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Erotik-Messe

Zwischen Schmuddel und Shades of Grey

Eigentlich hatten sie einen Traum. 2006 wollte Micaela Schäfer bei ProSieben „Germany’s Next Topmodel“ werden. Sie scheiterte. Zwei Jahre später ereilte Gina-Lisa Lohfink das gleiche das gleiche Schicksal. Anders als vielen Konkurrentinnen ist es ihnen gelungen, irgendwie im Rampenlicht zu bleiben. Vor allem irgendwie.

Berlin. Gestern Vormittag, Messegelände Berlin, zehn Uhr. Die „Venus“ öffnet, als „größte Erotik- & Lifestyle-Messe Europas“ beworben. 290 Aussteller präsentieren Szenestars, Filme, Zubehör. Auf dem roten Teppich genießen Lohfink und Schäfer das Blitzlichtgewitter. Lebenselixier.

Lohfink (26) ist in diesem Jahr das Werbegesicht der Messe, die Plakate hängen überall ums Messegelände. „Da fährst du jetzt durch Berlin und dann liegste da und denkst: Oh, echt wenig, was ich da anhabe“, sagt sie. Aber sie soll hier auch etwas verkaufen, das selten voll bekleidet angeboten wird: Ware Sex. Sie selbst hat Erfahrung: „Im Bezug Videos haben wir Menschen schon sehr weh getan“. Ein früherer Partner hat einen privaten Film, der ihn beim Verkehr mit Lohfink zeigt, ins Internet gestellt. Man lernt daraus. „Ich würde keine mehr drehen.“ Aber der Auftrag hier sei trotzdem eine Ehre. „Da sagen die Leute ‘Oh Gott, jetzt ist sie das Gesicht der Venus’. Ich finde es schade, dass Menschen so negativ über das Thema Sex reden. Macht doch fast jeder.“

Während Lohfink versucht, ihren Auftritt zu rechtfertigen, stellt sich die Frage wenige Meter weiter gar nicht mehr. Kollegin Schäfer (29) trägt eine Nieten-Komposition, die weniger verhüllt als zeigt. Sie tourt als Nackt-DJane durchs Land, ihr Hang zum Nudismus machte sie zum Boulevard-Star. Ist ihr denn nicht kalt? „Ich habe eine Textilallergie, ich fühle mich ohne Klamotten wohler, ist doch ein schöner Oktobertag. Mir ist gar nicht kalt.“ Ihre Ganzkörpergänsehaut ignoriert sie, lächelt tapfer in die Kameras der Fotografen. Und der älteren Herren, von denen viele auf der Venus sind, ihre Kameras bevorzugt auf junge Frauen richten, deren Erreichen der Volljährigkeit oft nicht lange zurückliegen dürfte. Und ausreichend zeigefreudig sind. Auf Bühnen tanzen sie, Männer moderieren sie als „süße Häschen“ oder „geile Sau“ an.

Venus-Chef Markus Hagewald will die Messe aber nicht nur als Zurschaustellung verstanden wissen. Erfolge wie der der SM-Romanserie „Shades of Grey“ würden beweisen, dass das Thema Sexualität immer weiter enttabuisiert werde. Es kämen Menschen zur Venus, die sich bisher nicht einmal in einen Sexshop getraut hätten. „Der Trend ist deutlich, die Leute schämen sich nicht mehr so sehr dafür, dass sie Lust auf etwas haben“, sagt er.

Hagewald nennt aber auch die Probleme der Branche: Der digitale Trend sei verschlafen worden, kostenlose Angebote hätten die Industrie beschädigt. Ehemals große Filmstudios der Branche könnten sich Stände gar nicht mehr leisten. „Bei der Musikindustrie ist die Aufregung da groß, aber über die Pornoindustrie spricht keiner. Dabei belegen die Zahlen, dass Porno kein Randgruppenphänomen ist.“ Die Kostenlos-Mentalität sei der Tod eines jeden Geschäfts. Er wünscht sich eine Stärkung des Urheberrechts im Internet. „Wenn nicht mehr jeder mit geschütztem Material machen kann, was er will, finden Zehnjährige auch nicht mehr so problemlos Hardcore-Bilder im Netz.“

Genau dieses Segment der Erotik, die sehr explizite Darstellung, ist etwas, dass die Venus auch bei der 16. Auflage zur Genüge aufweist. Zu beobachten beim Messerundgang ist aber auch, dass Ehepaare ganz selbstverständlich an den Ständen vorbeischlendern.Freundinnen sich diverse Spielzeuge erklären lassen, ohne sich davon beeindrucken zu lassen, dass wenige Meter ein Porno-Sternchen halbnackt Autogramme schreibt. Nebenan eine Standmitarbeiterin drei Männern erläutert, warum hier Pferdekostüme verkauft werden („Weil manchen das gut gefällt“), während eine junge Frau ihrem Freund die Erlaubnis gibt, sich mit Gina-Lisa zu fotografieren. Die noch einen Tipp hat: „Man sollte jeden so machen lassen, wie er mag.“ Einen besseren gibt es für eine Erotikmesse wohl nicht.


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