chronischen Wunde am Fuß. „Ich habe wochenlang nachts nicht schlafen können“, erzählt sie. „Der Schmerz war wie ein Dauerbohren im Gehirn.“

Wie konnte sie dabei denn arbeiten? „Schlecht offensichtlich“, kontert sie und lächelt verhalten. Nur Regionspräsident Hauke Jagau, ihrem direkten Vorgesetzten, habe sie gesagt, was mit ihr los ist. Jagau besuchte sie auch im Krankenhaus. Einer der drei Blumensträuße, die auf dem Tisch stehen, stammt von ihm. Daneben eine Schale mit Obst und das Wichtigste - ein E-book-Reader. Auf dem Gerät, das so groß ist wie ein Taschenbuch, hat die Dezernentin im Krankenhaus zig Bücher gelesen. Gerade „Breaking news“ von Frank Schätzing.

Fünf weitere Tage strikte Bettruhe haben die Ärzte Andrea Fischer verordnet nach der Hauttransplantation. Vom Krankenbett aus mit Blick auf die graue Betonwand draußen vor dem Fenster versucht sie zu arbeiten. Per iPad oder Telefon schaltet sie sich in Verwaltungsgeschäfte bei der Region ein. Das klappt nur bedingt, deshalb ist ihr dringlichster Wunsch: „Ich will hier raus. Ich will ein normales Leben führen. Das wäre was ganz Großes für mich!“