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Udo Wachtveitl: "In München sind die Leute an Fernsehnasen gewöhnt"

Im München-"Tatort" mit dem Titel "Macht und Ohnmacht" terffen sich drei früheren Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Ivo Batic (Miroslav Nemec) und der nach Thailand ausgewanderte Carlo Menzinger (Michael Fitz) endlich einmal wieder.

Warum, das Wiedersehen so ganz anders abläuft, als sich das die Fans vielleicht gewünscht hätten, verriet Udo Wachtveitl (54). Mit der Nachrichtenagentur spot on news sprach der Schauspieler und Philosoph aber auch über Architektur, Polizeigewalt und seine Katze.

Herr Wachtveitl, wie war es denn, wieder zusammen zu drehen?

Das war schön, keiner hat's verlernt. Sein Abgang damals war ja auch problemlos. Wir haben es zwar bedauert, aber er wollte sich halt nochmal in eine andere Richtung entwickeln und vielleicht auch ein Signal setzen, dass er für Hauptrollen infrage kommt, was ja dann auch geklappt hat.

Die Beziehung der drei Kriminaler steht im "Tatort" ja nicht wirklich im Fokus. Warum?

Freilich wird manchem diese alte Revier-Leberkäs-Weißwurst-Brezen-Gemütlichkeit fehlen. Ich hab dafür plädiert, dass wir am Anfang diese Wärme wieder vermitteln, das wäre dann auch ein starker Kontrast zur Hauptgeschichte gewesen.

Das Ausbleiben dieses herzlichen Wiedersehens könnte so manchen Fan enttäuschen.

Ja, eine gewisse Enttäuschung könnte da nicht ausbleiben. Aber es kommt ja auch im echten Leben vor, dass man alte Schulfreunde trifft, mit denen man sich nicht mehr viel zu sagen hat.

Stattdessen jagt ein Gewaltakt den nächsten. Wie realistisch ist das?

Das gibt's auf jeden Fall, dennoch soll der Film kein Polizei-Bashing sein. Vielmehr wollen wir zeigen, wie Menschen, Polizisten sind ja auch nur Menschen, mit dem Druck, mit dem Gefühl, aufgerieben zu werden zwischen Macht und Ohnmacht, mit dieser Frustration umgehen.

Am Anfang sind ja viele recht lange nackt. Hätten Sie sich für den "Tatort" auch ausgezogen?

Wir haben uns schon für Tatorte ausgezogen, für Liebesszenen. Aber Männer in der Männerdusche in Badehose zu zeigen, wäre einfach albern gewesen. Grundsätzlich ist inzwischen aber sehr viel weniger Nacktheit im Fernsehen, als früher.

Früher wurden eher Frauen nackt gezeigt.

Ja, aber das passiert fast gar nicht mehr, was bestimmt damit zu tun hat, dass es fast nur noch Redakteurinnen gibt.

Ein Aussteiger kam dagegen schon vor. Könnten Sie sich vorstellen, mal auszusteigen?

Ich hab die letzten drei Winter meinen Urlaub in Südostasien verbracht, das war schon sehr angenehm. Auf die Dauer müsste ich aber schon irgendwohin, wo eine Stadt in der Nähe ist. Ich bin ein Stadtmensch. Von Größe, Kulturangebot, den Entwicklungsmöglichkeiten und meiner Wohnsituation her, gefällt es mir München wahnsinnig gut. Ich find's nur etwas zu lange kalt, es müsste auf der Höhe von Rom liegen.

In der Stadt werden Sie aber sicher oft angesprochen.

Das passiert, klar. Wer das nicht erträgt, der muss einen anderen Beruf ergreifen. Ich bin aber natürlich nicht sonderlich scharf drauf, geschweige denn gehe ich extra in Leitmayr-Klamotten über den Viktualienmarkt, um zu schauen, wie viele Leute mich erkennen, um mein Selbstbewusstsein zu stärken. Die meisten Leute sind freundlich. Unangenehm wird es nur selten, meist haben die dann etwas getrunken und meinen, man wäre öffentliches Eigentum. Aber in München passiert das nicht oft. Die Leute sind hier einfach daran gewöhnt, irgendeiner Fernsehnase zu begegnen. Außerdem ist hier jeder der Star in seinem eigenen Film.

Sie interessieren sich für Architektur?

Ja, das ist schön. Ich hatte auch schon eine Kolumne in einer Architekturzeitschrift. Die Themen durfte ich mir aussuchen, ich war sozusagen der Libero. Und demnächst werde ich ein Buch herausgeben, in dem es auch um Architektur im Tatort geht.

Was ist das Spannende daran?

Die Konstruktion von Räumen, die Virtualisierung von Räumen, 3D-Aufnahmen, inszenierte Räume wie zum Beispiel italienische Piazze oder Trompe-l'œil-Architektur (das Auge täuschende Architektur; Anm. d. Red.). Eine andere Frage beschäftigt mich auch: Wird unsere Architektur nicht zu sehr von der Planer-Perspektive dominiert? Erleben wir Architektur stattdessen nicht besser wie im Film, also aus der Perspektive von ca.1,70 Meter über dem Boden, und im Zusammenhang mit Geschichten?

Es gibt Wohnungswesen-Experten, die die Wohnsituation des Menschen mit seinen Beziehungen vergleichen. Wer gerne selbst gestaltet, arbeitet häufig auch mehr an seinen Beziehungen, lautet eine These. Was halten Sie davon?

Ich wäre das exakte Gegenbeispiel.

Zurück zum Film: Wie weit darf die Polizei in ihrer Machtausübung gehen?

Einerseits sind Polizisten mächtig, sie üben das staatliche Gewaltmonopol aus. Das kann beim einzelnen Beamten, der sich nicht als Variable versteht, sondern als Machtzentrum, zu einem falschen Selbstbild führen: "Ich bin das Gesetz" - nichts könnte falscher sein, als das zu denken. Der Polizist muss dem Gesetz Geltung verschaffen, gemacht wird es von anderen. Das ist die große Errungenschaft der Gewaltenteilung.

Je nach Gegenüber ist das aber verständlicherweise nicht so einfach.

Dass es schwierig ist, wenn man zum fünften Mal einen Schläger wegen irgendwelcher juristischen Winkelzüge davonkommen lassen muss, ist klar. Dass man vielleicht den Impuls hat, dem jetzt mal zu zeigen, wie es ist, wenn man Prügel bekommt, ist ebenfalls mehr als verständlich. Wir wollen ja Menschen haben und keine Rechtsstaatsroboter. Trotzdem muss man es gerade von Polizisten verlangen, dass sie sich in einer Extremsituation besser unter Kontrolle haben als der Normalbürger.

Im "Tatort" haben es aber relativ viele nicht mehr unter Kontrolle.

Ja, da hat sich eine kriminelle Struktur verfestigt. Es geht nicht mehr um den einzelnen Wutausbruch oder eine absolut nachvollziehbare - wenn auch falsche - Aktion wie die des Ermittlers damals im Fall Metzler. Es war richtig, dass er alles getan hat, um das Leben des Jungen zu retten. Genauso richtig war es aber auch, dass er dafür, wie er es versucht hat, bestraft worden ist. Das hört sich schizophren an, ist es aber nicht. Aber das Maß und die Ausgestaltung der Strafe geben ja einen Hinweis darauf, dass die Rechtssystematik gewahrt bleibt, dass man aber Verständnis für die Situation hat.

Im "Tatort" liegen ja ständig bei irgendwem die Nerven blank. Was machen Sie denn, wenn das bei Ihnen mal der Fall ist?

Schlafen. Oder ich streichele die Katze.

(ili/spot)