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Stark:Der

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Tolles Konzert bei den Kunstfestspielen

Melnikov spielt Schostakowitsch

Dreieinhalb Stunden Klaviermusik: Ausnahmepianist Alexander Melnikov brachte in der Orangerie die „24 Präludien und Fugen“ von Dmitri Schostakowitsch.

Hannover. Da muss der Pianist so manches Mal des Taschentuch zücken, damit der Schweiß nicht von den Ohrläppchen auf die Tasten tropft.

Bei den Kunstfestspielen gab es einen mehr als dreistündigen Klavier-Marathon, Jungstar Alexander Melnikov wagte sich an den Riesenzyklus von Dmitri Schostakowitsch mit dem vergleichsweise harmlosen Titel „24 Präludien und Fugen“. Die Orangerie war wieder mal restlos ausverkauft, das Format des bewährten Klavierabends mit dann allerdings ausgewähltem pianistischen Programm funktioniert.

Die klaviertechnischen Anforderungen sind enorm, mental und physisch. Hier braucht man vor allem Kraft, wenn man die volle Ausdrucksbandbreite ausreizen will, die Schostakowitsch in seiner Bach-Hommage gebunden hat.

Typisch russisch, denkt man, wenn Melnikov die phonstarken Passagen wie beispielsweise im dritten Präludium mit durchgetretenem Pedal donnert, als gelte es, den Ochsenkarren aus den „Bildern einer Ausstellung“ in Bewegung zu setzen. Soviel Romantik wie möglich, so wenig Bach wie nötig, das macht diese Schostakowitsch-Experience so spannend – und selbst der Schostakowitsch-typische Sarkasmus wie im achten Präludium kommt nicht zu kurz: Melnikov hat dafür die nötige Geläufigkeit, spieltechnisch ist alles fabelhaft.

Melnikov geht auch empfindsam in die Vollen, wenn er die zarteren Präludien mit klug kalkulierten Tempoverlangsamungen bis zum Bersten auflädt. Das ist dann bei weitem angemessener, als es Keith Jarrett gemacht hat, der mit seiner vergleichsweise harmlosen Doppel-CD vor etlichen Jahren in die Charts kam.

Höhepunkt und Abschluss dann in der Schlussfuge, die Melnikov wiederum mit vollem Einsatz meistert, die Kraft aus den Unterarmen und nicht aus den Schultern holt, mehr Druck und Ausdruck geht nicht. Das Publikum (darunter OB Stefan Schostok) hat ebenfalls durchgehalten und dankt mit langem Applaus dem schüchtern lächelnden Pianisten.

Der Schostakowitsch-Zyklus gewinnt zunehmend an Attraktivität. In diesem Jahr will ihn noch ein Tastenstar live bewältigen: Igor Levit.

Von Henning Queren